Bereichsbild Alltagsökologie, Energie, Konsum: Bildausschnitt Mohn-Käse-Brötchen

 

Alltagsökologie, Energie, Konsum

 

 

 

Projekt:
Strategien für sozial-ökologische Transformationen im gesellschaftlichen Handlungsfeld Umwelt – Ernährung – Gesundheit

Verbundprojekt im Rahmen von ökoforum

Projektpartner:

Öko-Institut e.V. (Gesamtprojektleitung)
Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW);
Katalyse – Institut für angewandte Umweltforschung e.V.; Österreichisches Ökologie-Institut

projekteigene Webseiten

Projektleitung "Ernährung im Alltag":

Dr. Doris Hayn

Bearbeitung im ISOE:

Dr. Doris Hayn
Dr. Immanuel Stieß
Dr. Konrad Götz
Stephanie Schubert
Dr. Irmgard Schultz
Barbara Birzle-Harder
Claudia Empacher (bis 12/2003)

Laufzeit:

07/2002–09/ 2005
abgeschlossen

Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung


Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung

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Publikationen

 

Ernährungswende. Eine Heraus-forderung für Politik, Unter-nehmen und Gesellschaft (2006).  München: oekom verlag.

Flyer zum Buch (pdf-file, 166 kb) -  Pressemappe zur Buchvorstellung (pdf-file, 340 kb)

Empacher, Claudia/Hayn, Doris (2005): Ernährungsstile und Nachhaltigkeit im Alltag. In: Brunner, Karl-Michael/Gesa Schönberger (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel – Konsum. Frankfurt am Main/New York: Campus-Verlag

Aktionsplan Ernährung muss um Umweltaspekte und ethische Ziele erweitert werden:
Pressemitteilung (09.05.2007)

Bio im Discounter: Chance für eine Ernährungswende im Alltag? Vortragscharts (94 kb, pdf-file)

 

Ernährungswende

Die Ernährungssituation in Deutschland hat sich zum Dauerproblem entwickelt. Lösungsansätze dürfen allerdings nicht nur Einzelprobleme fokussieren, sondern müssen die vielfältigen miteinander verzahnten ökologischen, gesundheitlichen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen berücksichtigen. Das Verbundprojekt Ernährungswende hat untersucht, welche Veränderungen für eine nachhaltige Ernährung nötig sind – eine Ernährung, die umweltverträglich und gesundheitsfördernd ist und auf Angebote und Strukturen zurückgreift, die alltagsadäquat gestaltet sind und soziokulturelle Vielfalt ermöglichen. Ausgehend von der vom ISOE entwickelten Typologie der Ernährungsstile sowie Analysen der Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Handlungsfeld Umwelt-Ernährung-Gesundheit wurde der Handlungsbedarf einer Ernährungswende bestimmt. Den Rahmen für die Konkretisierung von Handlungsstrategien für Politik, Unternehmen und Gesellschaft bilden dabei die Grundsätze "Verantwortung teilen", "Kompetenzen stärken", "Qualitäten bündeln" und "Strukturen bilden".

Wege zu einer Ernährungswende

Das Handlungsfeld Ernährung ist in Bewegung geraten. Die Neuorientierung der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik und Akteursallianzen wie die Plattform "Ernährung und Bewegung" belegen dies gleichermaßen. Auch der Ernährungsalltag befindet sich im Wandel. Eingespielte Routinen geraten angesichts zunehmender Enthäuslichung und Flexibilisierung der Ernährung unter Druck. Zugleich machen die wachsende Gesundheitsorientierung sowie das zunehmende Interesse an Ernährungsfragen Anknüpfungspunkte für Veränderungen sichtbar. Wie aber können Entwicklungen so gestaltet werden, dass Ernährung umweltverträglich und gesundheitsfördernd ist, Angebote und Strukturen alltagsadäquat gestaltet sind und soziokulturelle Vielfalt ermöglichen? Das Projekt Ernährungswende hat untersucht, wie dieser Wandel in Richtung Nachhaltigkeit gelenkt werden kann.

Die Konsumentinnen und Konsumenten im Fokus

Dem bisher stärker produktbezogenen Zugang zum Thema Ernährung stellte das Projekt die Perspektive der Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber. Da Ernährung, insbesondere aus KonsumentInnenperspektive, eng mit Gesundheits- und Umweltaspekten verbunden ist, wird die Verknüpfung dieser drei Bereiche zu einem integrierten Handlungsfeld als Voraussetzung für eine nachhaltigere Gestaltung angesehen. Ernährung wurde dabei anhand von vier Problemzugängen untersucht: "Ernährung im Alltag", "Ernährung und Produkte", "Ernährung Außer-Haus" sowie "Ernährung und Öffentlichkeit".

Ernährungshandeln im Alltag

Das ISOE-Teilprojekt "Ernährung im Alltag" fokussierte auf den zentralen Ansatzpunkt einer Ernährungswende: die Konsumentinnen und Konsumenten in ihrem jeweiligen Alltagskontext. In einer repräsentativen Untersuchung wurde ermittelt, welche Orientierungen und Verhaltensmuster den Alltag der Deutschen prägen. Auf Basis dieser Ergebnisse entwickelte das ISOE eine Typologie von Ernährungsstilen. Diese zeigt ein differenziertes Bild der Wünsche und Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen. Sie verdeutlicht zudem, dass eine Ernährungswende am Bedürfnis nach Entlastung, am Wunsch der Konsumentinnen und Konsumenten nach Vereinfachung und Komplexitätsreduktion ansetzen muss. Dafür bedarf es zielgruppenspezifischer Strategien, die den unterschiedlichen Handlungsmustern Rechnung tragen.

Handlungsgrundsätze einer Ernährungswende

Die Untersuchung des Ernährungsalltags und die Analyse der Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Handlungsfeld Umwelt-Ernährung-Gesundheit zeigte, dass Handlungsbedarf für eine Ernährungswende sowohl hinsichtlich der politischen Rahmenbedingungen als auch in Bezug auf die Gestaltung von Ernährungsangeboten und Infrastrukturen sowie der Ausrichtung von Ernährungsleitbildern besteht. Zusammen mit dem handlungsleitenden Prinzip "Vorsorge" bilden die vier im Projekt herausgearbeiteten Handlungsgrundsätze "Verantwortung teilen", "Kompetenzen stärken", "Qualitäten bündeln" und "Strukturen bilden" den Rahmen für die Konkretisierung und Ausdifferenzierung von Handlungsstrategien einer Ernährungswende.

Eine Ernährungswende als gesellschaftlich getragenes Gemeinschaftsprojekt kann weder allein von Politik oder Unternehmen noch allein von den Konsumenten und Konsumentinnen realisiert werden. Denn nachhaltige Ernährung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und bedarf einer geteilten Verantwortungsübernahme. In weitaus stärkerem Maße als bisher sind Akteure der professionellen Praxis gefordert, entsprechend ihrer jeweiligen Handlungsmöglichkeiten ihren Teil der Verantwortung wahrzunehmen – sowohl für eine nachhaltige Gestaltung von Ernährungsangeboten als auch für eine nachhaltige Ernährungspraxis – und private Haushalte bei der Übernahme von Eigenverantwortung zu unterstützen. Für Lebensmittelindustrie und -handel bedeutet dies bspw., sich nicht darauf zu beschränken, einwandfreie Produkte bereitzustellen, sondern sich auch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Konsums dieser Angebote auseinanderzusetzen.

Ebenso wie die Konsumentinnen und Konsumenten benötigen die Akteure der professionellen Praxis – unabhängig davon, ob sie Ernährungsprodukte und -dienstleistungen gestalten und anbieten oder zu Ernährungsfragen informieren und beraten – eine kontinuierliche Kompetenzstärkung, um ihr professionelles Handeln konsequent am Ziel nachhaltiger Ernährung auszurichten. Denn eine Verantwortungsübernahme im Sinne einer Ernährungswende setzt die Fähigkeit voraus, theoretische Kenntnisse und praktische Fertigkeiten in konkreten Situationen in adäquates Handeln umzusetzen. Bei den Konsumentinnen und Konsumenten schließt dies Koch-, Konsum-, Finanz-, Gesundheits- und Medienkompetenzen ebenso ein wie übergreifende Beurteilungs- und Entscheidungskompetenzen. Diese sind alltagsnah zu vermitteln, sollen nachhaltige Ernährung erlebbar machen und zum Einüben neuer Handlungsmuster anregen.

Trotz insgesamt rückläufiger Ausgaben für Ernährung zeigt eine wachsende Zahl von Konsumenten und Konsumentinnen Interesse an hochwertigen und ökologischen Produkten. Ernährungsangebote weisen bislang zumeist nur einzelne Qualitäten einer nachhaltigen Ernährung auf, während eine Bündelung von Qualitäten, die den vielfältigen, ausdifferenzierten Anforderungen der Konsumentinnen und Konsumenten an Produkte und Dienstleistungen gerecht wird, bislang zumeist fehlt. Unterschiedliche nachhaltigkeitsorientierte Qualitäten wie "bio", "gesundheitsfördernd", "regional", "artgerecht" oder "fair gehandelt" sind dabei miteinander zu verknüpfen. Um ohne großen Aufwand in alltägliche Routinen integriert werden zu können und die Alltagsgestaltung zu entlasten, sind Ernährungsangebote zudem alltagsadäquat zu gestalten. Qualitätenbündelung setzt insgesamt eine stärkere Kooperation unterschiedlicher Akteure voraus.

Das Handlungsfeld Umwelt-Ernährung-Gesundheit ist bisher von zeitlich begrenzten Projekten und Kampagnen zu einzelnen Ernährungsproblemen dominiert, die oft weder konzeptionell noch institutionell verbunden sind. Es fehlt an integrierten, sektor- und akteursübergreifenden Ansätzen, die auf Langfristigkeit zielen. Notwendig sind verbindliche, aber zugleich flexible Strukturen, die den Erfordernissen nachhaltiger Ernährung und den gesellschaftlichen Veränderungen gerecht werden. Eine Ernährungswende braucht eine übergeordnete, integrative Strukturbildung, die unterschiedliche Elemente und Ebenen verknüpft und in diesem Sinne eine Neustrukturierung der Ernährungsverhältnisse befördert. Zu etablieren sind Strukturen, die die Kompetenzen aller Akteure stärken, die Entwicklung und Umsetzung von Qualitätskonzepten für eine nachhaltige Ernährungspraxis fördern und die dafür notwendigen Formen geteilter Verantwortungsübernahme erleichtern.

"Verantwortung teilen", "Kompetenzen stärken", "Qualitäten bündeln" und "Strukturen bilden" verdeutlichen als Grundsätze des Handelns von Politik, Unternehmen und weiteren gesellschaftlichen Akteursgruppen den Gestaltungsauftrag der Akteure. Sie bilden den Rahmen für die Konkretisierung und Ausdifferenzierung von Handlungsstrategien für die Praxis einzelner Akteursgruppen sowie akteursübergreifenden Kooperationen.

Mit Stakeholdern im Dialog

Die Handlungsgrundsätze und die Typologie der Ernährungsstile sind für die Entwicklung von alltagsadäquaten Produkten und Dienstleistungen sowie zielgruppenspezifischen Kommunikations- und Beratungsangeboten von wesentlicher Bedeutung. Stakeholder aus Lebensmittelverarbeitung und -handel, Gemeinschaftsverpflegung, Verbraucherorganisationen und Krankenkassen bekräftigten dies im Rahmen eines Workshops. Sie bestätigten, dass "Verantwortung teilen" ein zentraler Handlungsgrundsatz für eine Ernährungswende ist und alle Akteure im Handlungsfeld Umwelt–Ernährung–Gesundheit gemeinsam gefordert sind, entsprechend ihrer Handlungsmöglichkeiten Strukturen zu schaffen, die zu mehr Qualität und zu Kompetenzstärkung beitragen.