GIA-Prototyp (190 kb pdf-file)
Gender & Environment-Forschung
Dr. Ines Weller,
Universität Bremen
Eigenprojekt
Im vom ISOE verfolgten transdisziplinären Forschungsansatz, der reflektiert weiter entwickelt wird, sind feministische Erkenntnisperspektiven integriert. Seit Gründung des Instituts 1989 wurde der Forschungsschwerpunkt "Gender & Environment" aufgebaut. Von diesem sind maßgebliche Impulse auf die deutsche Umweltforschung ausgegangen.
Die Bezeichnung "Gender & Environment" (nicht: "Frauen & Ökologie") greift die Erweiterung der Frauenforschung zur Forschung über Geschlechterverhältnisse auf. Der Bezug auf "Environment" statt auf Ökologie reflektiert einerseits, dass Ökologie zunächst nicht mehr ist als eine wissenschaftliche Unterdisziplin der Biologie. Andererseits soll hierdurch auch die vorherrschende Geschlechterblindheit der politischen Ökologie kritisch hinterfragt werden.
Die ersten Forschungen im Institut setzten sich mit dem in Deutschland Ende der achtziger Jahre heftig diskutierten Problem der "Müllberge" auseinander. Die Studie "Frauen und Müll – Frauen als Handelnde in der kommunalen Abfallwirtschaft" (1991) kritisierte die Verengung des Abfallproblems zu einem "Hausmüllproblem" in der öffentlichen Darstellung, insofern als der sog. Hausmüll damals nur rund 10 % der deutschen Abfallmengen ausmachte. Darüber hinaus problematisiert die Studie, dass mit der Einführung der Abfalltrennung im Haushalt eine Ausweitung der Hausarbeiten verbunden ist, die mehrheitlich aufgrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung die Frauen trifft. Die Thematisierung von Umweltverantwortung als vor allem einer Verantwortung "der Haushalte" wird als ein vorherrschendes Stereotyp des Umweltdiskurses gezeigt, das falsche "Lösungen" suggeriert. Mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse könne daher von einer "Feminisierung der Umweltverantwortung" gesprochen werden.
Die Studie "Frauen und Müll" war die einzige finanzierte Forschung im Schwerpunkt "Gender & Environment" des ISOE bis zum Jahr 2000. Dennoch wurde die Genderperspektive institutsübergreifend systematisch weiter entwickelt. 1992 veranstaltete das Institut in eigener Finanzierung eine Tagung zum Thema "Globalisierung der Stoffströme – Feminisierung der Verantwortung". Dabei wurden Perspektiven der feministischen Forschung des Nordens ("Konsum") zusammengebracht mit Entwicklungen in den Ländern des Südens ("Produktion"). Erstmalig wurde die Globalisierung von Konsumtions-, Produktions- und Vermarktungsprozessen (beispielhaft an Textilprodukten) sowohl hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse als auch hinsichtlich der Umweltfolgen kritisch dargestellt.
Durch die Umweltkonferenz in Rio 1992 kamen die Produktions- und Konsummuster der Industrieländer als ein zentrales Problem der globalen Umweltbelastungen in den Blick. Als Folge der Rio-Beschlüsse wurde in der deutschen Forschungsförderung ein Forschungsschwerpunkt zu "nachhaltigem Konsum" geschaffen. Das ISOE konnte geschlechtsspezifische Fragestellungen in eine Reihe von Konsum-Studien einbringen. So zeigt beispielsweise die empirische Ermittlung von 10 "Konsumstilen", die für das Umweltbundesamt durchgeführt wurde, dass eine starke Orientierung an Umweltgesichtspunkten bei denjenigen Konsumstilen Deutschlands zu finden ist, bei denen auch eine ausgeprägte Orientierung an einem partnerschaftlichen Geschlechtermodell vorherrscht. Die Behauptung, dass Geschlechtsunterschiede für die Umweltforschung relevant sind, konnte in verschiedenen ISOE-Studien empirisch belegt werden. Dies zeigt auch die im Auftrag des Umweltbundesamtes schließlich im Jahr 2000 vom ISOE durchgeführte Sekundärauswertung vorhandener empirischer Studien des UBA unter der Perspektive der "Folgen des Geschlechtsrollenwandels für Umweltbewußtsein und Umweltverhalten".
Eine Finanzierung der Genderforschung im Umweltbereich ist erst mit der Umsetzung der von der Europäischen Union beschlossenen Strategie Gender Mainstreaming erreicht worden. Das ISOE hat im Rahmen einer Evaluation des 5. Rahmenprogramms zur Forschung und technologischen Entwicklung der EU das Unterprogramm "Environment and Sustainable Development" einem Gender Impact Assessment unterzogen. Von den über 2000 Projekten, die bei diesem Unterprogramm (im 1. und 2. Call) eingereicht wurden, erwähnt nur ein einziges im Abstract Frauen. Dabei hätte das Programm mit seinem sozioökonomischen Focus durchaus Projekte mit integrierten Genderansätzen gefördert. Diese wurden jedoch nicht explizit im Programm erwähnt. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die Zahl der Forscher/innen, die sowohl über Kompetenzen in der Genderforschung als auch in der Umweltforschung verfügen, in Europa immer noch gering ist. Vorherrschend in der Umweltforschung sind zumeist naturwissenschaftlich-technische, techno-ökonomische oder monodisziplinäre Betrachtungen. Diese verhindern eine Wahrnehmung der Geschlechteraspekte.
Zurzeit erarbeiten Wissenschaftlerinnen des ISOE gemeinsam mit Mitarbeiter/innen des deutschen Umweltministeriums ein Konzept für die Durchführung eines Gender Impact Assessment (GIA) bei umweltpolitischen Maßnahmen. Von der routinemäßigen Durchführung einer "Gleichstellungsverträglichkeitsprüfung" bei allen Maßnahmen wird erhofft, mögliche negative Wirkungen auf die Geschlechter zu vermeiden und Genderaspekte in der Umweltpolitik adäquat zu berücksichtigen. Der entwickelte GIA-Prototyp (190 kb pdf-file) wurde seither in verschiedenen Projekten angewendet und weiterentwickelt.
Im ISOE werden mittlerweile Genderperspektiven über die Konsumforschung hinaus auch in der Wasserforschung, der Mobilitätsforschung, der Ernährungsforschung und der Forschung über "Demografische Entwicklungen und Versorgungssysteme" entwickelt. Ein Ziel für die Zukunft besteht darin, auch die Klimaforschung, die in der Umweltforschung eine Art Leitdisziplin darstellt, konzeptionell für Genderperspektiven zu erschließen.