Zukunft gestalten im Anthropozän

Gestaltungsprinzipien für eine kritische Nachhaltigkeitsforschung

Krisendiagnosen haben Konjunktur: Überwiegend düstere Fakten zum Klimawandel, dem Verlust der Artenvielfalt oder der Übernutzung von Ressourcen nehmen gegenwärtig mehr Raum ein als konstruktive Empfehlungen für eine nachhaltige Entwicklung. Dabei liegen in jeder Krise auch die Chancen zu ihrer Überwindung bereit. Mit der Tagung „Aufbruch in die Gegenwart – Die sozial-ökologische Zukunft heute gestalten“ lud das ISOE am 28. November 2019 dazu ein, über die Gestaltungsmöglichkeiten der Gegenwart zu diskutieren. Mehr als 120 Gäste aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft folgten der Einladung nach Frankfurt am Main.

| Pressemitteilung
Podiumsgäste (v.l.n.r.): Prof. Dr. Stephan Lessenich, Prof. Dr. Gabriele Dürbeck, Dr. Thomas Jahn, Prof. Dr. Thomas Hickler, Prof. Dr. Sabine Höhler, Stephan M. Hübner (Foto: ISOE)

Im Anthropozän, dem vom Menschen gestalteten Erdzeitalter, überwiegt ein pessimistisches Bild vom Zustand des Planeten. Die Spuren, die „die Zivilisation“ hinterlassen hat, stellt die Menschheit jetzt vor gewaltige Herausforderungen – und vor die Frage, wie diese global bewältigt werden können. In diese Diskussion hat das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung im Zuge seiner Tagung einen konkreten Vorschlag eingebracht. „Wir haben unseren Ansatz für eine sozial-ökologische Gestaltung im Anthropozän in sechs Prinzipien übersetzt, an denen sich eine kritische Nachhaltigkeitsforschung orientieren sollte, die Gestaltungsprozesse anstoßen und begleiten will“, sagte Thomas Jahn, Sprecher der Institutsleitung des ISOE zur Eröffnung der Tagung. 

Um echte Alternativen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu entwickeln, sollten sich alle, die sich sowohl wissenschaftlich als auch praktisch um diese Alternativen bemühen, über einige prinzipielle Voraussetzungen verständigen. „Dazu gehört, dass es kein globales ‚Wir‘ gibt und dass es keine globale Verständigung darüber geben kann, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht – aber auch nicht geben muss,“ sagte Jahn. Vielmehr gehe es um eine Verständigung der vielen „Wir-Gemeinschaften“ darüber, wie sich Vorstellungen und Wünsche von Entwicklung mit dem planetarisch Möglichen in Beziehung setzen lassen. Diese Verständigung müsse sich an fundamentalen Werten wie generationaler und globaler Gerechtigkeit orientieren. 

„Entwicklung ist ein ergebnisoffener, nur begrenzt steuerbarer Prozess“

Die Gestaltungsprinzipien beschäftigen sich im Einzelnen mit den Fragen, wie Gesellschaft und Natur in Beziehung zu setzen sind oder wie mit den Grenzen von Gestaltung und wie mit Komplexität umzugehen ist. Sie thematisieren auch die Notwendigkeit, sozial-ökologische Systeme gegenüber absehbaren Umweltveränderungen widerstandsfähig zu machen und die praktisch wirksame Teilhabe aller betroffenen Akteure zu gewährleisten. „Denn Entwicklung ist ein ergebnisoffener, nur begrenzt steuerbarer Prozess, der von einem Verständnis der eigenen Möglichkeiten und Begrenzungen getragen sein muss,“ betonte Thomas Jahn. Dafür lieferten die ISOE-Gestaltungsprinzipien für eine sozial-ökologische Zukunft Denkanstöße. 

Vier Impulsreferate griffen diese Denkanstöße unmittelbar auf: Prof. Dr. Sabine Höhler vom KTH Royal Institute of Technology in Stockholm skizzierte den Gestaltungshorizont eines „besseren Wissens“ zwischen zwei Extremen im gegenwärtigen Krisendiskurs – Leugnung und Prophetie. Prof. Dr. Gabriele Dürbeck, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Vechta, zeigte, welche Gestaltungsmöglichkeiten in den gegenwärtigen Narrativen zum Anthropozän angelegt sind. Prof. Dr. Thomas Hickler, Biodiversitätsforscher am Senckenberg BiK-F betonte die Bedeutung der Transdisziplinarität für die Nachhaltigkeitsforschung und thematisierte das problematische Verhältnis zwischen hohem Handlungsdruck und großen Unsicherheiten in der Wahl der Mittel. Der Soziologe Prof. Dr. Stephan Lessenich von der LMU München widmete sich dem Gestaltungsprinzip der praktischen Teilhabe und hob die Bedeutung einer notwendigen tieferen demokratischen Transformation für nachhaltige Entwicklung hervor.

In Diskussionsforen zu den konkreten Gestaltungsfeldern Wasser, Biologische Vielfalt, Mobilität, Nachhaltiger Konsum und Wissenschaft wurden die Gestaltungsprinzipien weiter diskutiert. Die Ergebnisse fließen in das ISOE-Forschungsprogramm der Frankfurter Sozialen Ökologie ein.

Soziale Ökologie: „Frankfurter Alleinstellungsmerkmal“ 

Das Forschungsprogramm des ISOE war auch am Vorabend der Tagung zentrales Thema – bei der ISOE-Feier zum 30-jährigen Bestehen. Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn bedankte sich für „die unbequeme, hartnäckige Arbeit“, mit der das ISOE Vorreiter auf einem Gebiet gewesen sei, auf dem es neben technologischem Fortschritt auch Bewusstseinsänderungen brauche. Damit habe es sich einen festen Platz in der Wissenschaft erworben. Dorn hob den ganzheitlichen Blick des Frankfurter Instituts für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung hervor, mit dem schon in den wissenschaftlichen Fragestellungen die Gesellschaft „mitgenommen“ werde. Das sei unerlässlich in Zeiten, in denen die Klimafrage das Potenzial zur Spaltung der Gesellschaft mit sich bringe. 

Rosemarie Heilig, Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt, erinnerte an das erste Projekt in der Geschichte des ISOE, für das die Stadt am Main 1989 den Auftrag erteilt hatte. Schon damals sei die gesellschaftspolitische Dimension von Umweltfragen so vorbildlich wie wegweisend von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des ISOE berücksichtigt worden. Damit sei das Institut seiner Zeit 30 Jahre voraus gewesen. Zu den Festrednerinnen gehörte auch Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink von der Goethe-Universität Frankfurt. Die Soziologin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hob die Bedeutung eines an der Kritischen Theorie orientierten Konzepts der gesellschaftlichen Naturverhältnisse hervor, wie es im ISOE-Forschungsprogramm der Sozialen Ökologie beschrieben ist, und bedankte sich für die erfolgreiche Zusammenarbeit im Studiengang Umweltmaster. Mit der Konzeption dieses Studienangebots und dem Modul „Soziale Ökologie“ habe das ISOE ein „Frankfurter Alleinstellungsmerkmal“ geschaffen. 

Weitere Informationen

Zur Tagungsseite Aufbruch in die Gegenwart – Die sozial-ökologische Zukunft heute gestalten 
Zur Jubliäumsseite 30 Jahre ISOE

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