Transdisziplinär forschen

Gesellschaftliche Herausforderungen, wie zum Beispiel die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser, die Anpassung an den Klimawandel oder der Erhalt der biologischen Vielfalt, sind äußerst vielschichtig: Heutiges Handeln hat das Potenzial bis weit in die Zukunft zu wirken, lokale und globale Ebenen sind eng miteinander verwoben, Veränderungen des Alltagshandelns sind wichtig, aber ebenso Abstimmungsprozesse auf nationaler und internationaler Ebene. Angesichts dieser Herausforderungen stoßen einzelne Disziplinen der etablierten Wissenschaft an ihre Grenzen. 

Die transdisziplinäre Forschung gilt als genuiner Modus der Nachhaltigkeitsforschung, mit dem Anspruch, gesellschaftliche Wirklichkeit mitzugestalten. Sie verknüpft in gemeinsamen Lernprozessen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft die Suche nach gesellschaftlichen Problemlösungen mit wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten. Voraussetzung für tragfähige Problemlösungen ist, dass gesellschaftliche Akteure in den Forschungsprozess einbezogen werden. Ihre Problemsichten und ihr Alltags- und Praxiswissen werden daher mit wissenschaftlichen Fragestellungen und Erkenntnissen zusammengeführt. Durch diese Wissensintegration wird die Anschlussfähigkeit der Forschungsergebnisse an Wissenschaft und Gesellschaft sichergestellt.

In einem idealen transdisziplinären Forschungsprozess können drei Phasen voneinander unterschieden werden: In der ersten Phase geht es darum, gesellschaftliche und wissenschaftliche Probleme zu einem gemeinsamen Forschungsgegenstand zu verbinden. In der zweiten Phase steht die Erzeugung neuen Wissens – die Wissensintegration – im Mittelpunkt. Dadurch wird es möglich, die Vielfalt des wissenschaftlichen und außer-wissenschaftlichen Wissens für die Entwicklung von tragfähigen Problemlösungen zu nutzen. In der dritten und letzten Phase des transdisziplinären Forschungsprozesses werden die integrierten Ergebnisse bewertet. Die Ausgangsfrage dieses Bewertungsprozesses lautet: Welchen Beitrag leisten die Ergebnisse zum gesellschaftlichen Fortschritt – das heißt wie valide und relevant sind sie für den Umgang mit dem ursprünglichen gesellschaftlichen Problem – und welchen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt – also welche neuen Erkenntnisse konnten innerhalb der Disziplinen und darüber hinaus gewonnen werden, wo sind neue Grenzen des Wissens und damit auch neue Forschungsfragen sichtbar geworden? 

Publikationen

Jahn, Thomas/Florian Keil/Oskar Marg (2019): Transdisziplinarität: zwischen Praxis und Theorie. Reaktion auf fünf Beiträge in GAIA zur Theorie transdisziplinärer Forschung. GAIA 28 (1), 16-20

Jahn, Thomas/Florian Keil (2015): An actor-specific guideline for quality assurance in transdisciplinary research. Futures 65, 195-208

Bergmann, Matthias/Thomas Jahn/Tobias Knobloch/Wolfgang Krohn/Christian Pohl/Engelbert Schramm (2012): Methods for Transdisciplinary Research. A Primer for Practice. Frankfurt/New York: Campus Verlag

Jahn, Thomas/Matthias Bergmann/Florian Keil (2012): Transdisciplinarity: Between mainstreaming and marginalization. Ecological Economics 79, 1-10

Jahn, Thomas/Florian Keil/Ulrich Petschow/Klaus Jacob (2012): Politikrelevante Nachhaltigkeitsforschung. Anforderungsprofil für Forschungsförderer, Forschende und Praxispartner aus der Politik zur Verbesserung und Sicherung von Forschungsqualität - Ein Wegweiser. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt

Bergmann, Matthias/Thomas Jahn/Tobias Knobloch/Wolfgang Krohn/Christian Pohl/Engelbert Schramm (2010): Methoden transdisziplinärer Forschung. Ein Überblick mit Anwendungsbeispielen. Frankfurt am Main: Campus Verlag

Vorträge

Transdisziplinarität – Forschungsmodus für nachhaltiges Forschen Dr. Thomas Jahn, Leopoldina-Workshop „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“, 12. November 2012, Berlin