Übergänge

in eine nachhaltige Entwicklung

03.08.2012

See unter der namibischen Wüste muss nachhaltig genutzt werden

In 250–350 Meter Tiefe wurde in Namibia ein Grundwassersee gefunden. Er ist mehr als 10.000 Jahre alt und sein Volumen entspricht der 400-fachen Menge des Wasser, das derzeit für die Trinkwasserversorgung der Region im Norden Namibias jährlich dem Kunene entnommen wird. Das ISOE fordert eine nachhaltige Nutzung dieser Grundwasserressource.


Springbok

Der Fund des tiefliegenden Grundwassersees Ohangwena II, der in 250–350 Metern Tiefe im Norden Namibias liegt, ging durch die Presse und weckte viele Hoffnungen: Mit 50 Brunnen für etwa 2,5 Mio. Euro ohne Einbeziehung der Infrastruktur sollte laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) für den Norden Namibias zusätzliches Trinkwasser bereitgestellt werden können. In einem Land wie Namibia, das als das trockenste des Süd-Sahel gilt, schlägt eine solche Nachricht ein wie eine Bombe. Begehrlichkeiten wachsen: Wasser für Menschen, Wasser für Viehtränken, Wasser für Landwirtschaft. Die Folgegeschichte scheint nach dem Sozialphilosophen Günther Anders zu verlaufen, der in seiner Technikkritik „Die Antiquiertheit des Menschen“ formulierte: „habere est adhibere“ (haben = anwenden) – wenn ich diesen Wasserschatz verfügbar habe, dann werde ich ihn auch nutzen.

Wie kam es zu diesem Fund durch die BGR, die gemeinsam mit dem namibischen Wasserministerium im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung forscht? Die BGR-Geologen haben die herkömmliche Bohrtiefe in Namibia von 100–120 Metern erheblich vergrößert: Dank moderner Bohrtechnik sind Tiefen über 200 Meter kein Problem mehr. Die so erkundeten Grundwasserleiter sind mehr als 10.000 Jahre alt, haben eine geringe Grundwasserneubildungsrate und liegen unterhalb von salzhaltigen Wasserschichten.

Doch bevor das Fell des Bären voreilig verteilt wird, sollte besonnen über eine nachhaltige Nutzung der enormen Wasserreserven nachgedacht werden. Zunächst muss erkundet werden, wie sich der gefundene Grundwasserleiter erneuert, wenn Grundwasser entnommen wird: Fließt erneuertes Grundwasser nach, das heißt, dynamisiert sich die Erneuerungsrate und passt sich dem Verbrauchsumfang an oder muss 10.000 Jahre gewartet werden? Besteht das Risiko eines Druckabfalls, der mit einem Absinken des Grundwasserspiegels einherginge? Wie und durch welches Messsystem wird ein solch komplexes Systemverhalten überprüft und bewertet? Kann es sein, dass sich Salz- und Süßwasser durch die Druckveränderung oder durch falsche Handhabung des technischen Geräts mischen? Wenn jetzt einfach dem Anders’schen Diktum gefolgt wird, kann ein großartiges Grundwassersystem entweder nachhaltig zerstört werden (zum Beispiel durch Versalzung) oder es wird einfach sehr „un-nachhaltig“ leergetrunken.

Diese Fragen lassen sich nur in einem gut angelegten Großexperiment überprüfen. Deutschland hat langjährige wissenschaftliche und technische Erfahrungen mit sogenannten tiefliegenden Grundwasserleitersystemen. Hierfür braucht es kalibrierte dreidimensionale Grundwassermodelle und ein vernetztes Messstellensystem. Deutschland hat jetzt alle Verantwortung mit dafür, dass dieses Wasser nachhaltig genutzt wird. Dies sollte auch Ausdruck in den anstehenden deutsch-namibischen Verhandlungen finden – zum einen, damit Günther Anders nicht recht behält, zum anderen müssen auch erst unterschiedliche Szenarien für die Nutzung und daraufhin ein entsprechendes Messkonzept erarbeitet werden, worauf auch der BGR besteht. Dies erfordert eine langfristige Zusammenarbeit mit gegenseitigen Lernprozessen. Bis dahin sollte das Wasser als Notreserve vorgehalten werden. Zum Beispiel, wenn in Angola der Fluss Kunene, der den Norden Namibias maßgeblich mit Wasser versorgt, während einer Trockenperiode zu wenig Wasser führt.

Das ISOE hat langjährige Erfahrung im Integrierten Wasserressourcen-Management (IWRM) in der Region. Im namibischen Cuvelai-Etosha-Basin leiten wir das Projekt CuveWaters. Vor Ort haben wir mit unseren Partnern verschiedene Pilotanlagen aufgebaut, um unterschiedliche Quellen (Regenwasser, Grundwasser, Flutwasser, Abwasser) mit Hilfe verschiedener Technologien zu nutzen. Dieser nachhaltige Ansatz, alle sich bietenden Wasserressourcen einer Region nachhaltig und effizient einzusetzen, muss Teil der Wasserversorgung in einem trockenen Land wie Namibia bleiben. Es wäre äußerst riskant, den Zugang der Bevölkerung zu sauberem Wasser von nur einer Quelle abhängig zu machen und die natürlichen Ressourcen für nachfolgende Generationen unwiederbringlich auszuschöpfen.

Autor: PD Dr. Thomas Kluge, Mitglied der Institutsleitung und Projektleiter von CuveWaters

 


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