Übergänge

in eine nachhaltige Entwicklung

17.01.2017

Leseempfehlung: Reallabore im transdisziplinären Forschungsprozess

Reallabore etablieren sich zunehmend als neues Forschungsinstrument, mit dem sozial-ökologische Transformationen angestoßen werden sollen. Forschungsförderer und Wissenschaft versprechen sich zudem ein besseres Verständnis von Gestaltungsprozessen nachhaltiger Entwicklung. Offen ist aber bislang, ob und wie Reallabore über bereits etablierte Forschungsansätze hinausgehen. In einem jetzt erschienenen Beitrag in der Zeitschrift GAIA zeigen die Autoren Thomas Jahn und Florian Keil, warum es zur Klärung dieser Frage hilfreich ist, den Diskurs um Reallabore mit dem um Transdisziplinarität zu verknüpfen.


Ausschnitt Titel GAIA 4/2016

Der Begriff „Reallabor“ hat in den letzten Jahren beachtlich an Popularität gewonnen. Doch was steckt hinter dem Boom dieses Begriffs? Zwar klingt er in kritischen soziologischen Arbeiten, etwa von Bruno Latour oder Ulrich Beck, schon früh an. In den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs floss er aber eher aus der Forschungspolitik ein. Die Autoren Jahn und Keil begrüßen das neue Aufkommen des Begriffs und das große Interesse an einem Instrument, das der Wissenschaft bei der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme helfen kann. Sie regen jedoch an, kritisch zu hinterfragen, wo Reallabore über etablierte Modi partizipativer Forschung hinausgehen oder inwieweit sie diese um originäre methodische Beiträge ergänzen.

Idealtypisches Reallabor: Realitätscheck für transdisziplinäres Problemwissen

Um das zu klären, schlagen Jahn und Keil vor, den neuen Diskurs um Reallabore eng mit dem laufenden Diskurs um Transdisziplinarität zu verknüpfen. Hierfür integrieren sie Reallabore konzeptionell in ein Modell des idealtypischen transdisziplinären Forschungsprozesses. Nach diesem Ansatz beginnen Reallabore dort, wo zuvor transdisziplinär erzeugtes Wissen in der gesellschaftlichen Praxis angewendet oder umgesetzt wird. Reallabore greifen hier also in gesellschaftliche Prozesse mit dem Ziel ein, anerkanntes Problemwissen für die Gestaltung sozial-ökologischer Transformationen zu nutzen. Inwieweit dieses Wissen seinem transdisziplinären Anspruch gerecht werde, sozial robust zu sein, bestimme wesentlich mit, ob der angestoßene Transformationsprozess gelinge oder scheitere, so Jahn und Keil. Reallabore würden somit ein Gelegenheitsfenster für den Realitätscheck transdisziplinären Problemwissens bieten und dabei ein bislang unbestimmtes „Gebiet“ auf der Karte des idealtypischen transdisziplinären Forschungsprozesses auszeichnen.

Reallabore und die Produktion wissenschaftlichen Wissens

Die Autoren schließen damit aber nicht aus, dass auch in Reallaboren neues wissenschaftliches Wissen erzeugt werden kann. Denn zum einen sei davon auszugehen, dass in Reallaboren angestoßene sozial-ökologische Transformationen nur selten nach Plan verlaufen. Gerade unerwartete Ereignisse seien aber wissenschaftlich interessant, da diese die angenommene soziale Robustheit des eingesetzten Wissens untergraben und so Räume für Lernprozesse eröffnen würden. Wie sich diese ganz praktisch organisieren lassen, sei jedoch bislang noch nicht geklärt. Zum anderen sehen Jahn und Keil die von anderen Forschenden ins Spiel gebrachte Möglichkeit, Reallabore als neue sozialwissenschaftliche Methodik einzuführen. Auf diese Weise könnte in ihnen Wissen erzeugt werden, das auch über den gegebenen Fall hinaus helfe, Transformationen gezielter anzugehen. Allerdings, so geben die beiden Autoren zu bedenken, würden sich Reallabore dann faktisch in Richtung klassischer Mode-1-Forschung bewegen.

Wichtiger Beitrag für eine verstehende und gestaltende Nachhaltigkeitswissenschaft

In ihrem Fazit vertreten Jahn und Keil die Ansicht, dass, je stärker der Fokus auf die Erzeugung neuen wissenschaftlichen Wissens gelegt werde, der Diskurs um Reallabore in letzter Konsequenz in den Diskurs um Transdisziplinarität übergehe und diesen dabei verändere und weiterentwickle. Die von Ihnen vorgeschlagene konzeptionelle und methodische Trennung biete die Voraussetzung, um Reallabore und Transdisziplinarität konsequent aufeinander zu beziehen. Dies könne beide Konzepte und damit auch eine verstehende und gestaltende Nachhaltigkeitswissenschaft theoretisch und praktisch entscheidend voranbringen.


Über die Autoren

Thomas Jahn ist Sprecher der Institutsleitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main und Sprecher des Tätigkeitsschwerpunkts „Ökosystemleistungen und Klima“ im Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F). Seine Forschungsschwerpunkte: gesellschaftliche Naturverhältnisse, transdisziplinäre Methoden und Konzepte, sozial-ökologische Wissenschaftsforschung.

Florian Keil ist Gründer von keep it balanced, Berlin. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Konzepte und Methoden transdisziplinärer Forschung, Wissenschaftskommunikation und Beratung inter- und transdisziplinärer Forschungsvorhaben.

Zum Artikel Jahn, Thomas/Florian Keil (2016) Reallabore im Kontext transdisziplinärer Forschung. GAIA 25 (4), 246-252
https://www.oekom.de/fileadmin/zeitschriften/gaia_leseproben/GAIA4_2016_247_252_Jahn.pdf


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