Übergänge

in eine nachhaltige Entwicklung

28.11.2017

Leseempfehlung: Auswirkungen von Mikroplastik auf Umwelt und Gesellschaft

Das Thema Mikroplastik hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren, denn die für das bloße Auge kaum sichtbaren Kleinstpartikel sind inzwischen überall auf der Welt nachweisbar: in den Flüssen Europas ebenso wie in den Seen der Mongolei oder am Ende ihrer Reise – in den Meeren und Ozeanen der Erde. Wasserlebewesen gelten als gefährdet, weil sie die winzigen Plastikteile mit der Nahrung aufnehmen. Aber das wirkliche Ausmaß der möglichen Risiken ist noch längst nicht erforscht. Ihnen widmet sich die englischsprachige Neuerscheinung „Freshwater Microplastics“. Darin diskutieren auch die ISOE-Wissenschaftlerinnen Johanna Kramm und Carolin Völker die Auswirkungen der Partikel auf Umwelt und Gesellschaft.


Vor rund 40 Jahren wurden erstmals winzige Plastikreste im Meer entdeckt und wissenschaftlich erwähnt. Mit dem wachsenden Aufkommen der kleinen Partikel in den großen Gewässern stieg nicht nur das Bewusstsein für die Umweltproblematik von Kunststoffen, sondern auch die Zahl der Publikationen zum Thema Mikroplastik in den Meeren und Ozeanen. Erst in jüngster Zeit werden auch die sogenannten limnischen Ökosysteme in den Blick genommen: Seen, Flüsse und Bäche. Auch hier ist Mikroplastik inzwischen nachweisbar. Mit dem Buch „Freshwaters Microplastics. Emerging Environmental Contaminants?“ widmet sich erstmals ein interdisziplinärer Sammelband dem Thema Mikroplastik in Fließgewässern.

Zu den Herausforderungen einer Zeit, in der Kunststoff so umfangreich eingesetzt wird, zählt die Frage, wie die großen Mengen an Kunststoff auf Mensch und Umwelt wirken und wie die Auswirkungen wissenschaftlich zu bewerten sind. Sorgen bereitet etwa die Annahme, dass Mikroplastik über die Gewässer in die Nahrungskette gelangt und auch für Menschen gesundheitsschädigend sein könnte. Ob sie berechtigt ist, gilt in der Forschung aber noch als umstritten. In ihrem Beitrag „Understanding the Risks of Microplastics: A Social-Ecological Risk Perspective“ zeigen die Autorinnen Johanna Kramm und Carolin Völker, vor welchen Herausforderungen Wissenschaft und Gesellschaft stehen, wenn das globale Risikothema adäquat aufgegriffen, untersucht und kommuniziert werden soll.

Forschungsbedarf: Risiken, Lebenszyklen und globale Verteilungswege von Plastik verstehen    

Die Forscherinnen beschäftigen sich am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung mit systemischen Risiken von Plastik. Aber um welche Risiken geht es überhaupt? Welche Rolle spielen Medien bei der Kommunikation möglicher Risiken? Kramm und Völker nehmen Verantwortlichkeiten in den Bereichen Herstellung, Konsum und Entsorgung von Plastik in den Blick und hinterfragen derzeitige Lösungsstrategien, wie etwa Selbstverpflichtungen der Industrie. Können die Hersteller dazu beitragen, Risiken zu minimieren?

Damit greifen die Wissenschaftlerinnen Fragen der aktuellen wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte auf. Sie empfehlen dringend eine tiefergehende Forschung über unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Denn die Datenlage zu möglichen Umwelt- und Gesundheitsrisiken von Plastik in der Umwelt ist widersprüchlich. Als weitgehend unstrittig gelten die hormonellen Wirkungen von Weichmachern aus Kunststoffen auf im Wasser lebende Organismen, für andere Wirkungen fehlen belastbare Daten.

Auch raten Kramm und Völker zu einer Intensivierung der Forschung über die weltweite Vernetzung des Plastikproblems und deren Ursachen. Dabei spielt die Debatte um Abfallentsorgung und Recycling genauso eine Rolle wie globale Plastikwarenströme oder Konsumenten- und Produzentenverantwortung. Insbesondere mit Blick auf die Länder des Globalen Südens, wo eine wachsende Mittelschicht immer mehr Kunststoffprodukte nachfragt, zeichnet sich ihrer Meinung nach ein folgenreiches Konsumszenario mit entsprechender Abfallproblematik ab. Es sei deshalb dringend notwendig, den gesamten „Lebenszyklus“ von Kunststoffverpackungen – von der Produktion über den Vertrieb, den Verbrauch und die Entsorgung bis hin zu Einträgen in die Umwelt – global zu betrachten. Aufgrund der Komplexität des Mikroplastik-Phänomens sollte sich die Forschung auch auf die Frage konzentrieren, wie ein gesellschaftlicher Umgang mit Ungewissheit angesichts möglicher Risiken im Umgang mit Plastik aussehen kann.

Understanding the Risks of Microplastics: A Social-Ecological Risk Perspective.
In: M. Wagner, S. Lambert (eds.), Freshwater Microplastics, Emerging Environmental Contaminants? The Handbook of Environmental Chemistry 58, Springer, Cham 2018 DOI 10.1007/978-3-319-61615-5
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-319-61615-5_11

Die Humangeographin Johanna Kramm und die Ökotoxikologin Carolin Völker leiten am ISOE die Nachwuchsgruppe „PlastX – Kunststoffe als systemisches Risiko für sozial-ökologische Versorgungssysteme“, deren Forschungsarbeit vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.


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