Mobilität und Lebensstilanalysen
http://www.nahvis-schwarzwald.de
Neue Nahverkehrsangebote im Naturpark Südschwarzwald - Projektverbund NahviS
Steffi Schubert
Dr. Konrad Götz
Bente Zahl
(bis 12/2003)
09/2001-05/2005
abgeschlossen
Förderung:
Bundesministerium für Bildung und Forschung

Förderschwerpunkt "PNV Region"
download auf den NahviS-Webseiten
Informationsmaterial zum Hotzenflex:
Bilder vom
Hotzenflex
Flyer mit Fahrplan
Werbeplakat
Schubert/Zahl (2003): Der Weg zum Ziel. Wie aus Mobilitätstypen Zielgruppen für neue Nahverkehrsangebote im Südschwarzwald werden. In: landauf landab. Mobil im Südschwarzwald, Heft 1, Seite 9 - 12 (download des gesamten Heftes Nr. 1, pdf-file, 1,2 MB)
Landauf, Landab - Mobil im Südschwarzwald, Heft Nr. 2, Februar 2004 (706 kb pdf-file)
Landauf, Landab - Mobil im Südschwarzwald, Heft Nr. 3, November 2005:
download auf
den NahviS-Webseiten
Informations- und Marketingmaterialien: Zielgruppenplakate 1, 2, 3, 4, Informationsflyer 1 + 2
Pressemitteilung v. 02.03.2004: Bei Anruf Bus! - SBG-Hotzenflex startet am 11. März (Öko-Institut (Hrsg.))
Weitere Downloads finden Sie im Menüpunkt Downloads unter http://www.nahvis.de
Um Mobilität in ländlichen, dünn besiedelten Regionen auch ohne eigenes Auto zukunftsfähig zu gestalten, sind angesichts des demographischen Wandels und der sich ändernden finanziellen Rahmenbedingungen des ÖPNV Alternativen gefragt. Das Projekt NahviS hat auf Zielgruppen zugeschnittene Nahverkehrsangebote entwickelt, die zwischen dem herkömmlichen ÖPNV und dem eigenen Auto angesiedelt sind und bereits kurzfristig zu einer deutlichen Verbesserung der Mobilitätsmöglichkeiten von »Mobilitätsbenachteiligten« beitragen. Vor dem Hintergrund des bevölkerungsstrukturellen Wandels sind die im Vorhaben entwickelten Konzepte von besonderer Bedeutung, um diesem Thema der Zukunft bereits heute geeignete Lösungen anzubieten und langfristig die Mobilität aller im ländlichen Raum sicherzustellen.
Themenschwerpunkte des Verbundprojekts:
Das Vorhaben wurde in einem Teilbereich des Naturparks Südschwarzwald - im Landkreis Waldshut und in den im Südschwarzwald gelegenen Teilräumen der Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald und Lörrach - durchgeführt. Kennzeichen des Untersuchungsraumes ist neben der bergigen Topographie eine geringe Besiedelungsdichte und die relative Ferne zu den Oberzentren und Ballungsräumen im Rheintal. Gleichzeitig ist der Untersuchungsraum Wochenendziel zahlreicher Erholungssuchender aus den angrenzenden Ballungsräumen sowie ein beliebtes innerdeutsches Feriengebiet.
Um zu erreichen, dass knappe finanzielle Ressourcen zur Entwicklung neuer flexibler Angebote möglichst effektiv eingesetzt werden, empfiehlt es sich, die Mittel möglichst zielgenau zu platzieren. Dies bedeutet, dass vorwiegend jene Zielgruppen angesprochen werden, die sowohl von ihren Mobilitätsbedürfnissen, als auch hinsichtlich ihrer Einstellungen und Orientierungen für derartige Angebote aufgeschlossen sind. Zur Identifizierung dieser Zielgruppen wurde das Konzept der Mobilitätsstile auf den ländlichen Raum angewandt. Mit Hilfe der zielgruppenspezifischen Erkenntnisse konnten die Akzeptanzbedingungen für die neuen Mobilitätsangebote konkretisiert und Nutzungshemmnisse abgebaut werden. Darüber hinaus konnten auch Mobilitätsbedürfnisse von Zielgruppen erfasst werden, denen bislang noch kein adäquates Angebot gegenüberstand.
Die Aufgabe des ISOE lag in der Entwicklung eines Zielgruppenmodells, das Mobilitäts- und Lebensstilorientierungen, Verkehrsverhalten und den sozialen Hintergrund einbezieht und nun erstmals für den ländlichen Raum vorgenommen wurde. Umgesetzt wurde dies in mehreren Arbeitsschritten. Aufbauend auf einer Aufarbeitung von Literatur und Forschungsvorhaben wurden mittels mehrstufiger Befragungen die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung erfasst und die Umstiegspotentiale berechnet. Hierfür wurden Methoden der Lebensstilforschung mit Methoden der Verkehrsforschung und Instrumenten der Akzeptanzforschung verkoppelt und die Daten typologisierend analysiert.
Die Auswertung der 56 Leitfaden gestützten Intensivinterviews ergab, dass lebensstilbezogene Faktoren - also die Einstellungen, Wünsche und Bedürfnisse der Personen - auch in ländlichen Regionen eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Verkehrsmittelwahl spielen. Der Einfluss der objektiven Faktoren Familiensituation, Wohnort und ÖPNV-Anbindung scheint hier jedoch höher zu sein als in urban geprägten Regionen. Ferner konnten fünf Mobilitätstypen unterschieden werden, deren repräsentativer Charakter in einer standardisierten Befragung überprüft wurde. Der entsprechende Projekt-Zwischenbericht (386 kb pdf-file) steht zum Download zur Verfügung .
Die mittels einer repräsentativen Umfrage von 1500 Personen gewonnenen Ergebnisse zeigten, dass die Autoabhängigkeit der Bewohner und Bewohnerinnen der Untersuchungsregion sehr groß ist. So befindet sich in 93% aller Haushalte ein Auto und bei 81% aller Führerscheinbesitzer und –besitzerinnen steht ständig ein Auto zur Verfügung. Mittels einer Clusteranalyse der 1500 Befragten konnten insgesamt acht Mobilitätsstile identifiziert werden, die sich in ihren Orientierungs- und Verhaltensmustern unterscheiden. Während beispielsweise die "risikoorientierten Autofans" eine hohe Affinität zum Auto und zum schnellen und häufigen Autofahren aufweisen, tritt in anderen Gruppen eine eher ambivalente Haltung auf, z.T. wird die Automobilität sogar als Zwang und Leidensdruck wahrgenommen. Insgesamt konnten von den acht Mobilitätsstilen fünf als Zielgruppen im Hinblick auf die Zielsetzungen des Projekts identifiziert werden. Dies sind zum Teil Zielgruppen, wie bspw. die "Vorsichtigen" und die "Jungen Wilden", die bislang in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, da sie keinen Führerschein besitzen oder nicht ständig über ein Auto verfügen. Es gibt aber auch Gruppen, die eine starke ökologische Orientierung aufweisen und diese auch im Verhalten umsetzen, wie die Gruppe der "Konsequenten". Über eine ähnlich stark ausgeprägte ökologische Orientierung verfügen auch die "Sensibilisierten", wobei sie diese meist nicht im Verhalten umsetzen (können). Eine weitere Zielgruppe sind die "Aufgeschlossenen", deren bevorzugte Fortbewegungsform das Radfahren ist, die aber ansonsten auch auf sämtliche andere Verkehrsmittel zurückgreifen.
In den Gebieten, in denen im Rahmen des Projekts NahviS die Modellvorhaben umgesetzt werden sollten, wurde zusätzlich eine Conjoint-Analyse durchgeführt, mittels derer die konkreten Wünsche und Bedürfnisse der relevanten Zielgruppen in Bezug auf Car-Sharing und ein flexibles ÖPNV-Angebot ermittelt wurden. Somit wurde eine zielgenauere Gestaltung und Kommunikation der Angebote und eine bessere Abschätzung der Nutzerpotentiale ermöglicht.
Die zielgruppenspezifische Analyse erbrachte hierbei überraschende Ergebnisse. So wurde von den Zielgruppen ein liniengebundenes ÖPNV-Angebot stärker präferiert, als ein flexibles, bei dem man seinen Fahrtwunsch vorab anmelden muss. So wollen bspw. die "jungen Wilden" ein neues Angebot möglichst spontan und ohne Anmeldung nutzen können, während die "Vorsichtigen" insbesondere die eigene Bescheidenheit und Unsicherheit an der Nutzung eines rein bedarfgesteuerten Angebots hemmen würde. Und auch eine Anbindung der Ortsteile und Gemeinden untereinander ist den Zielgruppen wichtiger, als eine zusätzliche Anbindung in den Randzeiten an das nächste Mittelzentrum mit Schienenanbindung.
In Bezug auf Car-Sharing kristallisierte sich heraus, dass insbesondere die Frage des Eintritts die größte Hürde darstellt. So stellte für den überwiegenden Teil der Zielgruppen die Kaution, die sofort bei Eintritt zu hinterlegen war, (trotz voller Rückzahlung und sehr moderaten Kündigungsmodalitäten) ein nahezu unüberwindbares Hemmnis dar, da an diesem Punkt die Alltagstauglichkeit und Verlässlichkeit des Angebots von potentiellen NutzerInnen nicht abgeschätzt werden kann.
Diese und weitere Erkenntnisse der zielgruppenorientierten Conjoint-Analyse wurden von den beteiligten Forschungs- und PraxispartnerInnen aufgenommen und gingen in die Gestaltung und Umsetzung der neuen Mobilitätsangebote ein.
Im Hinblick auf die Gestaltung eines neuen Busangebots stellten sich somit folgende Fragen:
Wie kann ein Angebot aussehen, das eine Fahrgarantie gewährt, spontan nutzbar ist und trotzdem die Erreichbarkeit der Gemeinden untereinander verbessert, das Gebiet weiträumig und effizient erschließt und unnötige Fahrten vermeidet?
Die Bedürfnisse der Zielgruppen und die regionalen Gegebenheiten führten schließlich zur Gestaltung des "Hotzenflex" durch das Öko-Institut e.V. und die SüdbadenBus GmbH.
Die Hemmschwelle "Flexibilität" wurde abgebaut, indem die Fahrten Kombinationen aus festen und flexiblen Streckenabschnitten sind. So wurden die Kernorte untereinander nach Fahrplan und ohne erforderliche Anmeldung verbunden. Die Streckenabschnitte zu abseits gelegenen Ortsteilen wurden hingegen nur bei Bedarf und voriger Anmeldung angesteuert.
Im Herbst 2004 wurden Fahrgastbefragungen sowie Gruppendiskussionen mit Nutzern und Nutzerinnen, sowie potenziellen Nutzergruppen des Hotzenflex durchgeführt. Zentrale Ergebnisse der Gruppendiskussionen, sowie der ersten Auswertungen der Nutzerbefragungen und Fahrgastzählungen bestätigen, dass der Hotzenflex seine Zielgruppen erreicht hat:
Trotz der positiven Ergebnisse ist es im Rahmen des Projekts leider nicht gelungen, eine Finanzierung des Hotzenflex über die Gemeinden, Landkreise oder andere Finanzpartner zu erreichen, so dass der Betrieb des Hotzenflexes nach Beendigung der projektfinanzierten Pilotphase Ende 2004 seinen Betrieb einstellen musste.
Das Konzept des Hotzenflexes - als ergänzendes, nachfragegesteuertes ÖPNV-System im zerstreut besiedelten, ländlichen Raum - konnte dennoch seine Akzeptanz in der Bevölkerung und seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen und kann somit im Südschwarzwald wieder in Betrieb genommen werden, sobald die Frage der Finanzierung geklärt ist oder auch auf andere ländliche Regionen übertragen werden.
Bei einem Pressegespräch im Januar 2005bilanzierten Vertreter des Öko-Instituts e.V. und der Südbadenbus GmbH (SBG) das flexible Kleinbusangebot als durchaus positiv. Nähere Informationen finden sie auf der Projekthomepage unter: http://www.nahvis-schwarzwald.de/news/Pressegespraech_31_01_2005.pdf
Für die Angebote des Car-Sharing im ländlichen Raum des südlichen Schwarzwaldes wurde ein zielgruppenspezifisches Marketingkonzept vom ISOE und Car-Sharing Südbaden entwickelt und von der Marketingagentur Kultwerk umgesetzt.
Bei der zielgruppenspezifischen Gestaltung des Info-Materials wurde insbesondere auf die adäquate Sprachform fokussiert und die jeweils zentralen Informationen in den Vordergrund gestellt.
Informationsmaterial: Zielgruppenplakate 1, 2, 3, 4, Informationsflyer 1 + 2
Auch machte eine Werbekampagne mit Kinospots in drei Kinos auf das lokale Car-Sharing Angebot aufmerksam und eine gemeinsame Marketingkampagne von SBG, DB Regio und Car-Sharing Südbaden fokussierte die Zielgruppe der "Aufgeschlossenen" über gezielte Plakatierungen in den Nahverkehrszügen und Bussen.
Aufgrund der Ergebnisse der Conjoint-Analyse wurde darüber hinaus noch die Möglichkeit einer Probemitgliedschaft beim Car-Sharing entwickelt. Hierbei können Interessierte zwei Monate Car-Sharing testen. Somit wird die Hemmschwelle, direkt einem Verein beitreten und einen relativ hohen Geldbetrag aufbringen zu müssen (auch wenn dieser nur als Kaution hinterlegt wird und bei Austritt wieder zurückgegeben wird), umgangen und das Angebot kann relativ kostenneutral hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit getestet werden.
Grundsätzlich musste festgestellt werden, dass die Etablierung von Car-Sharing im ländlichen Raum ein schwieriges und langwieriges Unterfangen ist. Es zeigte sich jedoch, dass die Zielgruppen der "Konsequenten" und "Aufgeschlossenen" für ein solches Mobilitätskonzept ansprechbar sind und bereits einen Nutzerkreis im ländlichen Raum ausgebildet haben. Für die "Konsequenten" bedeutet der Beitritt in den Car-Sharing Verein eine vollständige Befreiung vom eigenen Auto, unabhängig von der Haushaltsgröße. Sie können nun die Restmobilität, die über andere Fortbewegungsmittel nicht abgedeckt werden konnte, mit dem Car-Sharing-Fahrzeug sichern. Die "Aufgeschlossenen" haben demgegenüber meist ein Auto im Haushalt und nutzen das Car-Sharing Fahrzeug als Substitution für den sonst notwendigen Zweitwagen.
Ein weiteres Zielgruppenpotential sind die "Sensibilisierten", die zum Teil bereits zahlende aber nichtnutzende Mitglieder und Protagonisten sind, um das Car-Sharing in der Gemeinde zu erhalten.
Die Erfahrungen der Car-Sharing-MitarbeiterInnen und die Einschätzung der NutzerInnen im Hinblick auf die Gewinnung weiterer Potentiale verwiesen jedoch auf starke Limitierungen bedingt durch die Gegebenheiten des ländlichen Raums und die autonahe Sozialisation der Bevölkerung. Hier stößt auch ein starkes Marketing an seine Grenzen und kann höchstens bei einem sehr langfristig angelegten Wandlungsprozess unterstützend wirken.
Federführend wurde das Verbundprojekt von folgenden Institutionen bearbeitet:
Weitere Projektpartner gewährleisteten die Praxisnähe und Umsetzungstauglichkeit der angestrebten Maßnahmen:
Die gemeinsame Webpräsenz findet sich unter http://www.nahvis-schwarzwald.de
Endbericht Evaluation: Evaluation der Projektergebnisse und Nutzungsdaten neuer Mobilitätsangebote in NahviS (AP 601-603), download auf den NahviS-Webseiten
Schubert, St. / B. Zahl (2003): Der Weg zum Ziel. Wie aus Mobilitätstypen Zielgruppen für neue Nahverkehrsangebote im Südschwarzwald werden. In: landauf landab. Mobil im Südschwarzwald, Heft 1, Seite 9 - 12 (download des gesamten Heftes Nr. 1, pdf-file, 1,2 MB)
Landauf, Landab - Mobil im Südschwarzwald, Heft Nr. 2, Februar 2004 (706 kb pdf-file)
Landauf, Landab - Mobil im Südschwarzwald, Heft Nr. 3, November 2005: download auf den NahviS-Webseiten
Pressemitteilung v. 02.03.2004: Bei Anruf Bus! - SBG-Hotzenflex startet am 11. März (Öko-Institut (Hrsg.))
Zwischenbericht (386 kb pdf-file) - Präsentation der Ergebnisse (221 kb pdf-file) - Zielgruppenmatrix (110 kb pdf-file)
Weitere Downloads finden Sie im Menüpunkt Downloads unter http://www.nahvis.de
Tagung Innovativer Personennahverkehr im ländlichen Raum: Am 22. und 23. November 2004 wurden in Bielefeld im Rahmen der Tagung erste Forschungsergebnisse aus dem BMBF-Schwerpunkt "Personennahverkehr für die Region" der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Der Input-Vortrag von Steffi Schubert steht als Download bei uns bereit (pdf-file, 429 kb), ebenso die Poster (pdf-file, 794 kb). Weitere Informationen zum vorgestellen Projekt im ISOE finden Sie hier, Informationen zum BMBF-Schwerpunkt finden Sie unter http://www.pnvregion.de/seiten/index.php4