Nachhaltige Entwicklung

Strategie-Kompass für globale Netzwerke der Nachhaltigkeitsforschung

Zur Lösung komplexer Nachhaltigkeitsprobleme ist das Wissen vieler unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen gefragt. Aber auch Erfahrungs- und Alltagswissen von gesellschaftlichen Akteuren spielt eine entscheidende Rolle. Um wirkungsvolle Ergebnisse für gesellschaftliche Transformationen zu erzielen, muss sich Wissenschaft deshalb für die Koproduktion von Wissen öffnen. Forschungsnetzwerke können diesen Prozess unterstützen. Wissenschaftler*innen haben in einer Studie unter Federführung von Flurina Schneider, wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, untersucht, worauf es dabei ankommt. 

 

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Foto: Stephan Böhm – stock.adobe.com

Der Global Sustainable Development Report 2019 der Vereinten Nationen benennt die Wissenschaft neben Governance, Wirtschaft und Finanzen sowie individuellem und kollektivem Handeln als einen von vier Ansatzpunkten zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals SDGs). Damit Wissenschaft aber wirksame Lösungen für die komplexen Fragestellungen der Nachhaltigkeitstransformation hervorbringen kann, wird immer häufiger die Transformation der Wissenschaft selbst gefordert. Dazu gehört etwa die Forderung nach einer veränderten Wissensproduktion. 

Um globale Herausforderungen wie zum Beispiel den Klimawandel zu bewältigen, reiche ein rein wissenschaftlich generiertes Wissen nicht aus, so die Begründung. Vielmehr müsse auch das Erfahrungswissen von gesellschaftlichen Akteuren berücksichtigt werden. Denn die gemeinsame „Produktion“ von Wissen erhöhe die Relevanz, Anschlussfähigkeit und die Umsetzbarkeit von Forschungsergebnissen. Die Vorgehensweise, über verschiedene Disziplinen hinweg auch neue Partnerschaften mit Akteuren aus Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft für die Koproduktion von Wissen einzugehen, ist in der Wissenschaft noch vergleichsweise neu. Eine aktuelle Studie hat nun erstmals untersucht, wie global vernetzte Institutionen der Nachhaltigkeitsforschung dazu beitragen können, die Koproduktion von Wissen zu fördern.

Netzwerk-Kompass für die Koproduktion von Wissen

Am Beispiel von elf globalen nachhaltigkeitsorientierten Forschungsnetzwerken wie dem Global Land Project, der Mountain Research Initiative oder der Alliance for Inter- and Transdisciplinary Research zeigen die Autor*innen um Flurina Schneider in ihrer Studie Co-Production of Knowledge and Sustainability Transformations: A Strategic Compass for Global Research Networks, wie viel Potenzial diese Netzwerke für die Intensivierung der Wissenskoproduktion in der Forschung haben und wie sie es mithilfe eines „Netzwerk-Kompass“ ausschöpfen können. „Der Netzwerk-Kompass hebt vier miteinander verknüpfte Handlungsfelder hervor, mit denen globale Netzwerke den gemeinsamen Prozess der Wissenskoproduktion effektiv unterstützen können“, erklärt Flurina Schneider, wissenschaftliche Geschäftsführerin am ISOE und Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt.

So können Forschungsnetzwerke zunächst einmal unterschiedliche Akteure zusammenbringen und dadurch die gemeinsame Wissensproduktion ermöglichen (z.B. über die Organisation von Konferenzen). Zudem können sie die einzelnen Mitgliedsinstitutionen ganz gezielt in ihrem Forschungsalltag bei der Koproduktion von Wissen unterstützen (z.B. durch Trainingskurse). Darüber hinaus spielt die Förderung von Koproduktionsprozessen zwischen den Mitgliedsinstitutionen eine wichtige Rolle, um ihre transformative Kraft insgesamt zu verstärken (z.B. über Synthesen für globale Assessment Bodies wie IPCC). Schließlich sind Innovationen innerhalb des Netzwerks selbst zentral: „Damit Netzwerke die Koproduktion von Wissen effektiv fördern können, müssen sie häufig ihre eigenen Strukturen und Prozesse verändern. Dies reicht von der Überarbeitung der Strategiepläne bis zur Durchführung von Modellprojekten,“ sagt Flurina Schneider. 

Strategie-Werkzeug für Planung und Evaluierung in der Nachhaltigkeitsforschung 

Hintergrund der Studie, die nun in der renommierten Zeitschrift Current Opinion in Environmental Sustainability erschienen ist, war die Beobachtung der Autor*innen, dass es bereits eine Vielzahl an Werkzeugen für die Koproduktion von Wissen im lokalen Kontext gibt, vor allem für konkrete Projekte. „Wir haben aber gesehen, dass die globalen Netzwerke bislang über kein geeignetes strategisches Werkzeug verfügen, um den Prozess der gemeinsamen Wissensproduktion und Nachhaltigkeitstransformation zu begleiten und zu verstärken“, so Schneider. Hierfür könne der Netzwerk-Kompass ein zentrales Instrument sein, da er den Forschungsnetzwerken nicht nur für die künftige Strategieplanung ein geeignetes Werkzeug bietet, sondern darüber hinaus auch für die Evaluierung vergangener Nachhaltigkeitsaktivitäten hilfreich sein kann. 


Schneider, Flurina/Theresa Tribaldos/Carolina Adler/Reinette (Oonsie) Biggs/Ariane de Bremond/Tobias Buser/Cornelia Krug/Marie-France Loutre/Sarah Moore/Albert V. Norström/Katsia Paulavets/Davnah Urbach/Eva Spehn/Gabriela Wülser/Ruben Zondervan (2021): Co-production of knowledge and sustainability transformations: a strategic compass for global research networks. Current Opinion in Environmental Sustainability 49 (April), 127-142 https://doi.org/10.1016/j.cosust.2021.04.007 

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