Übergänge

in eine nachhaltige Entwicklung

23.08.2017

Umweltgerechtigkeit: die soziale Dimension von Umwelt- und Naturschutz

Das Thema Umweltgerechtigkeit gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit. Dabei geht es zum Beispiel um Fragen nach dem gerechten Zugang zu Natur und natürlichen Ressourcen – auch mit Blick auf künftige Generationen. Um Antworten auf solche Fragen zu bündeln, hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen neuen Arbeitsschwerpunkt „Naturschutz und soziale Fragen“ eingerichtet und Anfang des Jahres zu einem Expertengespräch nach Bonn eingeladen. Die jetzt erschienene Dokumentation bildet den aktuellen politik- und sozialwissenschaftlichen Diskurs zum Thema Umweltgerechtigkeit ab – die sozial-ökologische Perspektive darin stellt ISOE-Biodiversitätsexpertin Marion Mehring vor.


Spaziergang im Wald

Gerechtigkeitsfragen zum Naturschutz sind vielfältig: Gibt es einen gerechten Zugang zu Natur? Haben alle die gleichen Möglichkeiten, Natur zu nutzen? Werden alle Bevölkerungsgruppen an Planungs- und Entscheidungsprozessen zum Naturschutz beteiligt oder liegen Entscheidungen bei privilegierten Gruppen? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass soziale Fragen des Naturschutzes sehr viel stärker in den Mittelpunkt gestellt werden müssen.

Marion Mehring, Leiterin des ISOE-Forschungsschwerpunktes Biodiversität und Bevölkerung, machte beim Expertengespräch deutlich, dass Umweltgerechtigkeit überhaupt erst ermittelt werden kann, wenn die unterschiedlichen Wertevorstellungen von Natur aller gesellschaftlichen Akteure in den Blick genommen werden. Wer verfolgt welche Motive bei der Nutzung von Leistungen, die die Natur erbringt? Beispiel Wald: Für viele ist er ein wichtiger Erholungsraum, für die Forstwirtschaft hingegen steht die Holznutzung im Vordergrund. Das heißt, die Nutzung sogenannter Ökosystemleistungen kann sehr unterschiedlich sein, in Konkurrenz zueinander stehen und damit zu Konflikten führen. Die vielfältigen Ansprüche an die Natur zu erkennen, sei eine wichtige Voraussetzung, um das Verhältnis von Naturnutzung und Naturschutz besser zu verstehen und zu gestalten, sagt Mehring.

Verständnis von Natur und Gesellschaft überdenken

Die Biodiversitätsexpertin verweist außerdem darauf, dass das westlich geprägte Verständnis von „Natur versus Mensch“ zwar typisch sei für die Gründungsidee des Naturschutzes in den 70er-Jahren, heute aber deutlich zu kurz greife. Damals meinte man, mithilfe von Schutzgebieten die Natur vor den Menschen schützen zu müssen, während man heute den Grundsatz verfolge, Natur müsse für den Menschen geschützt werden. „Dieser Auffassung liegt aber immer noch die Idee von Natur und Menschen als Gegensatzpaar zugrunde“, sagt Marion Mehring. Diese Dichotomie sei nicht hilfreich und müsse aufgelöst werden.

„Es gibt keinen Fleck auf der Erde, der nicht durch menschliches Handeln beeinflusst ist“, so Mehring. Das habe Einfluss auf Natur und Menschen gleichermaßen, wie der Klimawandel, die Einschleppung von Krankheitserregern oder die Verschmutzung der Ozeane durch Plastik deutlich machten. Deshalb sei es ein so wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem neuen Verständnis von Naturschutz, eine sozial-ökologische Perspektive auf das Verhältnis von Natur und Gesellschaft einzunehmen. Diese habe inzwischen Eingang gefunden in das konzeptionelle Rahmenwerk des Weltbiodiversitätsrates IPBES. „Denn nur, wenn wir die Wechselwirkungen zwischen menschlichem Handeln und Natur berücksichtigen, können wir die komplexen Zusammenhänge tatsächlich erfassen und Gerechtigkeitsfragen sinnvoll in den Blick nehmen.“ 

Die Ergebnisse des Expertengesprächs am 1. und 2. Februar 2017 fließen in den weiteren Aufbau des BfN-Arbeitsschwerpunktes „Naturschutz und soziale Fragen“ sowie in die Umsetzung des Handlungsprogramms Naturschutz-Offensive 2020 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ein.

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