Plastikmüll in den Weltmeeren

Paradise lost? – PlastX-Fallstudie über Hotspot-Region Vietnam

Immer mehr Abfälle gelangen in die Weltmeere. Sie stammen nicht nur aus Schifffahrt und Fischerei, sondern finden ihren Weg auch über Flüsse in die Meere und Ozeane oder werden vom Wind direkt ins Meer getragen. Drei Viertel des Meeresmülls besteht aus Plastik, die Verschmutzung durch Kunststoffe gilt inzwischen als globale Herausforderung. Neben Ländern wie China oder Indonesien gehört Vietnam zu den sogenannten Hotspot-Regionen, in denen der Plastikkonsum dramatisch ansteigt, während die Abfallentsorgung völlig unzureichend ist. ISOE-Forscherin Heide Kerber untersucht Ursachen und beispielhafte Lösungswege für die vietnamesische Insel Phu Qhoc. 

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Long Beach Phu Quoc (Foto: Heide Kerber)
Long Beach Phu Quoc (Foto: Heide Kerber)

Es ist ein vergleichsweise kleines geografisches Gebiet, aus dem der größte Teil des Kunststoffs in die Meere und Ozeane gelangt: Es umfasst die fünf schnell wachsenden Volkswirtschaften China, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam. In dieser Region wird die Verwendung von Plastikartikeln und -verpackungen noch kaum hinterfragt. Es fehlt an Bewusstsein für umweltfreundlichere Alltagspraktiken, aber vor allem auch an adäquaten Entsorgungs- oder Recyclingmöglichkeiten. Das gilt auch für die größte Insel Vietnams, Phu Quoc. Weil sich hier alle Facetten der „Plastikflut“ zeigen, hat ISOE-Forscherin Heide Kerber die Insel an der Westküste des Mekongdeltas für Feldstudien im Forschungsprojekt PlastX gewählt. 

Auf der bei Touristen überaus beliebten Insel Phu Quoc übersteigt die Abfallproduktion von rund 160 Tonnen pro Tag bereits jetzt die Kapazitäten, die für die Entsorgung bereitstehen. Ein umfassendes Sammelsystem existiert nicht, gesicherte Deponien fehlen. „Das Ausmaß der Verschmutzung von Landschaft, Stränden, Meer, Flüssen, Freiflächen und Straßen in Phu Quoc vor allem durch Hausmüll ist überwältigend“, sagt Heide Kerber. „Die Müllmassen beeinträchtigen nicht nur die Umwelt massiv, sondern auch die Lebensqualität der Anwohner, und zwar gesundheitlich wie wirtschaftlich“. Viele Einheimische sind auf ihre Einkommensquellen aus dem Tourismus angewiesen, doch die Plastikflut wirkt sich bereits negativ auf die Attraktivität der Insel aus.

„Die tägliche Abfallmenge auf Phu Quoc hat sich seit 2005 verdreifacht“, berichtet die Umweltwissenschaftlerin „die Abfallinfrastruktur kann da gar nicht so schnell mithalten“. Der Insel mit ihren 110 tausend Einwohnern setzt vor allem der rasant wachsende Massentourismus zu. Deshalb sind erste Hotel- und Ressortbetreiber inzwischen selbst aktiv geworden. „Man sieht vermehrt Reinigungskräfte, die den Müll an den Touristenstränden aufsammeln und so von den Badegästen fern halten sollen. Aber das ist natürlich reine Ästhetik, die Ursachen des Müllproblems löst das nicht.“ 

Insel Phu Quoc als Fallbeispiel für Plastikmüllproblem der ganzen Region 

ISOE-Forscherin Heide Kerber hat die Insel Phu Quoc als Fallstudienregion gewählt, um ein tieferes Verständnis von den Ursachen des hohen Plastikmüllaufkommens, von der Problemwahrnehmung und von möglichen Lösungen zu gewinnen. Und auch, um die Praktiken verschiedener Akteure mit Blick auf Konsum und Entsorgung von Kunststoffen und Kunststoffabfällen besser zu verstehen: Wie steht es um das Problembewusstsein insbesondere der lokalen Verantwortlichen? Wie kann man Touristen und die Tourismusbranche insgesamt für die Problematik sensibilisieren, die mit zwei Millionen Besuchen jährlich ganz wesentlich Mitverursacher des hohen Plastikmüllaufkommens sind? Mit ihrer Fallstudie legt Heide Kerber auch Grundlagen für die Entwicklung angepasster Kommunikationsmaßnahmen und Sensibilisierungskampagnen, die die Vermeidung von Plastikmüll fördern sollen: Die Ergebnisse ihrer Fallstudie fließen ein in das Projekt “Phu Quoc – Towards a Plastic Waste Free Island in Vietnam” des Kooperationspartners WWF.

„Das Plastikmüllproblem lässt sich nur bewältigen, wenn viele unterschiedliche Maßnahmen ineinandergreifen“, sagt Heide Kerber. „Phu Quoc benötigt dringend ein Lösungspaket, das sowohl technische Komponenten beinhaltet als auch Empfehlungen für Governance, also poltisch-administrative Strategien, und Sensibilisierungsmaßnahmen, die sich auf die Verbraucherinnen und Verbraucher konzentrieren“. Dass das Thema inzwischen im Schulunterricht angekommen ist und sich erste Initiativen gegründet haben, bewertet Kerber als wichtigen ersten Schritt. 

Über ihre Feldforschung auf Puh Qhoc berichtet Heide Kerber auf der Homepage der Forschungsgruppe PlastX. Ein Interview dazu hat der WWF veröffentlicht: https://www.wwf.de/plastikflut/phu-quoc-interview-heide-kerber/.

Über PlastX

Die Nachwuchsgruppe PlastX unter der Leitung des ISOE untersucht die gesellschaftliche Rolle von Plastik und damit verbundene Umweltauswirkungen. Das Team aus Sozial- und Naturwissenschaftlern erarbeitet hierbei, wie ein nachhaltigerer Umgang mit Plastik möglich ist. Gefördert wird die Nachwuchsgruppe „PlastX – Kunststoffe als systemisches Risiko für sozial-ökologische Versorgungssysteme“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm „Forschung für nachhaltige Entwicklungen (FONA)“. PlastX ist darin Teil der Fördermaßnahme „SÖF – Sozial-ökologische Forschung“ im Förderbereich „Nachwuchsgruppen in der Sozial-ökologischen Forschung“.

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