Hintergrund der "Gender & Environment-Forschung im ISOE
Gender Impact Assessment des Programms "Umwelt und nachhaltige Entwicklung" der EU
Claudia Empacher,
Dr. Irmgard Schultz
Dr. Doris Hayn
Dr. Diana Hummel
(JWG-Universität, Fachbereich Erziehungswiss.)
EU-Kommission
DG XII
06/2000-11/2001
abgeschlossen
Schultz, I./D. Hummel/D. Hayn/C. Empacher (2001): Gender in Research - Gender Impact Assessment of the specific programmes of the Fifth Framework Programme: ENVIRONMENT AND SUSTAINABLE DEVELOPMENT SUB-PROGRAMME, Final Report, Brussels - vergriffen
Im Wechsel vom 5. zum 6. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union hat die EU-Kommission eine neue große Forschungssektion "Women and Science" aufgebaut. Dies ist unter anderem das Ergebnis des frauenpolitischen "Gender-Mainstreaming”-Ansatzes der EU. In dessen Rahmen wurde das gesamte 5. Forschungsrahmenprogramm auf geschlechtsspezifische Implikationen hin untersucht.
Das Institut für sozial-ökologische Forschung führte dazu ein Gender Impact Assessment im Subprogramm "Umwelt und nachhaltige Entwicklung" (ein Teilbereich von "Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung") durch. Eine zentrale Aufgabe des Projekts lag in der konzeptuellen Anpassung der auf Politikabschätzung ausgerichteten Methode des Gender Impact Assessment an die Forschung und hier besonders auf das Forschungsfeld "Umwelt" und "nachhaltige Entwicklung".
Im ersten Arbeitsschritt wurde ein kurzer Überblick über die Forschung in den Bereichen "Gender & Environment" und "Gender & Sustainable Development" im allgemeinen sowie in sieben Schwerpunkten des Subprogramms (z.B. Wasser, Global Change, Klima & Biodiversität, Ökosysteme des Meeres, nachhaltige Stadtentwicklung etc.) gesichtet, um Evaluationskriterien zu entwickeln. Die sieben Forschungsschwerpunkte, die eine deutliche Ausrichtung an naturwissenschaftlich-technischen Fragen in der Umweltforschung widerspiegeln, auf geschlechtsspezifische und soziale Indikatoren hin zu evaluieren, bedeutete eine große Herausforderung. Sie zu bestehen, gelang durch die Zusammenarbeit aller wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den verschiedensten Forschungsbereichen des ISOE unter Hinzunahme von Fachwissen von außen. Die Ergebnisse, die in einem Arbeitspapier dokumentiert sind, belegen eine beeindruckende Fülle an geschlechtsbezogenen Forschungen und Konzepten in dem zum Teil ‚harten‘ naturwissenschaftlich und technischen Gebieten der Umweltforschung.
In einem zweiten Schritt wurde die Beteiligung von Frauen untersucht, und zwar einerseits in den Institutionen, die an der Generierung und Umsetzung des Forschungsprogramms beteiligt waren, und andererseits in den eingereichten Forschungsanträgen. Daraus wurden Empfehlungen abgeleitet, wie die Partizipation von Frauen verbessert werden kann. Diese Empfehlungen wurden mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Brüsseler Institutionen in Interviews diskutiert. Auf diesem Weg fanden die Forschungsergebnisse unmittelbar Eingang in die Administration der Forschungsförderung auf europäischer Ebene.
In einem dritten Schritt wurde mit Hilfe der erarbeiteten Evaluationskriterien das EU-Forschungsprogramm sowie Abstracts von 2125 Forschungsanträgen auf explizite und implizite Gender-Aspekte überprüft. Auf der Basis dieser Evaluation hat das ISOE Empfehlungen ausgesprochen, wie Themen im Bereich der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung gestaltet sein müssen, damit die unterschiedlichen Interessen von Frauen und Männern künftig besser berücksichtigt werden.
Die Ergebnisse haben gezeigt, dass eine Übertragung der Methode des Gender Impact Assessment von der Politikbewertung auf Forschung im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit erfolgreich war. Für die Umweltforschung insgesamt wurden generelle Indikatoren wie etwa "Frauenarbeit als Berufs- und Familienarbeit", "Frauengesundheit" oder "Risikowahrnehmung" entwickelt und exemplarisch ausdifferenziert. Solche Indikatoren müssen gleichzeitig naturwissenschaftlich-technische wie sozialwissenschaftliche Perspektiven berücksichtigen. Zum Beispiel ist es im Bereich "Women & Health" wichtig zu beachten, dass die Grenzwerte für Strahlungsbelastungen sich bisher nur am gesunden Mann mittleren Alters (nicht schwanger) orientieren.
Die gesamten Ergebnisse werden in Form von Empfehlungen für die zukünftige Gestaltung und Umsetzung von Forschungsprogrammen abschließend aufgearbeitet und auf einer internationalen Konferenz der "Women & Science"-Sektion des EU-Forschungsdirektorats im November 2001 dargestellt. Als eine grundsätzliche Empfehlung an künftige Forschung konnte festgehalten werden, dass Gender Impact Asessments in die Evaluationen, die die EU üblicherweise durchführt, integriert werden sollten.
Das ISOE entwickelte seine Vorarbeiten im Forschungsschwerpunkt "Gender & Environment" bisher primär aus Eigenmitteln. Mit diesem Evaluationsprojekt hat es die konzeptuelle Arbeit um die kritische Auseinandersetzung mit der Forschungspolitik und um die konstruktive Entwicklung von Instrumenten einer Forschungsprogrammsteuerung weiterentiwckelt. Dabei geht das Institut von der programmatischen Einsicht aus, dass Sensibilität für Geschlechterfragen immer auch den Blick auf alltagsweltliche, soziale und ökonomische Aspekte eröffnet. Blindheit gegenüber geschlechtsspezifischen Voraussetzungen und Folgen von Forschungsvorhaben im Umwelt- und Entwicklungsbereich hat zumeist auch unbeabsichtigte (bis unerwünschte) soziale und ökonomische Auswirkungen zur Folge, wenn die Forschung in Praxis umgesetzt wird.