ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main https://www.isoe.de/ Akutelle Informationen vom ISOE. https://www.isoe.de/fileadmin/Resources/Corporate/Public/icons/favicon-32x32.png ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main https://www.isoe.de/ 32 32 en-gb ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main Wed, 06 Jul 2022 16:24:19 +0200 Wed, 06 Jul 2022 16:24:19 +0200 ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main news-571 Wed, 22 Jun 2022 08:00:00 +0200 ISOE Policy Brief - Wissenstransfer als Schlüssel für nachhaltige Landnutzung in Namibia https://www.isoe.de/news/wissenstransfer-als-schluessel-fuer-nachhaltige-landnutzung-in-namibia/ Nachhaltige Entwicklung und Naturschutz sind komplexe und sehr dynamische Themen: Der Stand der Forschung wird durch neue Erkenntnisse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen ständig erweitert und verändert. Das macht den zielgerichteten Wissenstransfer zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu einer besonderen Herausforderung, denn für Transformationsprozesse ist es entscheidend, dass alle beteiligten Akteure gut ausgebildet und informiert sind. Im aktuellen ISOE-Policy Brief zeigen Forscher*innen am Beispiel der Weidelandbewirtschaftung in Namibia, wie der Prozess eines Transfers aus der Wissenschaft zu gesellschaftlichen Akteuren strukturiert aufgebaut werden kann. Klimawandel, Landmanagement, demografische und wirtschaftliche Entwicklungen erhöhen weltweit den Druck auf die natürlichen Ressourcen. Dies führt häufig zu Nutzungskonflikten. Vielerorts sind sogenannte integrierte Managementstrategien notwendig, um diesen Konflikten zu begegnen – auch mit dem Ziel, das Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten. Dies gilt insbesondere für die semi-ariden Regionen im südlichen Afrika. Hier nehmen die Herausforderungen für die Sicherung der Lebensgrundlagen aus verschiedenen Gründen zu, etwa durch die Folgen des Klimawandels. 

„Ein Beispiel ist das Ökosystem der namibischen Savanne, das durch die veränderten Klimabedingungen und eine Übernutzung der Böden zunehmend gefährdet ist“, sagt Ökologin Deike Lüdtke. Einer der Gründe ist, dass die Viehhaltung die am weitesten verbreitete Form der Landnutzung ist. Dies führt häufig zu einer Übernutzung der Weideflächen. Neue Bewirtschaftungsstrategien, die das Potenzial, das in der Nutzung von Wildtieren liegt, einbeziehen, etwa die Fleischproduktion oder der Tourismus, werden in der Regel als geeignete Ansätze angesehen, um diese negativen Auswirkungen abzumildern. Dabei wird davon ausgegangen, dass einheimische Wildtiere besser an die lokalen Klimabedingungen angepasst sind als die eingeführten Nutztiere. „Wie jedoch geeignete Lösungen in die Praxis vermittelt werden können, ist alles andere als trivial“, sagt Lüdtke. „Zur komplexen Dynamik zwischen Klimawandel, Landnutzung und Ökosystem kommt hinzu, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in einen produktiven Austausch mit Farmern und anderen Akteuren der Savannenbewirtschaftung gebracht werden müssen, die jeweils sehr eigene Motivationen, Erfahrungen und Lebenswelten mitbringen“, sagt Lüdtke. 

Wissenstransfer entscheidend für erfolgreiche Transformationsprozesse 

Für erfolgreiche Anpassungsstrategien an den Klimawandel ist es deshalb entscheidend, dass sich Wissenschaft und Forscher*innen mit den Akteuren aus der Praxis – Farmer, Dorfgemeinschaften und Behörden – in Dialog befinden. In einem englischsprachigen Policy-Brief zeigen Wissenschaftler*innen des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, wie Ergebnisse aus der Forschung – idealerweise transdisziplinär – in die Praxis kommen, um dort Veränderungsprozesse anzustoßen. Hierfür greifen sie auf Erfahrungen im Forschungsprojekt ORYCS zurück und stützen sich auch auf Interviews mit Akteuren vor Ort zum Thema eines für ihre Bedarfe angepassten Wissenstransfers. Die Autor*innen sind sich sicher, dass Transfermaßnahmen an den Wissensbedarfen der Praxisakteure ansetzen müssen und auf die jeweiligen Akteure und ihren Alltag zugeschnitten sein sollten. Damit haben Lösungen für eine nachhaltige Landnutzung, insbesondere auch im herangezogenen Fallbeispiel in Namibia, bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung. 

Zum ISOE-Policy Brief:

How to reach people through knowledge transfer – Sustainability and conservation research: addressing Namibian land users. Deike U. Lüdtke, Verena Rossow, Nicola Schuldt-Baumgart, Stefan Liehr (2022). ISOE Policy Brief Nr. 9. Frankfurt am Main: ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung Download

Mehr über das Forschungsprojekt ORYCS – Wildtier-Managementstrategien in Namibia: 

www.orycs.org  
www.isoe.de/nc/forschung/projekte/project/orycs 

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:

Dr. Stefan Liehr
Tel. +49 69 707 6919-36
liehr(at)isoe.de  
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
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neugart(at)isoe.de
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Pressemitteilung
news-566 Tue, 14 Jun 2022 15:33:39 +0200 Suffizienz - Effiziente Wohnraumnutzung entlastet den Wohnungsmarkt und schützt das Klima https://www.isoe.de/news/effiziente-wohnraumnutzung-entlastet-den-wohnungsmarkt-und-schuetzt-das-klima/ Die Suche nach einer passenden, auch bezahlbaren Wohnung ist vor allem für Familien inzwischen ein Problem, nicht nur in Großstädten. Die Nachfrage ist groß, das Angebot begrenzt. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass immer weniger Personen in einem Haushalt leben. Nicht immer ist dies eine bewusst getroffene Entscheidung. Bei manchen hat es sich vielmehr so ergeben, etwa im Alter: Die Kinder sind ausgezogen, und sie bleiben alleine in einer oft nicht altersgerechten und sanierungsbedürftigen großen Wohnung zurück. Wie könnten Lösungen aussehen? Mit einer speziell konzipierten Orientierungsberatung können Kommunen eine sogenannte Wohnraummobilisierung anstoßen, indem Menschen beispielsweise ihre zu groß gewordenen Häuser in der Nachfamilienphase durch einen Umbau teilen, so dass eine neue zusätzliche Wohnung entsteht. Dadurch können vorhandene Wohnflächen nachhaltiger genutzt werden. Denn weniger Wohnfläche pro Person bedeutet beispielweise auch weniger Bedarf an Raumwärme pro Person. Auf diese Wiese wird auch das Klima geschützt. Im Forschungsprojekt „Lebensräume“ hat ein Forschungsteam von ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Öko-Institut und ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung schon 2021 gemeinsam mit dem Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen ein Beratungs- und Unterstützungskonzept entwickelt, das es Kommunen ermöglicht, ältere Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer gezielt für eine Wohnraummobilisierung anzusprechen.

In 60 Prozent der Eigenheime wohnen eine oder zwei Personen

Die Forschungsarbeit des ISOE zur demografischen Entwicklung und zu den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner im Kreis Steinfurt zeigte: Viele Menschen sind nicht abgeneigt, anders zu wohnen. Etwa drei Viertel der Befragten mit Eigenheim können sich grundsätzlich einen Umzug in eine altersgerechte barrierefreie Wohnung oder in ein kleineres Haus vorstellen. Im Jahr 2018 besaßen mehr als ein Drittel der deutschen Haushalte ein Ein- oder Zweifamilienhaus. 60 Prozent dieser Eigenheime werden von einer oder zwei Personen bewohnt, fast immer von Menschen in der Nachfamilienphase. Ihre Wohnflächen sind überdurchschnittlich groß und der energetische Standard niedrig.

Gleichzeitig entstehen an den Ortsrändern Neubaugebiete. Diese Gebiete benötigen neue Infrastruktur, verbrauchen neue Flächen und bringen Erschließungskosten mit sich. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten im Alter ab 55 Jahren gab an, über ungenutzte Räume im eigenen Haus zu verfügen. Etwa ein Drittel der Befragten wohnen in einem Haus, das über eine abgeteilte weitere Wohnung verfügt – 60 Prozent dieser Wohnungen sind nicht vermietet. Daraus ergibt sich ein großes Potenzial für den Klima- und Ressourcenschutz, denn damit kann ein Neubau eingespart werden und somit Energie und Ressourcen.

Die Orientierungsberatung und Öffentlichkeitsarbeit

Im Forschungsprojekt Lebensräume hat das Team deshalb ein Konzept zur Wohnraummobilisierung in Kommunen entwickelt: Erfolgreich erprobt wurde eine Orientierungsberatung, bei der auf Wunsch eine Beraterin oder ein Berater einen Hausbesuch macht, den Zustand des Gebäudes einschätzt und mit den Ratsuchenden Wohnwünsche und Wohnkriterien für das Alter ermittelt. Darauf aufbauend werden verschiedene Wohnmöglichkeiten vorgestellt, priorisiert und erste Schritte dorthin festgelegt.

Damit Kommunen erfolgreich eine Wohnraummobilisierung anstoßen können, ist zudem eine intensive Öffentlichkeitsarbeit notwendig, die Orientierungsberatung sollte von den Kommunen beworben und von weiterführenden Angeboten, wie einer Finanzierungs- oder Umbauberatung, begleitet werden.

Handreichung erklärt praktische Umsetzung – Erklärfilm zeigt Zusammenhänge

Das gesamte Konzept ist in der Handreichung „Wohnraummobilisierung – gut für Menschen, Kommune und Klima“ dargestellt. Sie zeigt in sechs Schritten, wie geeignete Zielgruppen auf ihr vorhandenes Wohnraumpotenzial angesprochen werden können und richtet sich an alle, die einen kommunalen Beratungsprozess initiieren und institutionalisieren können: an die Kommunalpolitik, an die Verwaltung, an Beratungsinstitutionen und beispielsweise Verbände. Auch ein Erklärfilm, den das ISOE entwickelt hat, damit die Zusammenhänge hinter einer bedürfnisorientierten Wohnraumnutzung deutlich werden können, steht Interessierten zur Verfügung.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:

Dr. Immanuel Stieß
Tel. +49 69 707 6919-19

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Melanie Neugart
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news-563 Fri, 10 Jun 2022 14:23:00 +0200 Frankfurter Bürger-Universität - Wie der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft den sozial-ökologischen Wandel unterstützen kann https://www.isoe.de/news/wie-der-dialog-zwischen-wissenschaft-und-gesellschaft-den-sozial-oekologischen-wandel-unterstuetzen-ka/ Wissenschaftliche Expertise gilt als wichtige Ressource, um Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme zu entwickeln. Dafür muss Wissenschaft und explizit die Nachhaltigkeitsforschung auch gesellschaftliche Perspektiven auf diese Probleme miteinbeziehen. Der Dialog mit der Öffentlichkeit ist entscheidend, um Problemzusammenhänge zu verstehen und geeignete, wirkungsvolle Lösungskonzepte zu entwickeln. In einer aktuellen Online-Veranstaltung der Reihe Frankfurter Bürger-Universität stellt das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung am 20. Juni 2022 den transdisziplinären Forschungsansatz vor und zeigt, wie dieser Forschungsmodus den sozial-ökologischen Wandel unterstützen kann.  Themen wie soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung, aber auch der Klima- und Umweltschutz bestimmen seit einigen Jahren die gesellschaftliche Debatte. Gleichzeitig sind sie Gegenstand intensiver wissenschaftspolitischer Debatten. Dabei geht es sowohl um Forschungsförderung als auch und die Frage, wie Wissenschaft gemeinsam mit Politik und Gesellschaft an Lösungen für die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ arbeiten kann. Angesprochen ist damit die transdisziplinäre Forschung: Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus der Praxis forschen gemeinsam und verbinden die Suche nach gesellschaftlichen Problemlösungen mit wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten. 

In der aktuellen Veranstaltung der Frankfurter Bürger-Uni im Sommersemester 2022 stellt das ISOE den transdisziplinären Forschungsmodus vor. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Frankfurter Instituts zeigen am Beispiel konkreter Themen aus der Nachhaltigkeitsforschung – Stadtentwicklung, Mobilität und Biodiversität –, warum der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft entscheidend ist, um sozial-ökologische Transformationen umzusetzen. Zugleich wird beispielhaft diskutiert, wo die Herausforderungen bei dieser wissenschaftlichen „Grenzüberschreitung“ zwischen fachlichen Disziplinen und Alltagswissen liegen. 

Podiumsdiskussion in der Reihe Frankfurter Bürger-Universität: 
Wissenschaft und Gesellschaft im Dialog – Wie transdisziplinäre Forschung den sozial-ökologischen Wandel unterstützen kann 

Mit Expert*innen des ISOE: Dr. Jutta Deffner, Dr. Michael Kreß-Ludwig, Dr. Alexandra Lux, Dr. Oskar Marg, Dr. Marion Mehring, Lena Theiler

Moderation: Dr. Nicola Schuldt-Baumgart (ISOE)

Datum und Uhrzeit: 20.06.2022, 18:30 – 20:00 Uhr

Ort: Online-Veranstaltung, Clickmeeting

Anmelden unter: https://isoe.clickmeeting.com/td-forschung/ 

Mitdiskutieren: #TransdiszplinärForschen

Veranstalter: ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung im Rahmen der Frankfurter Bürger-Universität

Zur Aufzeichnung: https://vimeo.com/722858885  

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart
Tel. +49 69 707 6919-30
 
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
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Pressemitteilung
news-562 Thu, 09 Jun 2022 09:30:00 +0200 Kommunen im Klimawandel - Klimagerechte Stadtentwicklung: Neue Planungshilfe unterstützt Kommunen https://www.isoe.de/news/klimagerechte-stadtentwicklung-neue-planungshilfe-unterstuetzt-kommunen/ Kommunen stehen vor der Herausforderung, möglichst schnell Infrastrukturmaßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung umzusetzen. Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt netWORKS 4 zeigen, wie viel Potenzial kombinierte Lösungen auf Basis blauer, grüner und grauer Infrastrukturen dafür bieten. Damit diese Lösungen gezielt in der kommunalen Praxis umgesetzt werden können, hat das netWORKS 4-Forschungsteam eine Planungshilfe für eine klimagerechte Infrastrukturentwicklung in Kommunen konzipiert. Sie unterstützt anschaulich den Wissenstransfer aus der Forschung in die Praxis und erleichtert die Zusammenarbeit von Verantwortlichen mit unterschiedlicher fachlicher Expertise. Hitzewellen und Starkregen setzen Städte unter Handlungsdruck, denn sie haben negative Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit der Menschen. Im Forschungsprojekt netWORKS4 untersuchte ein Wissenschaftsteam unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung und des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu), wie Klimaanpassung in Kommunen durch eine gezielte Vernetzung der Wasser- und Grüninfrastrukturen in den Kommunen gelingen kann. Es geht darum, die graue, technische Wasserinfrastruktur mit blauen und grünen Infrastrukturen zu vernetzen – also mit Flüssen, Bächen oder Anlagen wie Springbrunnen oder Wasserspielplätzen und städtischem Grün wie Bäumen und Sträuchern in Parks, Wiesen oder Grünstreifen. So können in längeren Hitze- und Trockenperioden Bäume und Grünflächen etwa mit gespeichertem Regenwasser oder Betriebswasser aus aufbereitetem Grauwasser bewässert werden, damit sie weiterhin ökologische und klimatische Funktionen entfalten. 

Kombination einzelner Maßnahmen anstatt Pauschallösung

„Blaue, grüne und graue Infrastrukturen können vielfältig für eine klimagerechte Stadtentwicklung genutzt werden“, sagt Projektleiterin Martina Winker vom ISOE, „aber es gibt keine Pauschallösung für alle Kommunen, dazu sind die jeweiligen Voraussetzungen zu unterschiedlich und zu komplex.“ Die Lösungsmöglichkeiten liegen vielmehr in der Kombination klimagerechter Maßnahmen, die auf die jeweilige städtische Situation zugeschnitten sind. Diese zu identifizieren und miteinander zu kombinieren, stellt Kommunen vor neue Herausforderungen. „Wir haben im Forschungsprojekt netWORKS 4 untersucht, wie die Zusammenarbeit zwischen Verantwortlichen für klimagerechte Lösungen durch einen zielgerichteten Wissenstransfer besser gelingen kann“, sagt Winker. 

Klimaanpassung in Kommunen erfordert neue Entscheidungs- und Planungsprozesse

Im direkten Austausch mit Kommunen hat das Team die Forschungsergebnisse in Workshops diskutiert, angepasst und verfeinert. „Für eine gelungene Vernetzung von blauen, grünen und grauen Infrastrukturen in Kommunen müssen vor allem sich dabei verändernde Beziehungen in der Planung und Umsetzung mehr Berücksichtigung finden. Das betrifft zum Beispiel auch Abstimmungsverfahren zwischen Akteuren“, sagt Jan Hendrik Trapp vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Für den Erfolg sei wichtig, schon in der Vorplanungsphase eine frühzeitige Verständigung über gemeinsame Ziele zwischen Stadtentwicklung, Infrastrukturbetreibern und den Eigentümer*innen von Gebäuden und Grundstücken zu ermöglichen. So könne ein offener interdisziplinärer Austausch und Wissenstransfer zwischen den planenden Akteuren effektiv stattfinden. „Damit Klimaanpassungsmaßnahmen effektiv umgesetzt werden, ist es zudem wichtig, dass die planungs- und umsetzungsrelevanten Akteure den Mehrwert kennen, der sich aus den Investitionen für die Kopplung blau-grün-grauer Infrastrukturen ergibt“, sagt Trapp. Grünflächen blieben auch in Hitze- und Trockenperioden funktionsfähig und deren Aufenthaltsqualitäten erhalten. Auch werden Trinkwasserressourcen geschont. 

Wissenstransfer zur klimagerechten Infrastrukturentwicklung: Infokartenset für die Planung

Um für Kommunen die Details anschaulich zu machen, entwickelte das Projektteam ein Infokartenset, das mögliche Maßnahmen, Voraussetzungen, Effekte und Kombinationsmöglichkeiten blau-grün-grauer Infrastrukturen praxisorientiert darstellt. Das für die Planung klimagerechter Quartiere entwickelte Kartenset ermöglicht es, vielfältige Optionen aufzuzeigen und erleichtert so den Austausch: zwischen Akteuren der kommunalen Planung in den Bereichen Quartiersentwicklung, Grün- und Wasserinfrastrukturplanung sowie Betreibern der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung und zum Beispiel privaten Immobilienbesitzer*innen. Die im Set enthaltenen Infokarten und Chips bilden mögliche Klimaanpassungsmaßnahmen anschaulich als Einzellösungen ab und lassen sich miteinander kombinieren. „Das Kartenset bietet alle wichtigen Informationen zur Vernetzung blau-grün-grauer Infrastrukturen von Gebäudebegrünung über Betriebswassernutzung bis zur Bewässerung und dient als Planungshilfe und zur Vorbereitung kommunalpolitischer Entscheidungen“, sagt Martina Winker vom ISOE. Für viele Akteure sei der Vernetzungsgedanke noch neu und könne deshalb einen Mehraufwand in der Planung und anschließenden Umsetzung bedeuten. „Die frühzeitige integrative Planung der blau-grün-grauen Infrastrukturen lohnt sich für Kommunen mehrfach, da sie Ressourcen schont und damit eine optimale Anpassungsstrategie an den Klimawandel ermöglicht“, so Jan Hendrik Trapp vom Difu. Daraus ergeben sich Synergieeffekte, die den Folgen des Klimawandels gezielt entgegenwirken können.
 
Das netWORKS 4-Infokartenset kann hier bestellt oder als PDF heruntergeladen werden: 
https://networks-group.de/de/networks-4/infokarten.html 

Forschungsergebnisse

Vorträge und Poster der netWORKS 4 Online-Abschlusskonferenz „Stadtgrün und Wasser als Bausteine klimagerechter Quartiere“ am 25. März 2022
https://networks-group.de/de/publikationen/vortraege.html 

Zentrale Forschungsergebnisse als Handreichungen für unterschiedliche Zielgruppen:
https://networks-group.de/de/publikationen/broschueren.html 

Ausführliche Darstellungen der Forschungsergebnisse: 
https://networks-group.de/de/publikationen.html 

Über netWORKS 4

Das Projekt „Resilient networks: Beiträge von städtischen Versorgungssystemen zur Klimagerechtigkeit“ (netWORKS 4) (Transferphase) wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der Fördermaßnahme „Transformation urbaner Räume“ des Förderschwerpunkts Sozial-ökologische Forschung gefördert. Forschungs- und Projektpartner waren das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), das Kompetenzzentrum Wasser Berlin, die Berliner Wasserbetriebe, die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz Berlin sowie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in Berlin und die Stadt Norderstedt.

Download Pressefoto:

netWORKS 4-Infokartenset (jpg, 2,2 MB)
Bei Verwendung des Pressefotos bitte die Quelle kennzeichnen: © ISOE

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Martina Winker
ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung
Tel. +49 69 707 6919-53
 
www.isoe.de  

Jan Hendrik Trapp
Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH (Difu)
Tel.: +49 30 39001-210
 
https://difu.de/  

Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
 
www.isoe.de  

 

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Pressemitteilung
news-561 Tue, 07 Jun 2022 16:25:32 +0200 Nachhaltige Transformationen - Projekte aus der Zukunftsstadt-Forschung des BMBF gehen virtuell auf Tournee https://www.isoe.de/news/projekte-aus-der-zukunftsstadt-forschung-des-bmbf-gehen-virtuell-auf-tournee/ Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Wie werden unsere Städte lebenswert, CO2-neutral, klimaangepasst, energie- und ressourceneffizient? Dazu haben rund 50 Forschungsteams aus unterschiedlichen Disziplinen praxisnahe Strategien und Produkte entwickelt. In einer virtuellen Deutschland-Tour werden seit Anfang Juni exemplarisch Ergebnisse aus dieser Zukunftsstadt-Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für die beteiligten Städte vorgestellt. Das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung hat diese Forschungsprojekte im Synthese- und Vernetzungsprojekt SynVer*Z wissenschaftlich begleitet. Den Auftakt der virtuellen Zukunftsstadt*Tour macht die Stadt Bochum, wo das Projektteam „UrbaneProduktion.Ruhr“ innovative Ideen für nachhaltige Produktionsweisen in der Stadt erprobt hat. In zwei Reallaboren wurden dafür vor Ort wegweisende Ansätze entwickelt, um die Produktion besonders in strukturschwachen Räumen zu fördern. Das Reallabor LutherLAB nutzte die ehemalige Lutherkirche im Stadtteil Langendreer-Alter Bahnhof und veranstaltete dort mit Anwohner*innen ein Festival, um gemeinsam Prozesse urbaner Produktion zu erproben und zu gestalten. Aus dem LutherLAB hat sich ein eigenständiger Verein entwickelt, der die Kirche als Experimentierraum für Begegnung, Bildung und Nachhaltigkeit betreibt.

Das zweite Reallabor begann als Pop-up-Lokal WatCraft in einem leer stehenden Laden in der Hochstraße – im Stadtteil Wattenscheid – und hat sich in einer ehemaligen Gaststätte zu einem Begegnungsraum für Kultur, Produktivität und Genuss weiterentwickelt. Inzwischen hat sich der Verein BYBOCHUM e.V. aus dem Netzwerk der Manufakturen gegründet, das von UrbaneProduktion.Ruhr initiiert wurde. Das Ziel: Unternehmen und Start-ups teilen hier ihr Knowhow, tauschen sich aus und produzieren nachhaltig. 

Exemplarische Lösungen für die Zukunftsstadt als Vorbild für andere Kommunen

Seit Anfang Juni kann die Zukunftsstadt*Tour mit der ersten Station in Bochum online besucht werden. Bis Dezember 2023 kommen nach und nach weitere Projekte aus mehr als 20 Kommunen auf der Tour-Website www.nachhaltig-zukunftsstadt.de hinzu. Auf Bochum folgen die Stadt Boizenburg an der Elbe mit dem Thema Klimaanpassung für Kleinstädte und die Stadt Köln, wo Lösungen für den Umgang mit Starkregen und Hitzeperioden erprobt wurden. Die für die virtuelle Tournee ausgewählten Konzepte und Produkte aus den Forschungsprojekten stehen exemplarisch für innovative Lösungen, auf die Kommunen schon jetzt angewiesen sind, um zukünftigen Herausforderungen zu begegnen. 

Alle Projekte im Rahmen des im Synthese- und Vernetzungsprojekt Zukunftsstadt SynVer*Z sind transdisziplinär angelegt und orientieren sich an zentralen Themen und Herausforderungen wie Klimaanpassung und urbane Resilienz, städtische Grünflächen und Freiräume, urbane Mobilität und Logistik, sozialer Zusammenhalt und Teilhabe, urbane Produktion sowie städtische Infrastrukturen. Dazu arbeiten Wissenschaftsteams, Kommunalpolitik und -verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in Reallaboren vor Ort zusammen. SynVer*Z wird im Auftrag des BMBF vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), bei dem die Projektleitung liegt, und dem ISOE sowie von Gröschel Branding begleitet, um zentrale Forschungsergebnisse aus den einzelnen Projekten gezielt zusammenzuführen sowie unterschiedliche Transformationsstrategien zu identifizieren und die Bedingungen zu ermitteln, unter denen die Innovationen in den Kommunen gelingen können. 

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Alexandra Lux
Tel. +49 69 707 6919-27

Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
 

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news-559 Wed, 01 Jun 2022 16:18:38 +0200 Nachhaltige Mobilität - Wie Pendeln nachhaltiger werden kann: Studienteilnehmer für Experiment im Forschungsprojekt PendelLabor gesucht https://www.isoe.de/news/pendellabor-studienteilnehmer-gesucht/ Stau, Stress und lange Parkplatzsuche prägen den Alltag vieler Menschen, die regelmäßig zur Arbeit pendeln. Aber wie lässt sich der Weg zur Arbeit und zur Ausbildung verträglicher gestalten? Um diese Frage zu beantworten, bereitet das Forschungsteam in einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ein Realexperiment in den Landkreisen Groß-Gerau und Hochtaunus vor. Hierfür werden Personen gesucht, die sich an dem Mobilitätsexperiment beteiligen. Sie bekommen die Möglichkeit, Alternativen zu ihrem gewohnten Pendelweg – kostenlos – auszuprobieren. Das Pendleraufkommen ist in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Allein in der Region Frankfurt Rhein-Main pendeln täglich mehr als eine halbe Million Menschen, überwiegend mit dem Auto. Das hat nicht nur Folgen für die Umwelt und für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen, die pendeln, sondern auch für die Bewohner*innen in den sogenannten Einpendlerstädten. Im BMBF-Forschungsprojekt „PendelLabor“ unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung suchen Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Praxisakteuren nach tragfähigen Alternativen zu gängigen Pendelroutinen.

Dafür sind auch Experimente in den beiden hessischen Landkreisen Groß-Gerau und Hochtaunus geplant. „Wir wollen neue Lösungen entwickeln, die an den Bedürfnissen der Pendlerinnen und Pendler ansetzen und eine nachhaltige Pendelmobilität fördern“, sagt Projektleiterin und Mobilitätsforscherin Jutta Deffner vom ISOE. „Wir suchen deshalb Personen, die regelmäßig zum Arbeits- oder Ausbildungsort fahren müssen und offen dafür sind, über einen Zeitraum von mehreren Monaten, zwischen Juli und Dezember 2022, Alternativen zu ihren bisherigen Pendelpraktiken auszuprobieren.“

Voraussetzungen für die Teilnahme am Reallabor von Juli bis Dezember 2022

Interessierte ab 18 Jahren mit einem Wohnort im Hochtaunuskreis oder dem Landkreis Groß-Gerau müssen ihren Arbeitsplatz entweder in Frankfurt, im Hochtaunuskreis, im Kreis Groß-Gerau oder in einer an Frankfurt angrenzenden Kommune haben, dort studieren oder ihre Ausbildung machen. Der gesamte oder überwiegende Teil des Pendelwegs muss bisher regelmäßig mit dem Auto zurückgelegt worden sein und einfach mindestens drei Kilometer betragen. Dieser Weg muss mindestens zwei Mal in der Woche zurückgelegt werden. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kommt die Teilnahme infrage. Weitere Informationen dazu unter 
www.pendellabor.de/experiment  

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Luca Nitschke
Tel. +49 69 707 6919-20

Dr. Jutta Deffner
Tel. +49 69 707 6919-38

pendellabor(at)isoe.de
www.isoe.de

Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
neugart(at)isoe.de
www.isoe.de

 

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news-554 Fri, 20 May 2022 12:57:52 +0200 Bund-Länder-Förderinitiative - Konzept von Hochschule Geisenheim und ISOE überzeugt im Wettbewerb „Innovative Hochschule“  https://www.isoe.de/news/konzept-von-hochschule-geisenheim-und-isoe-ueberzeugt-im-wettbewerb-innovative-hochschule/ Mit dem Vorhaben „GeisTreich – Geisenheimer Transferprogramm für artenreichen und multifunktionalen Weinbau“ hat die Hochschule Geisenheim in Kooperation mit dem ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung ein Konzept erarbeitet, das im Wettbewerbsverfahren der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“ überzeugte. Mit Beginn des Jahres 2023 wird das Projekt für fünf Jahre von Bund und Land mit bis zu 2,16 Mio. Euro gefördert.  Die Hochschule wird so ihre Rolle als regionaler und überregionaler Innovationsmotor für die Entwicklung nachhaltiger Anbausysteme und attraktiver Weinbaulandschaften maßgeblich ausbauen können. Gemeinsam mit dem ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt als Projektpartner werden über innovative dialog- und zielgruppenorientierte Formate des Wissenstransfers Lösungsstrategien für die großen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen, die einer von weinbaulicher Bewirtschaftung geprägten Region bevorstehen, erarbeitet.

Im Zuge des Projekts ist unter anderem die Einrichtung von Innovationslaboren als Experimentier- und Demonstrationsräume für die Entwicklung zukunftsfähiger Weinanbausysteme und einer multifunktionalen, artenreichen Kulturlandschaft geplant. Hierzu gehört zum Beispiel eine Ausstellung in einem mobilen „Tiny House“, die vor Ort in der Weinbergsflur, aber beispielsweise auch auf Schulhöfen oder zentralen Stadtplätzen der Region eingesetzt werden soll. Der Fokus liegt dabei auf dem interaktiven Wissenstransfer auch mittels neuer digitaler Hilfsmittel. Diese sollen helfen, die Veränderungen der Landschaft durch die Intensivierung des Weinbaus in den letzten Jahrzehnten nachzuvollziehen, Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren und so gemeinsam Ideen für die zukünftige Gestaltung der Kulturlandschaft zu entwickeln und erlebbar zu machen. 

ISOE-Expertise für Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation 

Das ISOE begleitet das Vorhaben mit seiner einschlägigen Expertise in den Bereichen Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation. Zudem unterstützt das ISOE das Vorhaben mit einer wirkungsorientierten Evaluation, die das Ziel hat, die Wirkungen der Forschungsprozesse und Transferformate systematisch zu erfassen, um bei Bedarf zeitnah Anpassungen vornehmen zu können. Eingebunden werden die Akteurinnen und Akteure der Weinwirtschaft, Behörden (Weinbauämter, Naturschutz, Flurneuordnung, Wasserwirtschaft), Verbände und Organisationen sowie die regionale Öffentlichkeit. 

Weitere Adressatinnen und Adressaten sind Studierende insbesondere des Wein- und Gartenbaus, der Agrarwissenschaften, der Landschaftsplanung und des Naturschutzes sowie die Menschen als Nutzende der regionalen Kulturlandschaft. Dazu gehören explizit auch die Schülerinnen und Schüler der regionalen Schulen. Die geographische Lage der Hochschule an einer unmittelbaren Schnittstelle zwischen ländlichem Raum (Weinbaugebiet Rheingau, Naturpark Rhein-Taunus) und städtischem Ballungsgebiet (Rhein-Main-Gebiet) bietet für die Bearbeitung dieser Themen hervorragende Voraussetzungen.

Der Wettbewerb „Innovative Hochschule“

Das unabhängige Auswahlgremium der Förderinitiative „Innovative Hochschule“ hat in einem expertengeleiteten Wettbewerbsverfahren für die zweite Förderrunde der Bund-Länder-Initiative insgesamt 55 Hochschulen in 16 Einzel- und 13 Verbundvorhaben zur Förderung ausgewählt. Zwei Vorhaben aus Hessen waren erfolgreich: Neben der Hochschule Geisenheim ist dies ein Projekt der Universität Kassel. Beworben hatten sich insgesamt 165 Hochschulen. Dazu erklärte die Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung, in einer Pressemitteilung: „Unsere Hochschulen für Angewandte Wissenschaft und Fachhochschulen sowie die kleinen und mittleren Universitäten sind mit ihrer Verankerung in der Region Innovationsmotoren für unser Land. Mit der Förderinitiative „Innovative Hochschule“ unterstützen wir ihre Stärken ganz gezielt.“

Die Bund-Länder-Initiative zur Förderung des forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologietransfers – „Innovative Hochschule“ – wurde im Sommer 2016 von den Regierungschefinnen und -chefs von Bund und Ländern beschlossen. Sie soll das Innovationspotenzial insbesondere von Fachhochschulen sowie von kleinen und mittleren Universitäten fördern. Sie soll Hochschulen darin unterstützen, sich bei Transfer und Innovation, was neben Forschung und Lehre auch als „dritte Mission“ der Hochschulen bezeichnet wird, zu profilieren und ihre strategische Rolle im regionalen Innovationssystem zu stärken. Weitere Informationen zur Förderinitiative: www.innovative-hochschule.de

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart
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news-552 Thu, 19 May 2022 16:34:00 +0200 Wasserwiederverwendung in der Landwirtschaft - Forschungsprojekt HypoWave+ auf der IFAT 2022 https://www.isoe.de/news/forschungsprojekt-hypowave-auf-der-ifat-2022/ Das im Forschungsprojekt HypoWave erfolgreich entwickelte Verfahren einer landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion mit recyceltem Wasser geht erstmals im großen Maßstab in die Anwendung. Im „kleinen Maßstab“ wird das Modell für die hydroponische Gemüseproduktion mit aufbereitetem Bewässerungswasser auf der IFAT in München zu sehen sein. Das Forschungsteam von HypoWave+ stellt das Projekt vom 30. Mai bis 3. Juni 2022 in Halle B2 am Stand des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) vor. Die landwirtschaftliche Gemüseproduktion ist wasserintensiv. Doch Wasserknappheit ist inzwischen ein weltweites Problem, das durch den voranschreitenden Klimawandel noch verstärkt wird. Um möglichst ertragreiche Ernten zu sichern, werden neue, wassersparende Anbauverfahren gesucht. Mit dem Forschungsprojekt HypoWave+ unter der Leitung der Technischen Universität Braunschweig fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Umsetzung einer alternativen landwirtschaftlichen Anbauform in Kombination mit Wasserwiederverwendung im großtechnischen Maßstab. Das HypoWave-Verfahren ermöglicht einen regionalen, wasserschonenden und ganzjährigen Gemüseanbau im Gewächshaus und bietet damit eine Alternative zur herkömmlichen Gemüseproduktion. 

Regionale Lebensmittelerzeugung trotz Wasserknappheit

Das hydroponische Verfahren, bei dem Pflanzen in Gefäßen ohne Erde über eine Nährlösung unter Verwendung von recyceltem Wasser versorgt werden, wurde im Vorgängerprojekt im niedersächsischen Hattorf erfolgreich erprobt. Das Forschungsteam um Projektleiter Thomas Dockhorn von der TU Braunschweig und Projektkoordinatorin Martina Winker vom ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung stellt das Verfahren nun auf der Münchener IFAT vor. Am Messestand des BMBF präsentieren die Wissenschaftler*innen die Innovation im Modellmaßstab: Mit dem HypoWave-Verfahren kann zum einen eine Alternative zur Bewässerung mit Trink- und Grundwasser erschlossen werden. Die Anbauform bietet zudem eine optimierte Nährstoffversorgung, da den Pflanzen lebenswichtige Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor aus dem aufbereiteten Wasser zugeführt werden. 

Das HypoWave-Verfahren auf der IFAT 2022

Besuchen Sie das Forschungsteam von HypoWave+ auf der IFAT vom 30. Mai bis 3. Juni 2022 in Halle B2 auf dem Gemeinschaftsstand des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) mit der Standnummer 115/214. Wissenschaftler*innen der TU Braunschweig, des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, des Fraunhofer IGB und Vertreter*innen der Praxispartner Integar und Huber SE informieren Sie gerne über die Wasserwiederverwendung im hydroponischen Anbau und technische und nichttechnische Voraussetzungen für die Implementierung des Verfahrens. 

Das Forschungsprojekt HypoWave+

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Verbundprojekt „HypoWave+ – Implementierung eines hydroponischen Systems als nachhaltige Innovation zur ressourceneffizienten landwirtschaftlichen Wasserwiederverwendung“ zur Fördermaßnahme „Wassertechnologien: Wasserwiederverwendung“ im Rahmen des Bundesprogramms „Wasser: N“. Wasser: N ist Teil der BMBF-Strategie Forschung für Nachhaltigkeit (FONA). Die Fördersumme beträgt 2,8 Millionen Euro. Die Projektpartner im Forschungsverbund unter der Leitung der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig, Institut für Siedlungswasserwirtschaft (ISWW), sind das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB, die Universität Hohenheim (UHOH), der Abwasserverband Braunschweig (AVB), der Wasserverband Gifhorn (WVGF), IseBauern GmbH & Co. KG, aquatune GmbH (a Xylem brand), Ankermann GmbH & Co. KG, Huber SE und INTEGAR – Institut für Technologien im Gartenbau GmbH.

Informationen zum Forschungsprojekt: www.hypowave.de  

Zudem finden Sie Bildmaterial zu Ihrer Verwendung unter www.flickr.com/photos/102295333@N04/albums/72157688518183561 

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news-532 Wed, 04 May 2022 13:10:00 +0200 ISOE-Forschungsprojekt zum Schutz der Ozeane - „SCIP plastics“: Kunststoffabfälle in Bangladesch reduzieren https://www.isoe.de/news/scip-plastics-kunststoffabfaelle-in-bangladesch-reduzieren/ Täglich landen rund 480 Tonnen Abfall auf den Straßen von Khulna, der größten Stadt im dichtbesiedelten Ganges-Delta. Darunter Unmengen an Kunststoff, der über die angrenzenden Gewässer Bangladeschs in die Ozeane geschwemmt wird. Ohne Gegenmaßnahmen wird die Verschmutzung der Meere weiter zunehmen. Ziel des Verbundprojektes SCIP plastics ist es daher, ein nachhaltiges Abfallsystem in Khulna zu etablieren, um Kunststoffabfälle langfristig zu reduzieren und den Lebensraum Wasser zu schützen. Das mit rund vier Millionen Euro vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) geförderte Vorhaben wird von der Bauhaus-Universität Weimar in Kooperation mit dem ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung bis 2024 umgesetzt.  Tüten, PET-Flaschen, Hygieneartikel – rund drei Viertel des Mülls im Meer besteht aus Kunststoff. Bis zur völligen Zersetzung können Tausende Jahre vergehen. Bis dahin verfallen die Kunststoffteile in immer kleinere Partikel. Ein Großteil der Abfälle wird von Land aus über die Flüsse in die Ozeane geschwemmt. Eines der Länder mit der höchsten Verschmutzung durch Kunststoff im Meer ist Bangladesch. Das Problem: In Städten wie Khulna fehlt eine zentrale Anlaufstelle, die die Abfallwirtschaft organisiert und koordiniert. Technische Anlagen zum Trennen und Recyceln gibt es nicht, sodass der meiste Abfall unsortiert und unbehandelt am Straßenrand sowie auf offenen Deponien landet. Die herumliegenden Abfälle können nicht nur Krankheiten verursachen, sondern gefährden auch Ökosysteme in den angrenzenden Gewässern. Ziel des Forschungsprojektes „Sustainable Capacity Building to Reduce Irreversible Pollution by Plastics“ (kurz: SCIP plastics) ist es daher, die Abfallwirtschaft in Bangladesch neu zu organisieren, um Kunststoffmüll erst gar nicht in die Umwelt gelangen zu lassen.

Vernetzen und aufklären im SCIP-Hub

Herzstück des Projektes ist das sogenannte „SCIP-Hub“, ein Wissenstransferzentrum, das auf dem Campus der Khulna University of Engineering and Technology (KUET) eingerichtet wird. Im Hub werden interdisziplinäre Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft miteinander vernetzt, um einen Masterplan zur Reorganisation der Abfallwirtschaft in Khulna zu entwickeln und verschiedene Pilotmaßnahmen im Bereich Kunststoffprävention umzusetzen. Geplant ist unter anderem, ein Awareness Center im Innenstadtbereich von Khulna einzurichten, um die Bevölkerung für das Sammeln, Trennen und Entsorgen von Müll zu sensibilisieren und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, Abfälle auch als Ressource zu gebrauchen.

Aus Pilotprojekten lernen

Grundlage des Vorhabens bildet zunächst die Untersuchung der bestehenden Wertstoffkette unter sozioökonomischen Gesichtspunkten. An vier Pilotanlagen soll die Sammlung von wiederverwertbaren Kunststoffen optimiert sowie neue Strategien zur emissionsarmen Entsorgung in den Deponien erprobt werden. Auch die bislang eher informell organisierten Recycling-Shops sollen in das Konzept integriert und nach ökologischen Standards verbessert werden. Ferner wird überprüft, inwiefern Kunststoffe langfristig durch lokal produzierte Jute ersetzt werden kann. Ergänzend analysiert eine Fallstudie im Hafen von Mongla, inwiefern die drohende Verschmutzung durch Kunststoff in Bangladeschs Häfen aufgehalten werden kann. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Hub ausgewertet und in Kooperation mit der Khulna City Corporation vor Ort umgesetzt. Langfristiges Ziel ist es, eine nationale Abfallstrategie zu entwickeln, die dabei hilft, Kunststoffabfälle zu vermeiden.

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news-548 Tue, 26 Apr 2022 17:03:00 +0200 Mobilitätsforschung - Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und Perspektiven https://www.isoe.de/news/pendeln-verstehen-status-quo-forschungsstand-und-perspektiven/ Der Pendelverkehr in Deutschland ging im Zuge der Corona-Pandemie deutlich zurück. Doch mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht könnte sich der ursprüngliche Trend fortsetzen: Das Pendelaufkommen hatte sich zuletzt stetig erhöht. Wie eine nachhaltige Stadt-Umland-Mobilität zwischen Wohn- und Arbeitsort zukünftig aussehen kann, wird im Forschungsprojekt „PendelLabor“ am Beispiel der Region Frankfurt Rhein-Main untersucht. Das Projektteam unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung hat einen Report erstellt, der den Forschungsstand und Perspektiven zur Pendelmobilität zusammenfasst. Der Report ist in der ISOE-Publikationsreihe „Materialien Soziale Ökologie“ erschienen.  Die Folgen einer hohen Pendelaktivität wie in der Region Frankfurt Rhein-Main sind hinreichend bekannt und individuell und gesellschaftlich relevant – für Gesundheit, Lebensqualität und Ökologie. Aber wie kommt es zum Pendelaufkommen, welche Verkehrsmittel werden genutzt und welche Motive führen zu der Entscheidung, Pendelwege auf sich zu nehmen? Im Verbundprojekt „PendelLabor“ unter der Leitung des ISOE hat ein Team aus Forschung und Praxis die Datenlage zur Pendelmobilität für die Region Frankfurt und Umland ausgewertet und einen Forschungsansatz entwickelt, der es – auch für andere Regionen – ermöglicht, Pendeln ganzheitlich zu betrachten und die komplexen Wegeketten, Aktivitäten und Motive der Pendelnden zu erfassen.

In der Publikation „Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und Perspektiven“ stellen die Autor*innen diesen Ansatz sowie Szenarien für mögliche Entwicklungen vor. Sie haben hierfür eine weitreichende Literaturrecherche und Expert*innen-Workshops durchgeführt. Der Ansatz, den das Autorenteam verfolgt, geht davon aus, dass Pendeln weit mehr ist, als die herkömmliche Definition suggeriert. Demnach gelten lediglich Arbeitnehmer*innen, die für ihren Arbeitsweg zwischen Wohnung und Arbeitsort die Grenze der Wohngemeinde überschreiten, als pendelnd. Bei dieser Engführung der Definition werden Selbstständige, Beamte, Schüler*innen und Studierende jedoch nicht berücksichtigt. Zudem fallen Wege, die innerhalb einer Gemeinde verlaufen, nicht unter diese Definition. 

Hohes Pendelaufkommen: Symptomlinderung greift zu kurz

Dies bilde das Geschehen vor allem in Großstädten aus Sicht der Mobilitätsexpert*innen unzureichend ab. Für nachhaltige Lösungsansätze, die die Verkehrswende weiter voranbringen, sei ein vollständiges Bild von der komplexen Pendelmobilität notwendig. „Vor allem müssen wir zu Lösungen kommen, die Pendeln nicht nur als ein Verkehrsproblem verstehen, das mit verkehrlichen Maßnahmen gelöst werden kann. Das wäre nur eine Art Symptomlinderung“, sagt ISOE-Mobilitätsforscherin Jutta Deffner. Der Ausbau von Straßen oder die Empfehlung für Autofahrer*innen, auf den ÖPNV umzusteigen, löse die Pendelproblematik nicht im Kern. Vielmehr müssten die Alltagsorganisation und der Arbeitsalltag der Pendelnden besser miteinbezogen werden. 

In ihrer Publikation zeigen die Autor*innen deshalb nicht nur verkehrliche Ausprägungen der millionenfachen Arbeitswege von A nach B. Sie verdeutlichen die zurückgelegten Arbeitswege auch nach Regionstypen und soziodemografischen Merkmalen und erstellen etwa eine Übersicht über das Pendelaufkommen nach Branchen, Alter und Geschlecht vor. Dabei bestätigt sich der klare „Genderbias“, der sich auch in der Forschungsliteratur wiederfindet. Frauen seien stärker von den Auswirkungen auf Gesundheit und Partnerschaft betroffen als Männer. Gleichzeitig habe Pendeln nachweislich aber auch viele positive Effekte: Es könne grundlegend dafür sein, überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, ohne das soziale Umfeld aufgeben zu müssen. 

Arbeitsmodell bildet Komplexität des Pendelgeschehens ab

Die Autor*innen betonen zugleich die soziale, zeitliche und emotionale Dimension hinter den Zahlen, die zu den Pendelentscheidungen führen. „Für Millionen von Menschen ist Pendeln immer ein Transit zwischen Privatsphäre und Berufsleben, der fest in ihren Alltag integriert ist“, sagt Deffner. „Deshalb ist es wichtig, den Blick auf die Pendelmobilität zu weiten und Pendeln als soziale Praktik zu verstehen, für die es vielfältige Motive und komplexe Wirkungen auf andere Bereiche gibt.“ Als Arbeitsmodell haben die Autor*innen dafür ein „Wirkgefüge“ entwickelt, das zeigt, dass „klassische Einflussgrößen“ wie die Präferenz und Wahl des Verkehrsmittels nur ein Faktor in einem komplexen Zusammenhang sind. Auch die jeweilige Haushaltskonstellation, die Arbeitsorganisation oder die Wohnstruktur spielten eine wichtige Rolle. 

Der integrierte Blick auf die verschiedenen Einflüsse auf das Pendeln und die Wirkungen, die davon ausgehen, ermöglicht es den Forschenden, Zusammenhänge zwischen Pendelverkehr, Individuum und Haushalt, Erwerbsarbeit und Unternehmen sowie Siedlungs- und Raumstruktur zu ermitteln. Das sei eine wichtige Voraussetzung, um passende Maßnahmen für Pendler*innen, Kommunen und Unternehmen zu entwickeln und Pendeln künftig sozial- und umweltverträglicher zu gestalten. Im transdisziplinären Forschungsprojekt PendelLabor werden solche Maßnahmen in einem nächsten Schritt auf der Grundlage von sozialempirischen Ergebnissen in einem Realexperiment entwickelt. 

Über die Publikation

Die Publikation steht in der Reihe ISOE-Materialien Soziale Ökologie als Download zur Verfügung. 

Nitschke, Luca/Paula Quentin/Fabian Kanisius/Kai Schluckebier/Nora Sofie Burlon/Jost Buscher/Jutta Deffner/André Bruns/Melina Stein/Heike Mühlhans/Frank Othengrafen/Jan-Marc Joost (2022): Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und Perspektiven. ISOE-Materialien Soziale Ökologie, 67. Frankfurt am Main

Über das Projekt 

Das Projekt „PendelLabor – Wege zu einer nachhaltigen Stadt-Umland-Mobilität am Beispiel der Region Frankfurt Rhein-Main“ wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung im Förderbereich MobilitätsZukunftsLabor 2050 gefördert. Forschungs- und Praxispartner sind das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung (Verbundleitung), TU Dortmund (Fachgebiet Stadt- und Regionalplanung), ivm GmbH, Hochschule Rhein-Main (Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen) sowie die Stadt Frankfurt am Main und der Regionalverband FrankfurtRheinMain. www.pendellabor.de  

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Jutta Deffner
Tel. +49 69 707 6919-38
 

Dr. Luca Nitschke
Tel. +49 69 7076919-20
 

Pressekontakt:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart 
Tel. +49 69 707 6919-30

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news-545 Fri, 22 Apr 2022 11:32:17 +0200 Diskussionsveranstaltung - „Mehr Zeit?! Wie wir die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit beschleunigen können“ https://www.isoe.de/news/mehr-zeit-wie-wir-die-transformation-zu-mehr-nachhaltigkeit-beschleunigen-koennen/ „Immer schneller, höher, weiter!“ Die Steigerungslogik der Moderne bezieht einen wesentlichen Antrieb aus einem ökonomischen Zeitverständnis: „Zeit-ist-Geld!“ Dieser Satz hat die moderne Gesellschaft aus dem Takt und den Planeten mit den Folgen des Klimawandels und des Biodiversitätsschwundes an den Rand des Kollapses gebracht. Wie wirkt sich der Umgang mit Zeit auf den Ressourcenverbrauch aus und welche Rolle spielt der Faktor Zeit mit Blick auf die dringend notwendigen Transformationen zu mehr Nachhaltigkeit? Darüber diskutieren der Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch und Flurina Schneider, Wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, bei einer Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie am 16. Mai 2022. Sie findet in Präsenz statt und wird mit einem Livestream begleitet. In unserer Gegenwart sind wir es gewohnt, immer mehr in derselben Zeiteinheit zu erledigen. Die hohe Geschwindigkeit heizt dabei den Ressourcenverbrauch immer weiter an. Wäre Langsamkeit oder zumindest eine Entschleunigung also ein gutes Mittel, um nachhaltiger mit den natürlichen Ressourcen umzugehen? Eine nachhaltigere Lebens- und Wirtschaftsweise wird jedenfalls immer dringender, denn umgekehrt schreiten Klimawandel und Biodiversitätsverlust rasend schnell voran. Laut des jüngsten IPCC-Berichts bleibt nicht mehr viel Zeit, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Auf Einladung des Evangelischen Stadtdekanats Frankfurt und Offenbach diskutieren Flurina Schneider, Professorin für Soziale Ökologie, und Harald Lesch, Professor für Astrophysik, über die Rolle von Zeit für die anstehenden sozial-ökologischen Transformationen der Gegenwart. Nur ein rascher systemischer Wandel wird heftigste Klimafolgen noch abwenden können, sind sich Klimaforschende sicher. Wie passen Eile in der Sache und Entschleunigung im Lebenswandel zusammen? Kann trotz Zeitknappheit sogar noch ein neuer Zeitwohlstand erreicht werden, der zugleich dem Ressourcenverbrauch zugute kommt? Und wie, lautet eine der Schlüsselfragen der Veranstaltung, kann vorhandenes Wissen über Nachhaltigkeitseffekte in unmittelbares Alltagshandeln gelangen?

Die Rolle von Wissen für sozial-ökologische Transformationen

Damit beschäftigt sich auch Flurina Schneider, die das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung leitet und an der Frankfurter Goethe-Universität Soziale Ökologie und Transdisziplinarität lehrt. Sie untersucht, wie Wissen den gesellschaftlichen Wandel zur Nachhaltigkeit befördern kann und welches Wissen dafür überhaupt benötigt wird. Über welche Wege wird etwa wissenschaftliches Wissen in der Gesellschaft wirksam? Was braucht es, damit Menschen sich auf Lernprozesse einlassen? Dabei geht es Flurina Schneider um eine langfristige Sicherung menschlicher Grundbedürfnisse, um Generationengerechtigkeit und um Gerechtigkeit zwischen den Menschen im reichen Norden und im globalen Süden.

„Mehr Zeit?! Wie wir die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit beschleunigen können“

Podiumsdiskussion in der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt mit:

Prof. Dr. Flurina Schneider, Wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung

Prof. Dr. Harald Lesch, Institut für Astronomie und Astrophysik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Moderation: Dr. Regina Oehler, Wissenschaftsjournalistin, ehem. HR-Info und HR 2 Kultur, und
Dr. Gunter Volz, Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung

Datum: 16. Mai 2022, 19.00–21.00 Uhr

Ort: Evangelische Akademie Frankfurt, Römerberg 9, 60311 Frankfurt am Main 

Livestream: Die Veranstaltung wird zusätzlich auf dem YouTube-Kanal der Akademie gestreamt. Den Link zur Anmeldung finden Sie ab dem 12. Mai auf der Website der Akademie.
https://www.evangelische-akademie.de/kalender/mehr-zeit/59883/ 

Anmeldungen bis zum 6. Mai 2022 unter
https://www.evangelische-akademie.de/kalender/mehr-zeit/59883/ 
 

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Prof. Dr. Flurina Schneider
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news-544 Tue, 19 Apr 2022 12:27:19 +0200 Klimaanpassung - Kommunen im Klimawandel – Forschung zum Wissenstransfer https://www.isoe.de/news/kommunen-im-klimawandel-forschung-zum-wissenstransfer/ Auch in Hessen sind die Folgen des Klimawandels immer deutlicher zu spüren. Das Bundesland reagiert darauf mit einer Vielzahl an Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung, die im integrierten Klimaschutzplan 2025 verankert sind. Für Kommunen ergeben sich daraus neue Herausforderungen: Sie müssen verschiedene Zielgruppen mit unterschiedlichen Wissensbedarfen ansprechen. Aber wer benötigt welches Wissen für nachhaltiges Handeln? Welche Empfehlungen sind überhaupt sinnvoll und wie können sie gut vermittelt werden? Im Auftrag des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) erforscht ein Team des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung gemeinsam mit dem Fachzentrum Klimawandel und Anpassung (FZK), wie hessischen Kommunen der Wissenstransfer gelingen kann. Es gibt inzwischen durchaus Fortschritte beim Klimaschutz, viele Bürgerinnen und Bürger setzen bereits Maßnahmen zum Schutz des Klimas im Alltag um. Doch der jüngste Bericht des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC) zeigt eindringlich, dass noch schneller und noch mehr CO₂ eingespart werden muss, damit das 1,5-Grad-Ziel noch erreicht werden kann. Kommunen haben es sich auch in Hessen zur Aufgabe gemacht, die breite Öffentlichkeit für die Notwendigkeit des Klimaschutzes zu gewinnen. 

Doch für viele Städte und Gemeinden ist das ein Kraftakt. Praxisakteure und Klimaanpassungsmanager*innen bestätigen, dass immer wieder Situationen auftreten, in denen ihnen selbst wichtiges Wissen für die Vermittlung fehlt, etwa weil die Studienlage zu ganz unterschiedlichen Empfehlungen kommt oder weil schlichtweg Zeit und Kapazitäten fehlen, um das breite Informationsangebot zu sichten. 

Blaupausen für passgenaue Transferformate

In dem dreijährigen Forschungsprojekt „WissTransKlima“ soll deshalb erforscht werden, welche Wissensbedarfe und -barrieren bei kommunalen Entscheidungsträgern existieren und wie diese durch einen besseren Wissenstransfer adressiert werden können. Das ISOE hat diese Forschungs- und Praxisarbeit zur Unterstützung hessischer Kommunen mit Jahresbeginn zusammen mit dem Fachzentrum Klimawandel und Anpassung (FZK) aufgenommen. 

Das Projektteam verfolgt das Ziel, zunächst ein differenziertes Bild darüber zu erstellen, in welcher Form sich wissenschaftliches Wissen bereits in der kommunalen Praxis wiederfindet und wo es Wissens- wie auch Forschungslücken zur Klimaanpassung gibt. Auf dieser Grundlage werden die ISOE-Expert*innen für Energie und für Wissenstransfer passgenaue Transferangebote für die kommunalen Akteure der Klimaanpassung in Hessen entwickeln. Ziel ist es, Blaupausen zu schaffen, die über den regionalen Fokus hinaus angewendet werden können. 

Kommunale Akteure sind zentral für erfolgreiche Maßnahmen der Klimaanpassung

Das Forschungsprojekt WissTransKlima arbeitet dazu eng mit kommunalen Akteuren in Hessen zusammen, unter anderem mit Akteuren aus den sogenannten Klimakommunen. „Sie spielen eine zentrale Rolle im Bereich der Klimaanpassung“, sagt Nicola Schuldt-Baumgart, Leiterin der Wissenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit des ISOE. Zu ihren Aufgaben gehören nicht nur das Erstellen von Risikobewertungen und von Informationen für ihre Region, sie müssen sich für eine gelingende Umsetzung zunächst relevantes Wissen zu Klimaanpassungsmaßahmen aneignen und zielgenau aufbereiten. „Es ist deshalb entscheidend, die kommunalen Akteure gewissermaßen mit an Bord unserer Forschung zu haben“, sagt Schuldt-Baumgart.

Die Besonderheit von WissTransKlima sieht die Expertin für Wissenstransfer in der Verbindung aus der umfangreichen Analyse des jeweiligen Wissenstands und Wissensbedarfs von Kommunen und Akteuren einerseits und dem gezielten Transfer von Wissen andererseits. Das Forschungsteam arbeitet hierfür sowohl mit empirischen Methoden als auch mit partizipativ entwickelten Transferformaten.

Mehr zum Projekt: https://www.isoe.de/nc/forschung/projekte/project/wisstransklima/ 
 

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news-541 Mon, 11 Apr 2022 14:39:00 +0200 Lehrveranstaltungen des ISOE im Sommersemester 2022 - Vorlesung und Seminare zu Sozialer Ökologie und Transdisziplinarität https://www.isoe.de/news/vorlesung-und-seminare-zu-sozialer-oekologie-und-transdisziplinaritaet/ Wissenschaftler*innen des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung bieten auch im Sommersemester 2022 wieder Lehrveranstaltungen zu Nachhaltigkeitsthemen an. An der Frankfurter Goethe-Universität (GU) leitet Prof. Dr. Flurina Schneider mit Kolleg*innen ein Seminar zu Strukturaspekten von Umweltproblemen. PD Dr. Diana Hummel bietet das Seminar „Nachhaltige Entwicklung im Anthropozän“ an. Darüber hinaus finden Seminare an der TU Darmstadt und an der Leuphana Universität Lüneburg statt.  Seit mehr als zehn Jahren lehren Mitarbeitende des ISOE an unterschiedlichen Hochschulen, etwa im Studiengang Umweltwissenschaften (Master of Science) der Goethe-Universität Frankfurt am Main. In diesem Masterstudiengang bietet Prof. Dr. Flurina Scheider im Sommersemester gemeinsam mit den ISOE-Kolleg*innen Dr. Carolin Völker und Dr. Thomas Friedrich ein interdisziplinäres Seminar an, das sich mit Umweltproblemen am Beispiel synthetischer Chemikalien auseinandersetzt. Flurina Schneider, wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE, lehrt im Zuge ihrer Professur für Soziale Ökologie seit dem vergangenen Wintersemester an der GU.

Sozial-ökologisches Problemverständnis von Chemikalien in der Umwelt

Synthetische Chemikalien werden weltweit für viele unterschiedliche Zwecke eingesetzt und sind fester Bestandteil moderner Gesellschaften. Gleichzeitig verbreiten sich Chemikalien und Mobilität in der Umwelt und belasten Organismen und Ökosysteme. Das wirkt sich auf lebenswichtige Erdsystemprozesse aus. So gibt es Hinweise, dass die planetaren Belastungsgrenzen für die chemische Verschmutzung bereits überschritten sind. Das ISOE-Lehrangebot beschäftigt sich mit der globalen Verwendung und Auswirkung synthetischer Chemikalien und bietet den Studierenden die Möglichkeit, ein sozial-ökologisches Problemverständnis zu Ursachen und Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu entwickeln und Prinzipien der Risikobewertung und Regulatorik zu erarbeiten. 

Nachhaltige Entwicklung im Anthropozän

PD Dr. Diana Hummel ist mit dem Seminar „Nachhaltige Entwicklung im Anthropozän“ vertreten. Im „Zeitalter des Menschen“ wird deutlich: Gesellschaft und Natur sind so eng miteinander verwoben, dass sie nicht mehr unabhängig voneinander untersucht werden können. Was bedeutet nachhaltige Entwicklung im Anthropozän? Wird ein neues Grundverständnis der Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur erkennbar? Und was bedeutet die neue Zeitdiagnose für die Wissenschaft, ihre Rolle und Verantwortung als eine kritische Instanz? Diese Fragen erörtern die Studierenden aus sozialwissenschaftlichen, insbesondere politikwissenschaftlichen sowie interdisziplinären Blickwinkeln. 

Wasserversorgung in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main auf dem Lehrplan

Das Projektseminar „Wasserversorgung der Metropolregion Frankfurt am Main“, geleitet von Dr. Robert Lütkemeier und Linda Söller, richtet sich an Bachelorstudierende der Physischen Geografie. Studierende erarbeiten zunächst an Fallbeispielen aus der Region, wie wissenschaftliche physisch-geographische Erkenntnisse in der Praxis umgesetzt werden und für Planungsfragen genutzt werden. Im zweiten Teil geht es mithilfe einer konkreten Fragestellung darum, in Kleingruppen die unterschiedlichen Stadien eines Projekts praktisch nachzuvollziehen, von der Projektplanung über die Wahl und Anwendung geeigneter Methoden bis hin zur Abfassung eines Berichts bzw. eines Gutachtens.

Lehre an der TU Darmstadt und der Leuphana Universität Lüneburg

Für Studierende im Masterstudium Bauingenieurwesen und Umweltingenieurwesen der Technischen Universität Darmstadt hält Dr. Martin Zimmermann, Leiter des ISOE-Forschungsschwerpunkts Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen, eine Vorlesung und ein Seminar zum Thema nachhaltige Wasserversorgungswirtschaft. Prof. Dr.-Ing. Matthias Bergmann bietet im Rahmen seiner Honorarprofessur an der Leuphana Universität ein transdisziplinäres Forschungsprojekt im Masterprogramm Nachhaltigkeitswissenschaft an. Hierbei geht es um die nachhaltige Kommunalentwicklung in den Biosphärenreservaten der Metropolregion Hamburg. Die Studierenden entwickeln konkrete Maßnahmen, um kommunale sowie interkommunale Nachhaltigkeitsprozesse und -initiativen zu befördern. 

Die ISOE-Lehrveranstaltungen auf einen Blick: www.isoe.de/lehre/lehrveranstaltungen  

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PD Dr. Diana Hummel
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news-538 Tue, 05 Apr 2022 14:51:00 +0200 Energiewende - Wärmepumpen als Beitrag zu Energieunabhängigkeit und Klimaschutz: Wie die Umsetzung gelingt https://www.isoe.de/news/waermepumpen-als-beitrag-zu-energieunabhaengigkeit-und-klimaschutz-wie-die-umsetzung-gelingt/ Um die Klimaziele und mehr Energieunabhängigkeit zu erreichen, plant die Bundesregierung ein 100-Milliarden-Euro-Paket. Dabei rücken auch die CO2-Einsparziele im Gebäudebestand in den Fokus. Allein in der Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser liegt viel Potenzial: Energieeffiziente Wärmepumpen können die Abkehr von fossilen Brennstoffen unterstützen und zu Energieunabhängigkeit beitragen. Doch dafür muss der Bestand von derzeit einer Million Wärmepumpen auf vier bis sechs Millionen bis 2030 drastisch steigen. Energieexperten des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung haben untersucht, was die Umrüstung auf diese Technologie hemmt und wie Barrieren überwunden werden können. Beim ökologischen Umbau des Gebäudesektors, wie ihn die Bundesregierung plant, spielen Wärmepumpen eine zentrale Rolle. Langfristig können sie die herkömmlichen CO2-intensiven Öl- und Gasheizungen ersetzen. Dabei nutzen sie Umgebungswärme aus unterschiedlichen Quellen wie Boden, Grundwasser und Luft zum Heizen und können mit erneuerbar erzeugtem Strom betrieben werden. „Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, muss auch das Einsparpotenzial an Treibhausgasen im Gebäudebestand durch die Umrüstung auf Wärmepumpen so rasch wie möglich genutzt werden“, sagt ISOE-Energieexperte Immanuel Stieß. „Großer Nachholbedarf besteht insbesondere bei Mehrfamilienhäusern. Hier sind Wärmepumpen bislang noch kaum in Betrieb.“

Insbesondere als Teil von sogenannten Trigenerationssystemen, die Wärme-, Kälte- und Stromerzeugung kombinieren, können Wärmepumpen die Ökobilanz signifikant verbessern und zugleich Strom- und Heizkosten deutlich senken. In dem europäischen Forschungsverbund „TRI-HP – Trigenerationssysteme für die Nutzung verschiedener erneuerbarer Energiequellen“, an dem Immanuel Stieß und sein Team beteiligt waren, wurden solche Systeme untersucht. „Ein Großteil des für den Betrieb der Trigenerations-Wärmepumpen benötigten Stroms kann durch Photovoltaik vor Ort gewonnen werden“, sagt Stieß. „Die Nutzung von Sonnenenergie auf dem eigenen Dach macht den Betrieb dieser Wärmepumpen besonders energieeffizient, autark und kostengünstiger als fossil betriebene Heizungen.“

Technologie für die Wärmepumpen der nächsten Generation

Ein weiterer Vorteil dieser innovativen Wärmepumpensysteme ist, dass sie auch ohne synthetische Kältemittel auskommen, die ein sehr hohes Treibhauspotenzial haben. Stattdessen nutzen sie natürliche Kältemittel wie Propan oder CO2, wodurch sie im Betrieb besonders umwelt- und klimafreundlich sind. „In dieser Kombination stellen Trigenerationssysteme die Technologie für Wärmepumpen der nächsten Generation dar, eine Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen“, sagt Stieß.

Doch der ISOE-Forscher weiß auch: Technik alleine macht noch keinen Klimaschutz. Technische Innovationen müssten auch bekannt sein und von den Anwender*innen und Entscheidungsträger*innen akzeptiert werden. In einem mehrstufigen Dialogprozess mit Investor*innen, Architekt*innen, Eigentümer*innen von Immobilien sowie Installateur*innen in vier europäischen Ländern, darunter Deutschland, haben Stieß und Kollegen ermittelt, wo nicht-technische Hürden, Anreize und Widerstände beim Thema Wärmepumpen liegen und welche ökonomischen, organisatorischen und kommunikativen Anforderungen und Bedürfnisse zu berücksichtigen sind, damit diese Technologie erfolgreich eingesetzt werden kann.

Energieeffiziente Lösungen im Wärmesektor ökologisch und sozial notwendig

„Im Dialog mit den Praxisakteuren haben wir gesehen, dass im Gebäudebestand die größte Herausforderung für den Einbau von Wärmepumpensystemen liegt,“ sagt Immanuel Stieß. „Denn wie jede energetische Ertüchtigung in bestehenden Häusern und Wohnungen muss auch der Umstieg auf eine Wärmepumpe gut geplant werden. Das ist mit anfänglichen Investitionskosten verbunden, denen aber dann später Einsparungen im Betrieb gegenüberstehen.“ Doch mit Blick auf die Pläne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, wonach ab 2025 jede neu eingebaute Heizung auf der Basis von mindestens 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden muss, ergibt sich aus Sicht des Energieexperten zumindest im Neubau ein Gelegenheitsfenster, um die energieeffizienten Systeme zu etablieren.

Die möglichst schnelle Abkehr von fossilen Brennstoffen für die Wärmeerzeugung sei aber nicht allein mit Blick auf Klimaziele, sondern auch aus sozialer Sicht entscheidend. „Vor allem Haushalte, die zur Miete wohnen, müssen wegen der aktuell enorm steigenden Preise für fossile Energieträger einen immer größeren Anteil ihres Einkommens für Energiekosten aufwenden. Das trägt erheblich zur Belastung von geringen und mittleren Einkommensgruppen bei.“

Gesamtsystem verstehen: Schulungsoffensive für Fachverbände und Hersteller

Damit die Wärmewende vorankommt, müsse zunächst die ökologische Bedeutung von Wärmepumpen für die Einsparung von CO2 und Treibhausgasen ins öffentliche Bewusstsein rücken. Aber auch auf der Planungsebene bestehe Handlungsbedarf: Die befragten Stakeholder in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Norwegen bezeichneten den höheren Aufwand für eine erfolgreiche Planung und Installation innovativer Wärmepumpen sowie die damit verbundenen hohen Investitions- und Vorlaufkosten als großes Hemmnis. „Es fehlen Blaupausen für eine vereinfachte Planung, die es Heizungsinstallateur*innen, Fachplaner*innen und Architekt*innen erleichtern, die Größe und Leistung einer Anlage an die Anforderungen von Gebäuden und Nutzer*innen anzupassen. Zudem ist vielfach das Fachwissen im Umgang mit den komplexen Systemen bei einigen zentralen Akteuren noch nicht vorhanden“, sagt Stieß.

Insgesamt komme der Aus- und Fortbildung der beteiligten Handwerker*innen eine besondere Bedeutung zu. Eine Schulungsoffensive sei notwendig, damit die innovativen Wärmepumpensysteme in Wohngebäuden routiniert geplant, installiert, in Betrieb genommen und gewartet werden können. Der akute Fachkräftemangel erschwere Aus- und Fortbildungsmaßnahmen allerdings, er wird von befragten Stakeholdern als Hürde wahrgenommen.

Standardisierte Lösungen entwickeln für bessere Marktakzeptanz

Zur Verbesserung der Marktakzeptanz empfehlen die ISOE-Forscher, dass Wärmepumpen zum einen stärker standardisiert und leichter installierbar werden. Kompakte, platzsparende Systeme oder Module, die fertig konfektioniert und einfach mit Komponenten anderer Hersteller kombiniert werden, erhöhen die Praxistauglichkeit sowohl für neue als auch für bestehende Gebäude. Die Lösungen müssen nach Einschätzung der Anwender leicht zu installieren und zu bedienen sein. Deshalb würden kombinierte Pakete, etwa eine Wärmepumpe mit Photovoltaik, intelligenter Steuerung und thermischem Speicher, von Investor*innen wie Architekt*innen sehr geschätzt.

Eine vergleichsweise übersichtliche Antragstellung zur Förderung von Wärmepumpensystemen durch interessierte Abnehmer wird ebenfalls als wichtig erachtet. Zudem gebe es einen Bedarf an neuen Finanzierungs- und Geschäftsmodellen, zum Beispiel eines sogenannten Wärme-Contracting, um die Marktverbreitung innovativer Wärmepumpensysteme zu verbessern.

Zum Projekt: https://www.tri-hp.eu/

Zum ISOE-Report:
Friedrich, Thomas/Immanuel Stieß (2021): Enhancing stakeholders’ acceptance of trigeneration heating and cooling systems: Recommendations from the TRI-HP stakeholder process. Brussels: European Commission. https://doi.org/10.5281/zenodo.5500482 

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Pressemitteilung
news-537 Fri, 01 Apr 2022 16:46:50 +0200 Appell aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft - Energiesuffizienz muss zu einem Leitprinzip der Politik werden https://www.isoe.de/news/energiesuffizienz-muss-zu-einem-leitprinzip-der-politik-werden/ Mit einem Appell wenden sich rund 40 ausgewiesene Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Energie- und Nachhaltigkeitsforschung an Politik, Unternehmen sowie an Bürgerinnen und Bürger: „Energiesuffizienz muss zu einem Leitprinzip der Politik werden“. Hintergrund ist die aktuelle Diskussion um die Frage, wie energiepolitisch auf den Krieg in der Ukraine zu reagieren sei. Dabei sehen die Unterzeichner*innen des Appells das Prinzip der Energieeffizienz zu wenig im öffentlichen Bewusstsein. Energie-, Konsum- und Mobilitätsforschende des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung haben an dem am 1. April 2022 veröffentlichten Thesenpapier mitgearbeitet und unterstützen den Appell.  Nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine wird in Deutschland über Energiesicherheit diskutiert. Doch gegenwärtig überschlagen sich die Vorschläge für energiepolitische Lösungen geradezu. Dabei sehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Forschungsfeldern Energie, Konsum und Mobilität ein Schlüsselprinzip nicht ausreichend berücksichtigt. Mit einem Appell an Politik, Unternehmen und Bevölkerung wollen sie das „Schlüsselprinzip Energiesuffizienz“ ins öffentliche Bewusstsein rücken. 

Energiesuffizienz bedeutet, den Bedarf an Energie zu senken. Dabei lassen sich diese Nebeneffekte erzielen: Energiesuffizienz senkt Kosten, reduziert den Bedarf an Zukäufen, macht energiepolitisch unabhängiger und ist klimapolitisch hilfreich. Energiesuffizienz müsse deshalb zu einem zentralen Prinzip politischen Handelns werden. Das fordern auch die ISOE-Forscher*innen Jutta Deffner, Konrad Götz und Immanuel Stieß, die ebenso wie die wissenschaftliche Geschäftsführerin des ISOE, Flurina Schneider, an dem gemeinsamen Thesenpapier mitgearbeitet haben. Das ISOE unterstützt den Apell als wissenschaftliche Einrichtung.

Suffizienz bietet Handlungsspielraum für Energiesicherheit

Neben vielen anderen drängenden Fragen muss sich Politik in der Folge des Krieges derzeit fragen: Lässt sich ein Öl-, Gas- oder Kohleembargo gegen Russland realisieren, ohne die Gesellschaft zu destabilisieren? Wie kann auf einen möglichen Lieferstopp aus Russland reagiert werden und wie kann rapide steigenden Energiepreisen begegnet werden? Politisch werden überwiegend Möglichkeiten wie eine kurzfristige Abfederung sozialer Härten, Verträge mit zusätzlichen Lieferländern und eine größere Vielfalt der Energiequellen diskutiert: schnellerer Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch Atomkraft, Kohle oder Fracking-Gas. 

„Wir wissen, es gibt noch mehr Handlungsspielraum“, sagt ISOE-Energieexperte Immanuel Stieß, „nicht nur in privaten Haushalten, sondern auch in öffentlichen Gebäuden, Büros, Supermärkten und Schulen schlummern riesige, kurzfristig zu hebende Einsparpotenziale für Strom, Gas und Öl.“ Diese Einsparungen ließen sich durch Verhaltensänderungen erzielen, durch einfache technische oder ordnungsrechtliche Maßnahmen. „Wenn diese Energiesparmaßnahmen mit Investitionen in Technik und Infrastrukturen, die das Energiesparen unterstützen, Hand in Hand gehen, kann das langfristig die Abkehr von energieintensiven Lebensstilen einleiten“, sagt Stieß. 

Einsparpotenziale und positive Effekte von Energiesuffizienz

Im Thesenpapier zeigen die Unterzeichnenden nicht nur Einsparpotenziale in den Bereichen Verkehr, Wärme, öffentliche Gebäude, Gewerbe, Dienstleistungen und Handel sowie Industrie, Landwirtschaft und Digitalisierung auf, sie arbeiten auch die positiven Effekte von Energiesuffizienz heraus. Sie macht nach Ansicht der Expertinnen und Experten unabhängiger und widerstandsfähiger gegen Energie-Lieferausfälle und damit politisch handlungsfähiger. Zudem seien viele Energiesuffizienz-Maßnahmen kurzfristig umsetzbar und noch dazu günstig, da sie nur sehr geringe Investitionen und Infrastrukturen benötigen. Darüber hinaus ließen sich mit Energiesuffizienz neue Abhängigkeiten von klimaschädlichen Technologien ebenso verhindern wie Kompromisse mit Staaten, die Menschenrechte missachten. 

Der Aufruf zu energiesparendem Handeln richtet sich an Bürgerinnen und Bürger ebenso wie an Organisationen und Unternehmen und an die Politik, die Energieeffizienz als politische Strategie ernst nehmen und umsetzen solle. Die Forscherinnen und Forscher fordern die politisch Verantwortlichen dazu auf, umgehend damit zu beginnen, Deutschland und Europa durch Energiesuffizienz krisenfester zu machen. 

Zum Aufruf im Wortlaut:

https://isoe.blog/energiesparen-als-schluessel-zur-energiesicherheit-suffizienz-als-strategie/  

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news-533 Fri, 18 Mar 2022 14:54:38 +0100 netWORKS 4-Abschlusstagung - Stadtgrün und Wasser als Bausteine klimagerechter Quartiere https://www.isoe.de/news/stadtgruen-und-wasser-als-bausteine-klimagerechter-quartiere/ Städte sind schon jetzt von den Folgen des Klimawandels betroffen: Hitze, Trockenheit, Starkregen und Überflutung machen Städten und ihrer Bevölkerung zu schaffen. Schäden, die durch zu viel oder zu wenig Wasser entstehen, werden in Zukunft eine noch größere Belastung darstellen. Wie der richtige Umgang mit Grün und Wasser in der Stadt aussieht, unterscheidet sich dabei von Stadt zu Stadt und von Quartier zu Quartier. Im Forschungsprojekt netWORKS 4 wurden unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung Lösungen einer vernetzten Stadt- und Infrastrukturplanung entwickelt, die bei der Online-Abschlusstagung des Projekts am 24. März 2022 vorgestellt werden. Die planerische Suche nach klimaangepassten Gestaltungsoptionen bedeutet, nicht nur technische Lösungen im Wasserbereich zu berücksichtigen, sondern auch das Potenzial sogenannter grüner und blauer Infrastrukturen zu nutzen. Doch wie können Stadtgrün und Wasserinfrastrukturen planerisch vernetzt werden? Welche Rolle spielen grüne Freiräume, Dachflächen oder multifunktionale Flächen als Teil der städtischen klimaangepassten Infrastruktur? Um die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Maßnahmen optimal in die Praxis zu übertragen, sind sowohl eine systematische Übersicht der Optionen als auch ein vernetztes Vorgehen nötig. 

Im Forschungsprojekt netWORKS 4 wurde untersucht, wie geeignete Lösungen für klimagerechte Quartiere aussehen und Planungsprozesse gelingen können. Im Zuge der netWORKS 4-Abschlusstagung werden strategische Ansätze und Gestaltungsoptionen von Wasser- und Grüninfrastrukturen als Bausteine klimaangepasster Stadt- und Quartiersentwicklung vorgestellt. Dabei werden aktuelle Forschungsergebnisse aus netWORKS 4 zur Diskussion diskutiert und die Elemente des Wissenstransfers in die Kommunen präsentiert. 

Abschlusstagung im Forschungsprojekt netWORKS 4:
„Stadtgrün und Wasser als Bausteine klimagerechter Quartiere“

Datum: 24. März 2022, 9.00–16.15 Uhr

Ort: Die Veranstaltung findet virtuell auf Webex statt.

Leitung: Jan Hendrik Trapp (Difu) und Martina Winker (ISOE) 

Anmeldung: Für die Planung bitten wir um Anmeldung unter: 
https://difu.de/veranstaltungen/2022-03-24/stadtgruen-und-wasser-als-bausteine-klimagerechter-quartiere 

Bei Fragen wenden Sie sich an:  
Die Veranstaltung ist öffentlich. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Veranstalter: Forschungsverbund netWORKS, vertreten durch das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung und das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu)

Über das Forschungsvorhaben netWORKS 4

netWORKS 4 „Resilient networks: Beiträge von städtischen Versorgungssystemen zur Klimagerechtigkeit“ wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der Fördermaßnahme „Transformation urbaner Räume“ des Förderschwerpunkts Sozial-ökologische Forschung gefördert. Forschungs- und Projektpartner waren das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung (Leitung), das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), das KWB Kompetenzzentrum Wasser Berlin, die Berliner Wasserbetriebe (BWB), die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen in Berlin sowie die Stadt Norderstedt und Ramboll Studio Dreiseitl.
www.networks-group.de 

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news-531 Fri, 11 Mar 2022 10:11:29 +0100 Digitalisierung in der Wasserwirtschaft - Lücken in der Cybersicherheit https://www.isoe.de/news/luecken-in-der-cybersicherheit-1/ Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen in Deutschland galten lange als möglich, aber unwahrscheinlich. Doch im Zuge der Kriegsereignisse in der Ukraine werden aktuell Warnungen laut, die mögliche Angriffe nahelegen. Auch der Wassersektor bietet aufgrund seiner zunehmenden Digitalisierung Angriffsflächen: Der Begriff „Wasser 4.0“ steht für neue digitale Möglichkeiten für eine flexible, ressourceneffiziente und wettbewerbsfähige Wasserwirtschaft – intelligente Mess- und Regelsysteme etwa, die inzwischen die Bedienung per Hand ersetzen können. Prozesse und Bestandteile der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung, wie Aufbereitungsanlagen, Ventile, Schieber oder Pumpen, lassen sich „smart“ steuern. Doch mit der Digitalisierung steigt auch die Anfälligkeit für Cyberangriffe. Wasserexperten des ISOE weisen in einem aktuellen Fachartikel darauf hin, dass sich vor allem bei kleinen Unternehmen Sicherheitslücken auftun. Das IT-Sicherheitsgesetz weist sie als „Kritische Infrastrukturen“ aus: die Leitungen, Rohre und Kanäle der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung und alle dazugehörigen technischen Vorrichtungen, die zur Bereitstellung von Trinkwasser oder Betriebswasser und zur Ableitung und Behandlung von Abwasser benötigt werden. Sie gelten als besonders schützenswert, weil sie einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten, also der Grundversorgung der Bevölkerung dienen. Im Zuge der Digitalisierung werden diese als kritisch eingestuften Infrastrukturen noch „verletzlicher“, denn sie sind, wie alle smarten Anwendungen, möglichen Cyberangriffen ausgesetzt.

Die ISOE-Forscher Martin Zimmermann und Engelbert Schramm zeigen in einem aktuellen Beitrag im Fachmagazin der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft DWA, dass die Anfälligkeit der digitalen Systeme sowohl für gezielte Sabotage und Cyberangriffe als auch für menschliches und technisches Versagen in der Fachdebatte zu Wasser 4.0 immer noch nicht hinreichend berücksichtigt wird. Besonders problematisch sei die Situation für die vielen kleinen Unternehmen der Siedlungswasserwirtschaft. Sie stelle die Digitalisierung vor große Probleme, denn sie könnten die hohen Anforderungen an IT-Sicherheits- und Datenschutzmaßnahmen schlichtweg nicht erfüllen. Der Trend hin zu smarten, vernetzten und automatisierten Wasserversorgungs- und -entsorgungssystemen mit stärkerer Kundenorientierung setze sich bei ihnen deshalb auch nur zögerlich durch. 

Cyberkriminalität im Wassersektor – Bedrohungsszenarien für Mensch und Natur 

„Die verantwortlichen Behörden haben sich beim Thema IT-Sicherheit von Unternehmen im Wassersektor lange auf die großen Anlagen konzentriert. Da aber gerade in Deutschland die Siedlungswasserwirtschaft sehr stark kommunal organisiert ist, müssen Regularien zum Schutz der Kritischen Infrastrukturen künftig unbedingt auch den Bedarf der kleineren und mittleren Unternehmen berücksichtigen“, sagt ISOE-Wasserexperte Martin Zimmermann. Denn die Bandbreite für mögliche Sicherheitsausfälle bis hin zu gezielter Cyberkriminalität sei groß. Zu den sogenannten vulnerablen, also verletzlichen Bestandteilen gehören alle Bereiche der Siedlungswasserwirtschaft, von der Wassergewinnung und -aufbereitung über die Wasserverteilung bis hin zur Abwasserbeseitigung. „In all diesen Bereichen der Siedlungswasserwirtschaft sind Manipulationsversuche grundsätzlich möglich“, sagt Martin Zimmermann. Naheliegend seien Manipulationen an der Rohwassergewinnung aus Grundwasser, Seen oder Talsperren oder auch Angriffe auf Prozesse der Wasseraufbereitung im Wasserwerk. Auch kann der Ausfall von Pumpen zu Versorgungsproblemen bei der Wasserverteilung führen.

Es seien aber auch Szenarien vorstellbar, bei denen sich gezielte Cyberangriffe auf spezifische Branchen oder begrenzte Gebiete richteten. Denkbar seien hier etwa Finanzdistrikte wie das Frankfurter Bankenviertel oder auch Internetknoten und Rechenzentren, deren Kühlungsanlagen auf Wasser angewiesen sind. Als kritisch müsse man auch die Versorgung von Wohn- und Bürotürmen durch private Dienstleister ansehen. Durch die Vergabe von Betriebs- und Wartungsarbeiten an externe Facility-Management-Anbieter sei ein weiteres Einfallstor hinsichtlich der Cybersicherheit gegeben. „Insgesamt betrachtet sind die Bedrohungslagen für Gesellschaft und Natur vielfältig“, sagt Martin Zimmermann. „Für beide können sich je nach Szenario – vorübergehende Funktionsstörung einzelner Komponenten bis hin zum Totalausfall der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung – sehr unterschiedliche Reichweiten und Gefährdungslagen ergeben.“

Kooperationen von kleinen Unternehmen können die IT-Sicherheit erhöhen

Weil die Cybersicherheit „die Achillesverse der Digitalisierung in der Siedlungswasserwirtschaft“ sei, empfehlen die ISOE-Autoren in ihrem Fachartikel, der jüngst in der Ausgabe KA Korrespondenz Abwasser, Abfall 69 (2) erschienen ist, den kleineren Unternehmen, möglichst untereinander zu kooperieren. „Wenn nicht jedes Unternehmen der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung ausreichend eigene Kompetenzen zur IT-Sicherheit aufbauen kann, könnten Kooperationen zwischen mehreren kleinen Unternehmen ein gutes Mittel sein, um Synergieeffekte zu erzielen. So könnten sie sich gegenseitig in Fragen der Cybersicherheit unterstützen“, sagt Martin Zimmermann.
Ein weiterer Vorschlag lautet: Ein solcher Kooperationsverbund könnte zum Beispiel aus einem vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geförderten zentralen Kompetenzzentrum und mehreren regionalen Arbeitsgemeinschaften bestehen, in denen sich gebietsweise Abwasserunternehmen zusammenschließen, um bedarfsgerechte Schutzkonzepte zu erarbeiten und umzusetzen.

Schramm, Engelbert/Martin Zimmermann (2022): Cybersicherheit in der Siedlungswasserwirtschaft, insbesondere bei kleinen Unternehmen. KA Korrespondenz Abwasser, Abfall 69 (2), 122-126

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news-529 Thu, 10 Mar 2022 22:56:00 +0100 UN-Weltwassertag - Grundwasser – unsichtbare Ressource und (un-)sichtbare Probleme https://www.isoe.de/news/grundwasser-unsichtbare-ressource-und-un-sichtbare-probleme/ Die Vereinten Nationen rufen zum Weltwassertag am 22. März 2022 das Motto „Groundwater: Making the Invisible Visible” aus. Denn der weltweiten Grundwasserproblematik wird bislang wenig Beachtung geschenkt. Die kostbare Ressource ist vielerorts verschmutzt, und häufig wird den unterirdischen Grundwasserleitern mehr Wasser entnommen, als sich nachbilden kann. Die Forschungsgruppe „regulate“ unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung untersucht, wie die „unsichtbare“ Ressource besser geschützt werden kann. Die Verfügbarkeit von Grundwasser ist für die Weltbevölkerung elementar. Es ist die wichtigste Quelle für die Trinkwasserversorgung und die Nahrungsmittelproduktion. Doch in vielen Teilen der Welt werden die unterirdischen Vorräte so stark übernutzt, dass der Grundwasserspiegel drastisch sinkt – vor allem in Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Bewässerung, auch in Deutschland. „Aufgrund der Hitze und Trockenheit der letzten Jahre konnten sich Grundwasserkörper nicht gut erholen. Dass sich nicht ausreichend neues Grundwasser nachbilden kann, ist ein Problem, das der Klimawandel noch weiter verschärfen wird“, sagt Fanny Frick-Trzebitzky, die am ISOE die Forschungsgruppe regulate leitet. „Wir können nur mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Grundwasserressourcen gegensteuern.“ 

Paradigmenwechsel in der Grundwasserforschung und -bewirtschaftung notwendig

Nachhaltig könne für die Grundwasserbewirtschaftung aber nicht nur heißen, lokal weniger Wasser zu entnehmen. Das Problem sei vielschichtiger, weiß Wasserforscherin Frick-Trzebitzky. „Wenn trotz internationaler Wasserrahmenrichtlinie, die für die Europäische Union eine gute Qualität und Quantität der Grundwasserkörper gewährleisten soll, viele dieser Körper mengenmäßig und chemisch in schlechtem Zustand sind, muss uns das alarmieren.“ Die Forschungsgruppe regulate rät zu einem Paradigmenwechsel schon in der Grundwasserforschung, damit neue, nachhaltige Bewirtschaftungsstrategien entwickelt werden können. „Bisher ist der Fokus stark auf lokale Grundwasservorkommen beschränkt, Lösungen setzen in der Regel vor Ort an und scheitern leider häufig“, sagt Frick-Trzebitzky. „Wir müssen uns in der Forschung viel stärker auf die Prozesse konzentrieren, die hinter den jeweils vor Ort sichtbaren Vorgängen liegen. Das heißt, wir müssen den Blick auf die überregionalen Wirkungen auf das Grundwasser, die sogenannten Telekopplungen lenken.“ 

Telekopplungen: Grundwasserprobleme entstehen nicht nur regional

Geht man tiefer in die Ursachenforschung für die lokale oder regionale Grundwasserproblematik, stellt man fest, dass der Druck auf die Grundwasserleiter nämlich nicht allein durch die Entnahme vor Ort in den sogenannten Hotspot-Regionen Europas entsteht. „Zur Übernutzung und Verschmutzung des Grundwassers tragen überregionale Fernwirkungen entscheidend bei, dafür ist etwa der Gemüseanbau in südeuropäischen Regionen ein gutes Beispiel“, sagt Robert Lütkemeier, der die Forschungsgruppe gemeinsam mit Frick-Trzebitzky leitet. Zwar werde das Wasser vor Ort entnommen und durch Pestizid- und Nährstoffeinträge für den Anbau ebenfalls lokal belastet. Konsumiert werde das Gemüse aber überwiegend in weit entfernten Regionen. „Wenn man das Grundwasserproblem in Südspanien verstehen und lösen will, muss man es vom anderen Ende her mitdenken. Dieses andere Ende ist der Export, auch in deutsche Supermärkte. Das Grundwasserproblem mag deshalb lokal auftreten, wird aber überregional verursacht“, so der ISOE-Forscher. 

Perspektive auf Einzugsgebiete zu eng 

Die Forschungsgruppe hat in einer Publikation im Fachmagazin „Water“ gezeigt, wo der Paradigmenwechsel wissenschaftlich und wirtschaftlich konkret ansetzen könnte: Bisher fallen Grundwasserkörper per Definition in Flusseinzugsgebiete, die im Sinne des Integrierten Wasserressourcen-Managements (IWRM) als regionale Bewirtschaftungseinheiten verstanden werden. „Die herkömmliche Perspektive auf Einzugsgebiete wird den komplexen Zusammenhängen, die auf die Grundwasservorkommen wirken, nicht gerecht“, sagt Robert Lütkemeier und nennt Beispiele dafür. „Zum einen überschreiten Fernwasserleitungen die hydrologischen Grenzen einer Bewirtschaftungseinheit. Zum anderen gibt es äußere Einflüsse auf diese regionalen Vorkommen.“ Dazu zählten etwa saisonale Verbrauchsspitzen, die durch Touristenströme verursacht werden, oder das sogenannte virtuelle Wasser, das für den regionalen Anbau von Export-Gemüse fließt.

Nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung: Das Verborgene sichtbar machen

Die tatsächlichen, auch aus der Ferne wirkenden und zeitlich oft verzögerten Auswirkungen auf das Grundwasser seien für eine nachhaltige Bewirtschaftung zentral und nur zu verstehen, wenn Forschung, Wirtschaft und Politik den Blick auch auf die vermeintlich „unsichtbaren“ Zusammenhänge werfen. „Häufig wird Grundwasser erst ‚sichtbar‘, wenn sich eine Krise anbahnt, etwa durch eine steigende Anzahl von Anträgen für Brunnenbohrungen, erste Anzeichen für Trockenschäden in Wäldern oder trockenfallende Förderbrunnen der Wasserversorger“, mahnt Wasserforscher Lütkemeier. Wichtig sei es deshalb, die kontinuierliche Beobachtung von Grundwasserkörpern auszubauen. Konkret sollten in der EU-Grundwasserrichtlinie künftig auch Kriterien zur Bewertung des ökologischen Zustands von Grundwasserkörpern mit aufgenommen werden. In regulate forschen Fanny Frick-Trzebitzky und Robert Lütkemeier mit ihrem Team unter anderem dazu, wie entsprechende Kriterien dafür aussehen könnten.

Zur Publikation im Fachjournal Water:

Lütkemeier, Robert/Fanny Frick-Trzebitzky/Dženeta Hodžic/Anna Jäger/David Kuhn/Linda Söller (2021): Telecoupled Groundwaters: New Ways to Investigate Increasingly De-Localized Resources. Water 13 (20), 2906

Über die Forschungsgruppe regulate

Die Nachwuchsgruppe „regulate – Regulation von Grundwasser in telegekoppelten sozial-ökologischen Systemen“ unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung Frankfurt in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Koblenz-Landau wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm „Forschung für nachhaltige Entwicklungen (FONA)“ gefördert. regulate ist darin Teil der Fördermaßnahme „SÖF – Sozial-ökologische Forschung“ im Förderbereich „Nachwuchsgruppen in der Sozial-ökologischen Forschung“. 

Mehr Informationen über das Projekt regulate finden Sie unter www.regulate-project.eu  

Das Forschungsprojekt regulate auf Twitter: @regulateproject 

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Fanny Frick-Trzebitzky
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news-526 Thu, 24 Feb 2022 08:00:00 +0100 Studie zu Risikowahrnehmung - Risiken durch Mikroplastik – gesellschaftliche Wahrnehmung deckt sich nicht mit wissenschaftlichen Studien https://www.isoe.de/news/risiken-durch-mikroplastik-gesellschaftliche-wahrnehmung-deckt-sich-nicht-mit-wissenschaftlichen-s/ Mikroplastik und die möglichen Risiken, die von den Kunststoffpartikeln für Mensch und Umwelt ausgehen können, sind ein vieldiskutiertes Thema. Doch während die Forschung noch viele offene Fragen sieht und die Risikobewertung nicht abgeschlossen hat, werden in der Bevölkerung Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch Mikroplastik vergleichsweise hoch eingeschätzt. Wissenschaftler*innen unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung haben untersucht, welche Faktoren die individuelle Risikowahrnehmung beeinflussen. Die Ergebnisse ihrer repräsentativen Umfrage in Deutschland sind nun in der Fachzeitschrift Global Environmental Change erschienen.  Die repräsentative Umfrage von Wissenschaftler*innen um die beiden ISOE-Forscherinnen Johanna Kramm und Carolin Völker ergab, dass eine deutliche Mehrheit in der deutschen Bevölkerung schon einmal von Mikroplastik gehört hat und über die mit den Plastikpartikeln verbundenen Risiken sehr besorgt ist. Die Besorgnis über Umweltrisiken überwog dabei leicht die Gesundheitsrisiken. Dennoch meinten 93 Prozent der Befragten, dass Mikroplastik eher negative oder sehr negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit habe. „Die Studie liefert erstmals tiefere sozialwissenschaftliche Ergebnisse zu den Faktoren, die die gesellschaftliche Risikowahrnehmung von Mikroplastik in Deutschland beeinflussen“, sagt die Humangeographin Johanna Kramm, die gemeinsam mit Carolin Völker am ISOE die Forschungsgruppe PlastX geleitet hat. 

Die Befragung von 1027 Personen zeigte, dass soziodemographische Unterschiede wie Geschlecht und Alter Auswirkungen auf die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung haben: Frauen und ältere Menschen über 50 Jahre zeigen eine höhere Risikowahrnehmung im Vergleich zu Männern und jüngeren Personen. Zwei weitere Faktoren waren ausschlaggebend für eine erhöhte Risikowahrnehmung: So äußerten vor allem Befragte mit einem hohen Umweltbewusstsein Besorgnis über die Auswirkungen von Mikroplastik und solche, die eine ausgeprägte Kenntnis von negativen Medienberichten haben. „Befragte, die Kenntnis von Medienberichten hatten, in denen die Mikroplastikkonzentration in der Umwelt als besorgniserregend dargestellt wurde, hatten mit größerer Wahrscheinlichkeit eine höhere Risikowahrnehmung als Befragte, die diese Berichte nicht kannten“, sagt Kramm.

Bevölkerung besorgt über wachsende Konzentration von Mikroplastik in der Umwelt

Die Studie, an der neben dem ISOE auch die Utrecht University beteiligt war, ergab, dass die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung insgesamt höher ist, als sie derzeit durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden könne. „Wissenschaftliche Studien zur Konzentration von Mikroplastik in der Umwelt haben eine weite Verbreitung der Plastikpartikel in allen Bereichen der natürlichen Umwelt festgestellt“, sagt die Ökotoxikologin Carolin Völker. Mikroplastik sei nicht nur in marinen, aquatischen und terrestrischen Ökosystemen nachgewiesen worden, sondern auch im in der Luft befindlichen Staub. „Bisherige wissenschaftliche Umweltrisikobewertungen haben gezeigt, dass von den Partikeln – zumindest noch – keine Gefahr für Wasserorganismen ausgeht, da die Umweltkonzentrationen zu niedrig sind“, sagt Völker. „Die langfristigen Folgen dieser Belastung sind jedoch noch unklar.“

Innerhalb der Wissenschaft wird deshalb diskutiert, inwiefern politische Maßnahmen, etwa das Verbot der Verwendung sogenannter Mikroperlen in Pflege- und Reinigungsmittel in den USA und in Großbritannien, möglicherweise weniger auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzuführen sind als auf ein hohes Maß an Besorgnis, das wesentlich durch eine dramatisierende Medienberichterstattung hervorgerufen wird. Eine vergleichende Analyse, die die beiden Forscherinnen Völker und Kramm zwischen populären Online-Zeitungen und wissenschaftlichen Arbeiten im Jahr 2019 durchführten, hatte ergeben, dass die meisten Medienberichte über Mikroplastik die schädlichen Auswirkungen betonen und das Material als hochgiftig darstellten. 

Alltagsprodukte aus Plastik: Mix aus schädlichen und unbekannten Substanzen

„Die Verbote und politischen Maßnahme zu Mikroplastik sollten sich nicht nur auf ein Verbot von Mikroplastik in bestimmten Produkten beschränken, sondern auch weitere Quellen in den Blick nehmen“, betont Kramm. Denn der größte Anteil des Mikroplastiks entsteht aus dem Zerfall von größerem Plastikmüll, der in die Umwelt eingetragen wird. Darüber hinaus haben Laborstudien der PlastX-Forschungsgruppe aus dem Jahr 2019 gezeigt, dass Alltagsprodukte aus Kunststoffen einen Mix aus schädlichen und unbekannten Substanzen enthalten, die aus den Produkten auslaugen und von Verbraucher*innen aufgenommen werden können.

„Der zunehmende Eintrag von Plastikpartikel in die Umwelt, aber auch der Chemikalien-Mix in den Plastikprodukten, sind wirklich ausreichend gute Gründe zu handeln“, sagt Völker. So sieht es auch die Europäische Chemikalienagentur, die Mikroplastik als unkalkulierbares Risiko einschätzt, dessen Folgen möglicherweise noch nicht aktuell sichtbar, aber aufgrund der Anreicherung des Materials in der Umwelt in einigen Jahrzehnten zu irreversiblen Schäden führen könnte.

Zur Studie:

Kramm, Johanna/Stefanie Steinhoff/Simon Werschmöller/BeateVölker/CarolinVölker (2022): Explaining risk perception of microplastics: Results from a representative survey in Germany. Global Environmental Change 73, 102485

Weitere Publikationen: 

Völker, Carolin/Johanna Kramm/Martin Wagner (2019): On the Creation of Risk: Framing of Microplastics in Science and Media. Global Challenges (1900010)

Zimmermann, Lisa/Georg Dierkes/Thomas A. Ternes/Carolin Völker/Martin Wagner (2019): Benchmarking the in Vitro Toxicity and Chemical Composition of Plastic Consumer Products. Environmental Science and Technology 53 (19), 11467-11477

Über die Autorinnen / über die Forschungsgruppe PlastX

Die Studie ist im Rahmen der Forschungsarbeit der Nachwuchsgruppe „PlastX – Kunststoffe als systemisches Risiko für sozial-ökologische Versorgungssysteme“ entstanden, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm „Forschung für nachhaltige Entwicklungen (FONA)“ gefördert wurde und von 2016 bis 2021 Teil der Fördermaßnahme „SÖF – Sozial-ökologische Forschung“ war, im Förderbereich „Nachwuchsgruppen in der Sozial-ökologischen Forschung“. Unter der Leitung von Dr. Johanna Kramm und Dr. Carolin Völker haben in dieser Gruppe sechs Wissenschaftler*innen die Problematik von Kunststoffen aus sozial-ökologischer Perspektive untersucht. Forschungspartner waren dabei das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung (Leitung), das Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPI), Abteilung Physikalische Chemie der Polymere und die Goethe-Universität Frankfurt, Abteilung Aquatische Ökotoxikologie. 

Download:

Pressefoto Mikroplastik (jpg, 1,8 MB)

Bei Verwendung des Pressefotos bitte die Quelle kennzeichnen: © Carolin Völker/ISOE
Bildbeschreibung: Mikroplastik und größere Fragmente, aufgenommen am Strand von Famara in Lanzarote, Spanien 

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Carolin Völker
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news-519 Tue, 22 Feb 2022 15:36:00 +0100 Darmstädter Tage der Transformation - Making the Invisible Touchable – Neue Wege in der Wissenschaftskommunikation https://www.isoe.de/news/making-the-invisible-touchable-neue-wege-in-der-wissenschaftskommunikation/ Die Weltgemeinschaft sieht sich nicht erst seit Beginn der Covid-19-Pandemie mit großen Herausforderungen konfrontiert. Allein der Klimawandel, der Artenverlust oder die Verschmutzung der Meere erfordern weltweit ebenso rasche wie umfassende sozial-ökologische Transformationen. Doch dafür muss ein möglichst großer Teil der Gesellschaft zum Mitmachen gewonnen werden. Könnte Wissenschaftskommunikation neue Wege gehen, um noch mehr Menschen für nachhaltige Lebens- und Konsumformen zu erreichen? Eignen sich künstlerische Konzepte dafür? Im ISOE-Workshop „Making the Invisible Touchable“ im Rahmen der diesjährigen Darmstädter Tage der Transformation (DTdT22) geht es am 18. März 2022 darum, geeignete Kooperationsformen zwischen Wissenschaftskommunikation und Kunst zu skizzieren. Das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung ist auch 2022 wieder Kooperationspartner der Darmstädter Tage der Transformation (DTdT22). Gemeinsam mit der Schader-Stiftung realisiert die Wissenskommunikation des ISOE in diesem Jahr die Veranstaltung „Making the Invisible Touchable – Neue Wege in der Wissenschaftskommunikation“. Hintergrund ist der laut vernehmliche Ruf nach notwendigen Transformationen, die die Beschaffenheit unserer Gesellschaft, Institutionen und Prozesse ganz grundlegend berühren. Um als Gesellschaft gemeinsam diese nachhaltige Entwicklung anzugehen, spielt die Weise, auf welche Wissen an Menschen kommuniziert wird, eine wichtige Rolle. Denn erst, wenn wir alle wissen, wie genau eine sozial-ökologische Transformation auch für uns persönlich aussehen kann, wächst auch unsere Bereitschaft, Teil dieses Veränderungsprozesses zu sein. 

Aktuell dominieren jedoch noch abstrakte Ziele und Konzepte, die oft von unserem Lebensalltag sehr entfernt scheinen. Kunst und Kultur können hier neue Wege für die Wissenschafts-kommunikation eröffnen. Eine Reflektion der realen Welt, aber auch der Zukunft, auf künstlerischem Wege bietet einen anderen Zugang zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung. Diese Öffnungen abseits traditioneller Wege der Wissenschaftskommunikation können so auch komplexe Fragestellungen und Themen an Menschen vermitteln und verschiedene Zukunftsvorstellungen erfahrbar machen. 

Welche Rolle kann Kunst in der Wissenschaftskommunikation übernehmen? 

Wie kann eine solche Wissenschaftskommunikation aussehen, die nicht nur Elemente aus Kunst und Kultur für ihre Zwecke nutzt, sondern sich ganz gezielt einer ästhetisch-visuellen Kommunikation widmet? Welche transdisziplinären Möglichkeiten eröffnen sich zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung, wenn Künstler*innen in den Prozess der Wissenschafts-kommunikation miteinbezogen werden? Welche Rolle kann Kunst hier übernehmen? Wie kann sie die vorherrschenden Narrative in der Gesellschaft in Frage stellen oder sogar verändern? Gibt es aber auch ethische und ästhetische Grenzen für den Einsatz von Kunst in der Vermittlung von Wissenschaft? 

All diese Fragen sollen in dem vierstündigen Workshop „Making the Invisible Touchable“, wenn nicht komplett geklärt, aber auf jeden Fall beleuchtet und diskutiert werden. „Der Workshop selbst ist gewissermaßen schon ein neuer Weg in die Wissenschaftskommunikation,“ sagt Nicola Schuldt-Baumgart, Leiterin der Wissenskommunikation am ISOE. „Wir gehen mit der Veranstaltung schon direkt in die Kooperation mit der bildenden Künstlerin Merja Herzog-Hellstén, um schon in der Konzeption des Workshops Perspektiven aus der Wissenschaftskommunikation und der Kunst zu betrachten und zu erproben.“ So werden Beiträge aus der Wissenschaft und der Kunst in drei inhaltlichen Blöcken erarbeitet und besprochen. Zusammen mit den Teilnehmenden des Workshops werden exemplarische Wege und Ansätze zur Einbindung von Kunst in der Wissenschaftskommunikation erarbeitet. 

„Making the Invisible Touchable – Neue Wege in der Wissenschaftskommunikation“
Online-Workshop im Rahmen der Darmstädter Tage der Transformation 2022

Datum und Uhrzeit: 18. März 2022, 13:00 – 17:00 Uhr

Anmeldung unter: www.schader-stiftung.de/veranstaltungen

Ansprechpartnerin:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart 
Tel. +49 69 707 6919-30
schuldt-baumgart(at)isoe.de 
www.isoe.de  

Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
neugart(at)isoe.de 
www.isoe.de  

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Nachricht
news-518 Tue, 15 Feb 2022 17:56:00 +0100 Biodiversitätsforschung - Beispiel Mainmetropole: Wie Städte zum Erhalt der Insektenvielfalt beitragen können https://www.isoe.de/news/beispiel-mainmetropole-wie-staedte-zum-erhalt-der-insektenvielfalt-beitragen-koennen/ Während das Insektensterben in Wald, Feldern und Naturschutzgebieten voranschreitet, stellen Städte zunehmend geeignete Habitate für Insekten dar. Für den Erhalt ihrer Vielfalt ist deshalb auch die Stadtgesellschaft gefragt, denn ihr Verhalten hat Einfluss auf die Biodiversität von Libellen, Hummeln und Artverwandten. Am Beispiel der Mainmetropole untersuchen Frankfurter Forschungs- und Praxispartner unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung erstmals den Zusammenhang zwischen städtischen Lebensstilen, Alltagspraktiken und Insektendiversität. Das Forschungsprojekt SLInBio wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Urbanisierung ist – neben vielen anderen Treibern – mitverantwortlich für den weltweiten Verlust der Artenvielfalt. Und doch liegt in den Städten auch ein großes Potenzial, um Biodiversität zu erhalten. Insekten können hier eine Vielfalt an geeigneten Habiten und Futterangeboten in Gärten, Parks, auf Grünstreifen und Balkonen finden. Mit Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse, die Bürger*innen mit städtischem Grün verbinden, stellt sich die Frage, wie eine sogenannte Inwertsetzung von Biodiversität gelingen kann. Das heißt: Wie kann eine bessere Wahrnehmung für den Wert der Natur gefördert werden, die zu einem bewussten, umwelt- bzw. insektenfreundlichen Handeln im Alltag führt? 

Um diese Frage zu beantworten, haben sich Frankfurter Institutionen mit ausgewiesener Biodiversitäts-Expertise in einem Forschungsverbund zusammengefunden. Unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung untersuchen das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, die Goethe-Universität Frankfurt und der NABU Frankfurt in Kooperation mit dem Palmengarten der Stadt Frankfurt sowie mit BioFrankfurt, dem Grünflächenamt und dem Umweltamt der Stadt Frankfurt neue Konzepte, um gemeinsam mit der Stadtbevölkerung einen Beitrag zum Erhalt der Insektenvielfalt zu leisten. 

Gesellschaftliche Dimension von Biodiversität verstehen

Bis 2024 wird sich der Forschungsverbund im Projekt „SLInBio: Städtische Lebensstile und die Inwertsetzung von Biodiversität: Libellen, Heuschrecken, Hummeln & Co“ unterschiedlichen Bereichen des städtischen Lebens widmen. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie zum Beispiel die Nutzung von Parks und Grünflächen mit Insektendiversität in der Stadt zusammenhängt. Welche Rolle spielt etwa die Erholung im Grünen? Hat die Art der Freizeitgestaltung der Bürger*innen, ihre Ernährung, ihre Wahl der Verkehrsmittel oder ihre Wohnform einen Einfluss auf das Vorkommen von Insekten in der Stadt? Inwieweit beeinflusst ihr Lebensstil ihr Handeln mit Blick auf einen wirksamen Insektenschutz? 

„Eine Besonderheit in unserem Vorhaben liegt sicherlich darin, dass wir erstmals Biodiversität von der Gesellschaft her denken und untersuchen,“ sagt SLInBio-Projektleiterin Marion Mehring, die am ISOE den Forschungsschwerpunkt Biodiversität und Bevölkerung leitet. „Dazu führen wir sozial-empirische Methoden mit Insektenmonitoring und ökotoxikologischen Untersuchungen zusammen und erproben zudem partizipative Formate, die für die Stadtbevölkerung neue Erfahrungsräume rund um das Thema Biodiversität und Insektenschutz eröffnen,“ sagt die Geoökologin. 

Vom Wissen zum Handeln: Neue Formate für Umweltbildung

Warum sind Erfahrungen und Einstellungen der Stadtbevölkerung in dem Forschungsprojekt so wichtig? „Wir wissen, nicht alle Menschen mögen Insekten, und nicht alle Insektenarten sind gleichermaßen beliebt,“ sagt Mehring, „Aber Städte können nur dann Lebensraum für verschiedene Insektenarten sein, wenn Bürger*innen deren Bedeutung für die städtischen Ökosysteme erkennen und wertschätzen.“ Mehring betont, dass dafür nicht allein mehr Information über Biodiversität notwendig sei, sondern persönliche Erfahrungen, die aktivierend wirken und Einstellungen verändern können. Menschen müssten konkrete Gelegenheiten bekommen, damit Interesse und Motivation für den Insektenschutz entstehen kann. „Vorhandenes Wissen alleine erzeugt meist noch kein Engagement,“ sagt Mehring. 

Deshalb werden im Zuge des Forschungsprojektes neue Umweltbildungsformate und künstlerische Interventionen durch das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, den NABU, das ISOE und den Frankfurter Palmengarten angeboten. Das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt untersucht im Projekt zudem die Insektendiversität auf den entsprechenden Grünflächen. Dem Einfluss von Pestiziden auf die Insektenvielfalt in den städtischen Versuchsräumen widmet sich der Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Universität. Das ISOE beschäftigt sich mit Fragen der Lebensstile und der Wahrnehmung sowie mit den Einstellungen in der Bevölkerung zu Insekten und entwickelt Diskurs- und Beteiligungsformte für die Stadtbevölkerung. Das ISOE ist zudem für die transdisziplinäre Begleitung und Evaluierung des Projekts verantwortlich. Eine große Rolle wird im Forschungsprojekt auch die in der Vorphase bereits entstandene Citizen Science Community in Frankfurt spielen. 

Über das Projekt

Das Projekt „SLInBio – Städtische Lebensstile und die Inwertsetzung von Biodiversität: Libellen, Heuschrecken, Hummeln und Co.“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der Fördermaßnahme „BiodiWert – Wertschätzung und Sicherung von Biodiversität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ als Teil der BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) gefördert.

Projekt- und Kooperationspartner

  • ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung (Leitung)
  • Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt 
  • Goethe-Universität Frankfurt 
  • NABU Frankfurt 
  • Palmengarten der Stadt Frankfurt 
  • BioFrankfurt - Das Netzwerk für Biodiversität e.V.
  • Grünflächenamt der Stadt Frankfurt
  • Umweltamt der Stadt Frankfurt

Pressemitteilung als PDF

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Marion Mehring
Tel. +49 69 707 6919-39
 
www.isoe.de  

Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51

www.isoe.de 
 

 

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news-517 Fri, 11 Feb 2022 17:17:19 +0100 Umweltbewusstsein - Viel Rückenwind für sozial-ökologische Transformation https://www.isoe.de/news/viel-rueckenwind-fuer-sozial-oekologische-transformation/ Die Menschen in Deutschland erwarten von der Politik, dass mehr für den Umwelt- und Klimaschutz getan wird. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für den schädigenden Einfluss von Umweltbelastungen, zum Beispiel durch Schadstoffe, Luftverschmutzung oder Lärm, in den vergangenen 20 Jahren gestiegen. Dies zeigt die nun vorliegende detaillierte Auswertung der Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2020“, die heute vom Präsidenten des Umweltbundesamtes (UBA) Dirk Messner vorgestellt worden ist. Für die aktuelle Studie, die das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung mit infas und dem Öko-Institut im Auftrag des UBA und des Bundesumweltministeriums (BMU) durchgeführt hat, wurden rund 2000 Personen befragt. Laut der Studie unterstützt eine große Mehrheit der Deutschen eine ambitioniertere Umwelt- und Klimapolitik. Das Bewusstsein für Umweltbelastungen ist gestiegen, am menschgemachten Klimawandel gibt es kaum noch Zweifel. Die Studie zeigt auch, dass die Bevölkerung viele Gegenmaßnahmen teils sehr deutlich unterstützt – so finden zum Beispiel ein Verbot klimaschädlicher Produkte (80 Prozent), die Kopplung von Agrarsubventionen an ökologische Leistungen (86 Prozent) oder auch ein Tempolimit auf Autobahnen (64 Prozent) mehrheitlich Zustimmung. Aber auch bei den eigenen Verhaltensweisen zeigt sich Veränderungsbereitschaft: 67 Prozent der Befragten sind bereit, künftig weniger Fleisch zu essen, 60 Prozent wollen „konsequenter besonders energieeffiziente Geräte kaufen“ und 74 Prozent „insgesamt weniger konsumieren“.

Die Bereitschaft, mehr für Umwelt- und ⁠Klimaschutz⁠ zu tun, geht allerdings nicht immer mit dem entsprechenden Verhalten einher. Gründe hierfür liegen einerseits in Alltagsanforderungen wie Zeitmangel, fehlende finanzielle Mittel oder Belastung in Familie bzw. Beruf – aber auch im Mangel an Angeboten und entsprechenden Infrastrukturen. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts (⁠UBA⁠): „Wir müssen uns genau anschauen, welche Barrieren für die Bürgerinnen und Bürger bestehen. Die Politik muss es den Menschen einfacher machen, nachhaltig zu leben und ihre Alltagsroutinen anzupassen. Wir brauchen anspruchsvolle Energie- und Umweltstandards für Gebäude, Verkehrsmittel, Produkte und Lebensmittel sowie Preise, die stärker die ökologische Wahrheit sagen. Gleichzeitig müssen wir soziale Härten vermeiden, beispielsweise in Form eines „Klimagelds“ für die Bürgerinnen und Bürger, das aus den CO2-Einnahmen zurücküberwiesen wird. Nur so wird Umweltschutz zum Mainstream. Es freut mich, dass unsere Befragung in fast allen Bereichen nicht nur eine starke Bereitschaft zeigt, die Maßnahmen für mehr Umwelt- und Klimaschutz mitzutragen, sondern auch überwiegend gefordert wird, mehr zu tun. Vor allem von der Politik. Aber auch von Industrie und Wirtschaft sowie von den Bürgerinnen und Bürgern selbst erwarten die Befragten mehr Einsatz.“

Für mehr Klimaschutz finden es 80 Prozent der Befragten wichtig, klimaschädliche Produkte zu verteuern oder zu verbieten. 88 Prozent unterstützen den Abbau klimaschädlicher Subventionen. Vor allem im Bereich Landwirtschaft und Ernährung herrscht generell eine hohe Zustimmung zu den abgefragten Maßnahmen. Eine deutliche Mehrheit von 92 Prozent findet, dass der Ausbau der ökologischen Landwirtschaft stärker gefördert werden sollte. Weitere 86 Prozent möchten, dass Agrarsubventionen an ökologische Leistungen gekoppelt werden. Und 93 Prozent sind für weniger Pflanzenschutzmittel, 86 Prozent für weniger Düngemittel. Im Bereich Mobilität befürworten 64 Prozent der Befragten ein Tempolimit auf Autobahnen. 84 Prozent sind für mehr und bessere Radwege, 89 Prozent für einen verbesserten ÖPNV (mehr Haltestellen, höhere Taktung).

Weitere Informationen:

In der Umweltbewusstseinsstudie werden im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des UBA seit über 25 Jahren repräsentative Daten über umweltbezogene Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung in Deutschland erhoben. Themenschwerpunkte der Studie sind Klimaschutz und sozial-ökologische Transformation. Für die repräsentative Studie wurden im November und Dezember 2020 2.115 Bürger*innen ab 14 Jahren befragt. Die Befragung und Auswertung nahmen das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) und das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung vor. 

Umweltbewusstsein in Deutschland 2020. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2020 


Das ISOE hat zudem den wissenschaftlichen Bericht zur Umweltbewusstseinsstudie 2020 verfasst, in dem das Schwerpunktthema „Klimaschutz und sozial-ökologische Transformation“ im Mittelpunkt steht. Mit Blick auf die Indikatoren des Umweltbewusstseins wird die vorgenommene Erweiterung durch die Kenngrößen „Klimabewusstsein“ und „Veränderungsbereitschaft“ vorgestellt. Das darauf aufbauende Konzept der Umweltbewusstseinstypen wird näher erläutert und die einzelnen Typen werden ausführlich dargestellt.

Immanuel Stieß, Georg Sunderer, Luca Raschewski, Melina Stein, Konrad Götz, Janina Belz, Robert Follmer, Jana Hölscher, Barbara Birzle-Harder (2022): Repräsentativumfrage zum Umweltbewusstsein und Umweltverhalten im Jahr 2020. Klimaschutz und sozial-ökologische Transformation. Abschlussbericht. Dessau-Roßlau: TEXTE 20/2022
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentativumfrage-umweltbewusstsein-0 
 

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news-508 Tue, 08 Feb 2022 17:50:00 +0100 Frankfurter Bürger-Universität - Gutes Klima für die Zukunftsstadt? – Frankfurter Stadtgrün im Klimawandel  https://www.isoe.de/news/gutes-klima-fuer-die-zukunftsstadt-frankfurter-stadtgruen-im-klimawandel/ Lange Hitzeperioden, die das Klima in der Stadt unerträglich machen. Starkregen, der Straßen überflutet, U-Bahn-Schächte und Keller volllaufen lässt. Diese beiden gegensätzlichen Extremwettereignisse werden auch in Deutschland häufiger und setzen vor allem Großstädten und deren Bewohner*innen sichtbar zu. Klar ist: Ob und wie wir die Lebensqualität in den Städten halten können, hängt auch davon ab, wie wir mit vorhandenen Wasserressourcen umgehen. In der ISOE-Podiumsveranstaltung „Gutes Klima für die Zukunftsstadt?“ am 15. Februar 2022 diskutieren Bürger*innen und Expert*innen am Beispiel von Frankfurt am Main über Herausforderungen und Lösungsansätze für die klimagerechte Stadt. Die Veranstaltung wird im Nachgang auch als Video zur Verfügung gestellt. Die letzten Hitzesommer haben Parks und Grünflächen sichtbar zu schaffen gemacht. Allein in Frankfurt am Main musste das Grünflächenamt 4000 Bäume als verloren bekannt geben, der dritte trockene Sommer in Folge hatte sie verdorren lassen. In dem Maße, wie der Klimawandel fortschreitet, wird der Druck auf das städtische Grün jedoch sogar noch weiter wachsen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass lebenswerte Städte im Klimawandel unbedingt auf die positiven Wirkungen des Stadtgrüns angewiesen sind: Städtisches Grün verbessert das Mikroklima, leistet einen Beitrag zur Biodiversität, mindert Lärm und Feinstaub, bietet Überflutungsschutz und ist ein wichtiger Baustein für eine hohe Lebensqualität in Städten.

Wie können Städte auf den hohen Anpassungsdruck an den Klimawandel reagieren? Wie muss eine klimagerechte Begrünung gestaltet werden? Den Bürger*innen stellen sich in diesem Zusammenhang viele weitere Fragen, etwa zum Umgang mit den Wasserressourcen: Wie können kühlende Parks und schattenspendende Bäume bei Wasserknappheit ausreichend bewässert werden? Wie kann Wasser dafür aufbereitet, wo gespeichert werden?

Stadtgrün braucht Stadtblau: Praktikable Lösungen gibt es bereits

Schon heute gibt es in Stuttgart und Frankfurt am Main „blau-grüne Lösungen zum Anfassen“. Das ISOE hat im Projekt „INTERESS-I“ an der Entwicklung von Strategien für diese Lösungen mitgearbeitet. Sie wurden mit Expert*innen aus Verwaltung und Wirtschaft sowie der Stadtgesellschaft in Frankfurt und Stuttgart in die Praxis umgesetzt und getestet. Die Ergebnisse sind in einem Leitfaden erschienen, der als Download unter folgendem Link zur Verfügung steht https://doi.org/10.14459/2021md1638459  

Als Gastgeber der Bürger-Uni im Wintersemester stellt das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung diese blau-grünen Infrastrukturen vor und diskutiert mit Bürger*innen, Wissenschaftler*innen und Frankfurter Expert*innen, was die Stadt Frankfurt für ihr Stadtgrün und Stadtblau in Zukunft tun kann. Die Podiumsdiskussion wird von hr-iNFO-Moderator und Wissenschaftsjournalist Stephan M. Hübner moderiert.

Gutes Klima für die Zukunftsstadt? – Frankfurter Stadtgrün im Klimawandel

ISOE-Podiumsgespräch im Rahmen der Frankfurter Bürger-Universität mit:

  • Heike Appel, Leiterin des Frankfurter Grünflächenamtes
  • Prof. Dr. Ferdinand Ludwig, TU München
  • Sebastian Meyer, Stadtentwässerung Frankfurt am Main
  • Dr. Martina Winker, ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung
  • Moderation: Stephan Hübner, hr-iNFO

Datum: 15. Februar 2022, 18.30–20.00 Uhr
Veranstaltungstyp: Online-Veranstaltung
Veranstalter: ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung
Anmeldungen unter https://isoe.clickmeeting.com/stadtgruen
Mitdiskutieren: #stadtgruen

Die Veranstaltung liegt als Mitschnitt auf der Videoplattform Vimeo vor: https://vimeo.com/678067878 

Ansprechpartnerin:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart 
Tel. +49 69 707 6919-30
 
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
 
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news-513 Thu, 03 Feb 2022 13:59:28 +0100 tdAcademy - Die integrative Perspektive in der transdisziplinären Forschung  https://www.isoe.de/news/die-integrative-perspektive-in-der-transdisziplinaeren-forschung/ Der Bedarf an transdisziplinärer Forschung ist groß. Der Forschungsmodus, der auf gemeinsame Lernprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft setzt, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, ist insbesondere in der Nachhaltigkeitsforschung gefragt. Der Ansatz ist jedoch komplex, sowohl was Methodik, Konzeption als auch die Kommunikation der am Forschungsprozess Beteiligten betrifft. Ein aktueller Beitrag im ISOE-Blog Soziale Ökologie zeigt zentrale Aspekte der transdisziplinären Forschung auf und gibt Einblicke in geeignete integrative Perspektiven.  Die Idee, mithilfe von Forschungskooperationen zwischen akademischen und nicht akademischen Akteuren zu gemeinsamen Lösungen für gesellschaftliche Problemstellungen zu kommen, ist nicht ganz neu. In der sozial-ökologischen Nachhaltigkeitsforschung, die sich zentralen Herausforderungen wie Ressourcenmangel, Klimawandel oder Biodiversitätsverlust stellt, wurden in den letzten Jahren weitreichende Erfahrungen mit diesem Forschungsansatz gemacht, der ganz wesentlich vom ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung entwickelt wurde. Zentral sind dabei die Aspekte „Kontextabhängigkeiten“, „innovative Formate und Methoden“, „gesellschaftliche Wirkungen“ und „wissenschaftliche Effekte“. Diese vier Aspekte gilt es im Zusammenspiel zu sehen, denn sie haben Auswirkungen auf das Forschungsdesign, die Wahl der Formate und Methoden, auf die Auswertung und auf die Interpretation der Ergebnisse.

Was in der transdisziplinären Forschung (Td-Forschung) bislang jedoch fehlt, ist eine geeignete integrative Perspektive, die diese vier Schlüsselaspekte miteinander verbindet, damit Synergien für Forschungsprozesse gewonnen werden können. In einem aktuellen ISOE-Blogbeitrag widmen sich David P. M. Lam und Josefa Kny – beide sind Mitarbeiter*innen in der tdAcademy – dieser Leerstelle, für die sie gemeinsam mit weiteren Autor*innen in der englischsprachigen wissenschaftlichen Publikation „Transdisciplinary research: towards an integrative perspective“ Vorschläge gemacht haben. Die Publikation ist in der Zeitschrift GAIA erschienen. Sie ist die erste gemeinsame Veröffentlichung des vom ISOE mitgegründeten Projekts tdAcademy – einer Forschungs- und Community-Plattform für transdisziplinäre Forschung und für Forschung über Transdisziplinarität. 

Integrative Ansätze zur Förderung der transdisziplinären Forschung

In ihrem Blogbeitrag erläutern Lam und Kny in Kurzfassung drei Vorschläge für mögliche integrative Perspektiven auf Kontextabhängigkeiten, innovative Formate und Methoden, gesellschaftliche Auswirkungen und wissenschaftliche Effekte: erstens die Erkundung und Stärkung von Verbindungen und Synergien, zweitens die Weiterentwicklung von Qualitätskriterien als übergreifendes Element und drittens der Aufbau von Kapazitäten und Beratung für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen. Wie notwendig etwa der Aufbau von Kapazitäten ist, zeigt die Tatsache, dass sowohl Wissenschaftler*innen als auch Praktiker*innen von der Komplexität und Vielfalt an theoretischen Ansätzen und Formaten im Forschungsalltag oft überwältigt werden. Um mit dieser Komplexität umzugehen und das Verständnis für eine integrative Perspektive auf die vier zentralen Aspekte der Td-Forschung zu erweitern, ist das „Capacity-Building“ von großer Relevanz.

Der Blogbeitrag und die Publikation sind eine Anregung, um die transdisziplinäre Forschung selbst und auch die Debatte innerhalb der Td-Wissenschaftscommunity über integrative Perspektiven anzuregen. Denn nur mithilfe einer solchen Perspektive lässt sich das transformative Potenzial des transdisziplinären Forschungsmodus ausschöpfen. Die Online-Plattform der tdAcademy möchte den Wissensaustausch dazu unterstützen. www.td-academy.org/

Zum Blogbeitrag

Lam, David P.M./Josefa Kny (2022): Transdisciplinary research: how are context dependencies, innovative formats and methods, societal effects, and scientific effects connected? ISOE Blog Soziale Ökologie. Krise - Kritik - Gestaltung

Zur Publikation

Lam, David P.M./Maria E. Freund/Josefa Kny/Oskar Marg/Melanie Mbah/Lena Theiler/Matthias Bergmann/Bettina Brohmann/Daniel J. Lang/Martina Schäfer (2021): Transdisciplinary research: towards an integrative perspective. GAIA 30 (4), 243-249

Wissenschaftliche*r Ansprechpartner*in:

Dr. Oskar Marg
Tel. +49 69 707 6919-26
 
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Lena Theiler
Tel. +49 69 707 6919-56
 
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Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
 
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news-511 Tue, 18 Jan 2022 15:19:00 +0100 ISOE-Begleitforschung - Wissenschaftskommunikation im Themenfeld Bioökonomie https://www.isoe.de/news/wissenschaftskommunikation-im-themenfeld-biooekonomie/ Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig werden Ressourcen knapper. Eine Transformation weg von der Nutzung fossiler Rohstoffe hin zu einer an natürlichen Stoffkreisläufen orientierten Wirtschaftsweise gilt als unausweichlich. Aber wie kann dieser umfassende Wandel zur Bioökonomie gelingen? Wie erreichen die Informationen über ein biobasiertes Lebens- und Wirtschaftssystem die breite Öffentlichkeit? Wie kann Teilhabe an der Diskussion über Bioökonomie gelingen? Das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung hat im Zuge des Forschungsprojekts BioKompass Formate der Partizipation und Kommunikation im Themenfeld Bioökonomie untersucht und seine Ergebnisse veröffentlicht. Bioökonomie ist bereits in vielen Wirtschafts- und Lebensbereichen etabliert: Wissenschaft und Forschung beschäftigen sich länger schon mit den Möglichkeiten eines ressourcenschonenden und biobasierten Wirtschaftens. Dabei geht es beispielsweise um den Ersatz von Kunststoffen und anderen erdölbasierten Materialen durch nachwachsende Rohstoffe. Die Bioökonomie bietet zukunftsweisende Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung, wirft aber zugleich Fragen nach Kosten, Nutzen und Konsequenzen für gängige Lebensstile, für Werte- und Konsummuster auf. Denn sie wird in den kommenden Jahrzenten viele unterschiedliche Bereiche erfassen. Nicht nur die landwirtschaftliche und die industrielle Produktion, sondern auch das Verkehrs- und Gesundheitswesen, unser Wohnen, unser Arbeiten, unsere Ernährung und unseren Konsum – letztlich alle Lebensbereiche, die mit einem hohen Energie- und Rohstoffbedarf verbunden sind. 

Für eine derart umfassende Transformation ist ein breites gesellschaftliches Wissen und Verständnis von biotechnologischen Produkten und Verfahren unerlässlich. Aber auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie die Zukunft in einer nicht mehr auf fossilen Rohstoffen basierenden Wirtschafts- und Konsumweise aussehen soll. Die Teilhabe und Mitwirkung insbesondere junger Menschen an der Entwicklung von Leitbildern und Lösungsansätzen gilt als Schlüssel für eine gelingende Transformation. 

Evaluation zeigt, wie Partizipation im Themenfeld Bioökonomie gelingen kann

Im Forschungsprojekt „BioKompass“ unter der Leitung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) und in Kooperation mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung wurden verschiedene Formate der Kommunikation und Partizipation für Museen und Schulen entwickelt, um die Teilhabe junger Zielgruppen an Transformationsprozessen zu ermöglichen. Das ISOE hat für diese Formate ein Evaluationskonzept entwickelt und das Projekt wissenschaftlich begleitet. „Es war spannend zu sehen, wie die partizipativ entwickelten Zukunftsszenarien zur Bioökonomie von jungen Menschen aufgenommen wurden. Dieses Vorgehen hat sich für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bioökonomie bewährt“, sagt Alexandra Lux, Leiterin des Forschungsschwerpunkts Transdisziplinäre Methoden und Konzepte am ISOE. Die Ergebnisse des Forschungsverbunds liegen jetzt in der Publikation „BioKompass – Diskurse über Transformation anregen“ vor. 

Darin führen die Autorinnen detailliert aus, ob und wie die Formate Transformationen hin zu einer nachhaltigen Bioökonomie unterstützen können. Sie zeigen unter anderem, dass sich das Format eines Zukunftsdialogs besonders eignet, um gemeinsam mit den jungen Menschen entlang von verschiedenen Bedarfsfeldern, z. B. Mobilität, Wohnen, Konsum, Arbeit, Wirtschaft, die möglichen Auswirkungen der Transformation sichtbar zu machen und zu diskutieren. Im Format Zukunftsdialog können zwischen ca. 50 und 100 Personen, die ein breites Bild der Gesellschaft bzw. der anvisierten Zielgruppen repräsentieren, zusammen mit Expert*innen in offenen Formaten wie z. B. in einem „World-Café“ an Thementischen in parallel arbeitenden und professionell moderierten Kleingruppen mit unterschiedlichen Fragestellungen auseinandersetzen und ihre Perspektiven, Meinungen, Befürchtungen und Wünsche einbringen. 

Leitfaden für Dialogprozesse und Transformationskompetenz

Die Broschüre richtet sich an Organisationen und Behörden, die langfristige gesellschaftliche Transformationsprozesse mit partizipativen Dialogprozessen unterstützen möchten. Gleichzeitig erhalten Personen, die konkrete Formate durchführen, eine Handreichung für deren Konzeption und Umsetzung. Somit erhalten Verantwortliche für Transformationsprozesse im Bereich der Bioökonomie wertvolle Hinweise darauf, wie ein kluges Zusammenspiel von Zukunftsszenarien und weiteren Formaten geeignet ist, um Wissen und Transformationskompetenz zu vermitteln. Die Leitfragen für die Konzeption von Beteiligungsprozessen und die Empfehlungen zur Umsetzung von partizipativen Prozessen dürften insbesondere für schulische und außerschulische Bildungsformate, für künftige Ausstellungen und Wissenschaftskommunikation relevant sein. Die Publikation ist als Download erhältlich. 

Christina Höfling, Bärbel Hüsing, Simone Kimpeler, Alexandra Lux, Martina Parrisius, Ute Pohsner, Eva Roßmanith, Elna Schirrmeister, Lena Theiler und Ariane Voglhuber-Slavinsky (2021): Diskurse über Transformation anregen – die Nutzung von Zukunftsszenarien für partizipative Dialogformate in Museen und Schulen am Beispiel Bioökonomie. Frankfurt/Karlsruhe: Proiektverbund BioKompass 

Zudem haben die ISOE-Forscherinnen Alexandra Lux und Lena Theiler das Evaluationskonzept veröffentlicht, mit dem sie die Erprobung der Kommunikations- und Partizipationsformate im BMBF-Projekt BioKompass begleitet haben. „Eine Besonderheit dieser Evaluation war, dass Teilergebnisse noch während der Projektlaufzeit in die Konzeption weiterer Formate einfließen konnten“, betont Alexandra Lux. Das Evaluationskonzept ist online verfügbar.

Alexandra Lux und Lena Theiler (2021): Prozessbegleitende Evaluation von Kommunikations- und Partizipationsformaten im Themenfeld Bioökonomie. Evaluationskonzept BioKompass. ISOE-Materialien Soziale Ökologie, Nr. 66

Mehr über das Projekt BioKompass:

https://www.isoe.de/nc/forschung/projekte/project/biokompass/  
https://museumfrankfurt.senckenberg.de/de/biokompass/  

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Alexandra Lux
Tel. +49 69 707 6919-227
 
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
  
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news-509 Mon, 20 Dec 2021 10:34:52 +0100 ISOE begleitete Jugendbegegnung Frankfurt-Lyon 2021 - Mobilität und Nachhaltigkeit in der zukunftsfähigen Großstadt https://www.isoe.de/news/mobilitaet-und-nachhaltigkeit-in-der-zukunftsfaehigen-grossstadt-1/ Das Rhein-Main-Gebiet mit der Stadt Frankfurt gilt ebenso wie das französische Lyon und sein Umland als prosperierende Metropolregion. Wie können die beiden bevölkerungsreichen Städte, die seit 1961 eine Städtepartnerschaft verbindet, Mobilität und Nachhaltigkeit zukunftsfähig zusammenbringen? Das war Thema des deutsch-französischen Jugendaustauschs in diesem Jahr. Das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung hat den Austausch im Juni 2021 begleitet – unter anderem mit einer geführten Tour durch Frankfurt am Main unter dem Aspekt der nachhaltigen Stadt. Ein Kurzfilm ermöglicht den Rückblick auf das französisch-deutsche Treffen im Sommer. Mobilität und Verkehr sind eng verzahnt – wir wollen und müssen uns bewegen, um unsere Bedürfnisse erfüllen zu können: sei es zum Einkauf oder Kneipenbesuch, zur Hochschule oder zum Sport. Aber manchmal geht es auch einfach nur darum, ohne konkretes Ziel herumzufahren. Mobil zu sein, ist heute Teil unserer Lebensstile. Der hauptsächlich damit verbundene Autoverkehr hat seine Schattenseiten, die vor allem in den Städten deutlich werden. Beispiele hierfür sind Umweltbelastungen durch CO2 oder Feinstaub und die Flächenaufteilung im öffentlichen Raum. Wie beeinflussen diese Belastungen die Aufenthaltsqualität in den Städten und wie wirken sie sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus?

Das sind Fragen zur Stadt der Zukunft, die sich Menschen in Frankfurt und der Metropolregion Rhein-Main genauso stellen wie in Lyon und Umgebung. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft und das Goethe-Institut Frankfurt haben dies zum Anlass genommen und zum 60. Jubiläum der gemeinsamen Städtepartnerschaft für 2021 eine Jugendbegegnung zum Thema nachhaltige Stadt konzipiert. Pandemiebedingt musste der Auftakt mit praxisorientierten Vorträgen und interaktiven Kleingruppen digital stattfinden. Doch bei dem jeweils zweitägigen Austausch im Juni dieses Jahres fanden Exkursionen in Lyon und Frankfurt statt. 

Mobilität „bewegt“: Die nachhaltige Stadt der Zukunft selbst mitgestalten

Als Expert*in für nachhaltige Stadtplanung begleitete ISOE-Mobilitätsforscherin Dr. Jutta Deffner die Gruppe am 21. Juni durch Frankfurt. Das Exkursionsangebot führte zu Lernorten in Bezug auf urbane Mobilitätskultur wie zum Beispiel ins Europaviertel. Die Exkursionsorte wurden in Kooperation mit dem Verein Umweltlernen in Frankfurt e.V. ausgewählt. Dabei konnten sich die jungen Erwachsenen über ihre ganz persönlichen Vorstellungen und Bedarfe an eine nachhaltige Stadt und Mobilität der Zukunft austauschen. „Diskutiert wurde, welche Veränderungen aus ihrer Sicht gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch notwendig sind und wie gemeinsam ein neuer Blick auf die Stadt und das Leben in der Stadt entwickelt werden kann“, sagt Jutta Deffner. „Es war spannend, die jungen Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie eine Stadt mit Verkehr umgeht. Verwaltet eine Stadt Verkehr nur oder gestaltet sie neue, nachhaltige Konzepte? Wer wirkt an solchen Entscheidungen und Prozessen wie mit?“

Zum anderen ging es darum, dass die Teilnehmenden sich ihr eigenes Verkehrsverhalten und ihre Mobilitätspraktiken ebenso klar machen sollten wie ihre Wünsche und Ansprüche an Mobilität. „Das Thema Mobilität bewegt junge Menschen individuell und mit Blick auf die Zukunft sehr,“ sagt Deffner. „Wir freuen uns, wenn wir als Forschende dazu beitragen können, dass Zusammenhänge zwischen Stadtentwicklung und Verkehr ebenso wie das eigene Mobilitätsverhalten besser verstanden werden.“ Es sei entscheidend, gerade auch bei jungen Bürger*innen Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie nachhaltige Mobilität in der Stadt der Zukunft aktiv mitgestalten können. In dem Kurzfilm, der die Begegnung vom Sommer dokumentiert, sprechen die Teilnehmenden aus beiden Städten über ihre Erfahrungen mit dem Austausch, und ISOE-Mobilitätsexpertin Jutta Deffner erläutert darin Aspekte der nachhaltigen Stadtentwicklung. 

Zur Dokumentation der Jugendbegegnung Frankfurt-Lyon: 
https://www.sptg.de/jugendbegegnung-frankfurt-lyon-2021/ 

Zum Video der Jugendbegegnung Frankfurt-Lyon: 
https://youtu.be/1XmmB13pO1Q 

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Jutta Deffner
Tel. +49 69 707 6919-38
 
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news-504 Mon, 06 Dec 2021 17:18:39 +0100 Institutsbericht des ISOE erschienen - Rückblick auf das Forschungsjahr 2021 https://www.isoe.de/news/rueckblick-auf-das-forschungsjahr-2021/ Der Institutsbericht 2021 des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung ist erschienen. Darin informieren wir über unsere Forschungs- und Beratungstätigkeit des zurückliegenden Jahres und stellen eine Vielzahl neuer Forschungsprojekte vor.  Der Institutsbericht bietet einen umfassenden Überblick über unsere aktuelle Forschung in den Themenfeldern Wasser, Energie, Klimaschutz, Mobilität und Urbane Räume, Biodiversität sowie Transdisziplinäre Methoden. Der Bericht enthält zudem einen Überblick über unsere Lehrveranstaltungen an Universitäten, eine Kurzfassung des Nachhaltigkeitsberichts, und er gibt Einblicke in die Höhepunkte unseres Arbeitsjahres am ISOE. Ein Jahr, das für uns nicht zuletzt vom Wechsel in der Institutsleitung geprägt war: Am 1. April dieses Jahres hat Flurina Schneider die wissenschaftliche Geschäftsführung von ISOE-Mitbegründer Thomas Jahn übernommen.

Zudem informieren wir über ausgewählte Publikationen sowie über die zahlreichen Veranstaltungen und Vorträge unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu aktuellen Themen der Nachhaltigkeitsforschung. Die PDF-Version des ISOE Institutsberichts 2021 steht als Download zur Verfügung.

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Kontakt:

Dr. Nicola Schuldt-Baumgart
Tel. +49 69 707 6919-30
 
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news-499 Thu, 18 Nov 2021 11:28:48 +0100 Nachhaltige Mobilität - Wie Pendeln nachhaltiger werden kann: Ideenfindungsprozess für Reallabore startet https://www.isoe.de/news/wie-pendeln-nachhaltiger-werden-kann-ideenfindungsprozess-fuer-reallabore-startet/ Das Pendleraufkommen ist in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Allein in der Region Frankfurt Rhein-Main pendeln täglich mehr als eine halbe Million Menschen, überwiegend mit dem Auto. Das hat nicht nur Folgen für die Umwelt und für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen, die pendeln, sondern auch für die Bewohner*innen in den sogenannten Einpendlerstädten. Im BMBF-Forschungsprojekt PendelLabor unter der Leitung des ISOE suchen Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Praxisakteuren nach tragfähigen Alternativen zu gängigen Pendelroutinen. Nun hat mit den ersten Workshops in zwei hessischen Landkreisen der Ideenfindungsprozess für die Reallabore im Projekt begonnen. Das Forschungsteam im Projekt PendelLabor versteht die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Pendelmobilität als einen gemeinschaftlichen Prozess. Die Wissenschaftler*innen laden deshalb zu einem Ideenfindungsprozess mit lokalen Akteuren ein. Dieser auch als Co-Design bezeichnete Prozess dient der Vorbereitung auf die für 2022 geplanten Reallabore in dem Forschungsprojekt. Dafür wird das Forschungsteam ab diesem Herbst in Workshops im Hochtaunuskreis und im Kreis Groß-Gerau – beide Landkreise unterstützen das Vorhaben aktiv als Praxispartner – nah an den Bedürfnissen und Praktiken der Pendler*innen neue Handlungsansätze entwickeln, die die nachhaltige Veränderung der Pendelmobilität fördern. Ausgewählte Maßnahmen werden dann in den Reallaboren umgesetzt und von Pendler*innen erprobt. In beiden Schritten nimmt das Projektteam drei Handlungsräume in den Blick: den der Pendler*innen, den der Arbeitgeber*innen und den der Kommunen, in denen die Pendler*innen wohnen.

Co-Design-Prozess für die Entwicklung nachhaltiger Alltagspraktiken

In dem Co-Design Prozess werden Ideen für Maßnahmen entwickelt, die es Pendler*innen erleichtern sollen, ihr Pendelverhalten zu verändern – in Bezug auf die Art und Weise, die Entfernung oder auch auf die Häufigkeit sowie die Wahl der Verkehrsmittel. Dabei geht es nicht nur um individuelle Lösungen, sondern auch darum, was Kommunen oder Arbeitgeber dazu beitragen können. Gefragt sind Ideen für verkehrliche Maßnahmen, etwa zu Verbesserungen an Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs. Zum anderen sollen in dem Ideenfindungsprozess auch Maßnahmen entwickelt werden, die sich auf die Alltagsorganisation der Pendler*innen auswirken. Dazu können neue Angebote wie Co-Working-Plätze gehören oder eine veränderte Organisation der Kinderbetreuung, andere Arbeitszeiten und Ähnliches. Dabei geht es auch darum, wie einerseits Kommunen eine aktive, gestaltende Rolle einnehmen können, insbesondere in Bezug auf eine nachhaltigere Verkehrs- und Siedlungsplanungspraxis. Andererseits sind auch Arbeitgeber gefragt, im Zuge eines betrieblichen Mobilitätsmanagements aktiv zu werden.

Landkreise als Praxispartner im Forschungsvorhaben

Der Auftakt zum Co-Design-Prozess hat am 11. November 2021 mit dem ersten von drei Workshops im Hochtaunuskreis stattgefunden. Der Auftakt im Kreis Groß-Gerau findet am 10. Dezember 2021 statt. An den Veranstaltungen nehmen Vertreter*innen der jeweiligen Landkreise, kommunale Akteure aus den kreisangehörigen Städten und Gemeinden und der Stadt Frankfurt, lokale Akteure der Zivilgesellschaft sowie Mitglieder des Verbundteams teil. Im ersten Workshop geht es darum, gemeinsam mit den lokalen Akteuren bereits laufende und bestehende Aktivitäten zur Förderung einer nachhaltigen Pendelmobilität zu erfassen sowie ein gemeinsames Leitbild für eine nachhaltige Pendelmobilität für den jeweiligen Landkreis zu entwickeln.

Von der Idee zum Konzept: Wie kommen die Ideen in die Praxis?

In den jeweils zwei folgenden Workshops werden auf der Grundlage der bereits bestehenden Ansätze und der entwickelten Ziele zunächst Ideen kreiert und bis Februar konkrete Maßnahmen entwickelt. Dieser partizipative Prozess bringt lokale und wissenschaftliche Kompetenz zusammen und ermöglicht die kreative Erarbeitung von fundierten und umsetzungsorientierten Maßnahmen. Eine Auswahl der Maßnahmen wird dann im Realexperiment im kommenden Jahr über mehrere Monate von und mit Pendler*innen in den Kommunen erprobt. Darüber hinaus wird aus dem Ideenschatz für die Reallabore ein Konzept für eine „nachhaltige Pendelmobilität“ entstehen. Darin werden die möglichen Maßnahmenideen nach Handlungsfeldern aufbereitet und alle Möglichkeiten, Erfolgsfaktoren und die Verstetigung von Maßnahmen ebenso wie Hemmnisse strukturiert dargestellt.

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Dr. Jutta Deffner
Tel. +49 69 707 6919-38
 
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
Tel. +49 69 707 6919-51
 
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news-497 Mon, 15 Nov 2021 10:45:22 +0100 Rückblick ISOE-Symposium zur Verabschiedung von Thomas Jahn - Krise, Katastrophe, Normalität – die Verantwortung der Wissenschaft für die Zukunftsgestaltung https://www.isoe.de/news/krise-katastrophe-normalitaet-die-verantwortung-der-wissenschaft-fuer-die-zukunftsgestaltung-1/ Am 1. Oktober 2021 hat das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung seinen Mitbegründer Thomas Jahn als wissenschaftlichen Geschäftsführer feierlich verabschiedet. Neben einer Festveranstaltung fand auch das Symposium „Krise, Katastrophe, Normalität – die Verantwortung der Wissenschaft für die Zukunftsgestaltung“ statt. Dabei stand eine Frage im Vordergrund, die sich nicht erst seit der Corona-Pandemie stellt: Welche Rolle kann die Wissenschaft bei der Lösung von komplexen Krisen spielen? Dazu wurde im Frankfurter Haus am Dom aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und wissenschaftstheoretischen Perspektiven diskutiert. Nichtwissen gilt gemeinhin als problematisch, wenn es darum geht, Lösungen für komplexe Probleme zu finden. In seinem Impulsvortrag beim ISOE-Symposium erläuterte Alexander Bogner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), warum nach seiner Einschätzung auch „die Macht des Wissens“ gefährlich werden kann. Am Beispiel der Diskussion um Klima- und Corona-Krise machte der Wissenssoziologe deutlich, dass aktuelle Krisen überwiegend als Krisen von Wissenskonflikten gedeutet würden. Dies suggeriere, dass es „richtige“ Antworten auf politische Streitfragen gäbe. 

Wissenschaftliche Expertise habe hierbei eine besonders große Wirkmacht, erläuterte Bogner. Wissenschaftliches Wissen dominiere als vermeintlich einzige Basis rationaler Politik den Streit um unterschiedliche Interessen und Werte in einem Maße, dass politische Entscheidungsprozesse kaum mehr ergebnisoffen gestaltet werden könnten. Daraus folge ein Dilemma für Demokratien: Wenn „Alternativlosigkeit“ zum politischen Credo werde, entstehe ein „revoltierender Trotz“, der die Suche nach „alternativen Fakten“ geradezu herausfordere, so Bogner.

Diskussion über die Relevanz wissenschaftlichen Wissens 

Über diese Einschätzung diskutierten die Gäste des ISOE-Symposiums in der anschließenden Gesprächsrunde, die von Stephan Lessenich, Direktor des Instituts für Sozialforschung, moderiert wurde: Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstverein, Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main, Ines Weller, Stellvertretende Sprecherin des artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit in Bremen und ISOE-Mitbegründer Thomas Jahn. Dabei warf Ines Weller einen kritischen Blick auf die Wahrnehmung und den Umgang mit wissenschaftlichem Wissen, der je nach Disziplin sehr unterschiedlich sei. „Welches Wissen ist relevant und für wen?“, fragte Weller und verdeutlichte am Beispiel der Forschung zum Zusammenhang von Gender und Environment, dass manche Expertise der Umweltforschung als nicht relevant wahrgenommen werde und sinnbildlich für die „Ohnmacht des Wissens“ stehe. 

Klement Tockner betonte den positiven Beitrag der Wissenschaft in der Corona-Pandemie. Es sei für Gesellschaften, die sich mit Unsicherheiten ebenso schwertun wie mit komplexen Zusammenhängen, eine überaus wichtige Erfahrung gewesen, Wissenschaft beim Entstehen regelrecht zusehen zu können. Der Rückgriff auf Ergebnisse der Grundlagenforschung, der offene Zugang zu vorhanden Daten, das Infragestellen von Ergebnissen und das Abwägen von Unsicherheiten sei letztlich eine Art Wissensproduktion in Echtzeit gewesen, die in Verbindung mit einem qualitätsgetriebenen, unabhängigen Wissenschaftsjournalismus einen wichtigen Gestaltungsbeitrag geleistet habe.

Verantwortung der Wissenschaft und neues Selbstverständnis

Franziska Nori lenkte den Blick auf Aspekte der Wissensvermittlung und wies auf die Macht der Bilder im öffentlichen Diskurs hin. Gerade in der Pandemie habe sich gezeigt, dass durch zentrale Bildbotschaften eine Art „emotionalisiertes Wissen“ entstanden sei, das Verhandlungen über gesellschaftliche und politische Notwendigkeiten erschwert habe. Nori betonte die Notwendigkeit, komplexes Wissen für die Zivilgesellschaft noch besser verständlich zu machen, Fachjargons zu übersetzen und damit Wissenschaft möglichst weit in alle Bevölkerungsgruppen hinein zu öffnen.

Thomas Jahn griff diesen Aspekt der Öffnung auf und betonte, dass dazu ein anderes Selbstverständnis von Wissenschaft notwendig sei: In demokratischen Gesellschaften müsse es mit Blick auf komplexe Krisenlagen eine Mindestanforderung an jede Wissenschaft sein, dass sie die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen dazu befähigt, sich in Entscheidungsprozessen äußern zu können. Die Pluralität von Wissen und damit auch nichtwissenschaftliches Wissen müssten deshalb schon im Prozess der Wissensproduktion berücksichtigt werden, dies sei ein Anspruch transdisziplinärer Wissenschaft. „Wissenschaft ist mächtig und daraus resultiert eine Verantwortung“, sagte Jahn. Sie habe eine transformative Kraft und sei in der Lage, neue Realitäten zu schaffen. Voraussetzung sei jedoch, dass Wissenschaft sich immer auch mit sich selbst auseinandersetze, sonst habe sie keine Daseinsberechtigung.

Offizieller Abschied von Thomas Jahn als wissenschaftlichem Geschäftsführer des ISOE

Das Symposium am 1. Oktober 2021 fand anlässlich der offiziellen Verabschiedung von Thomas Jahn statt, der das Forschungsinstitut 1989 mitbegründet hat. Der Soziologe war bis März 2021 Sprecher der Institutsleitung des ISOE und wissenschaftlicher Geschäftsführer. Jahn hat im ISOE überwiegend zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen, transdisziplinären Methoden und Konzepten sowie zur sozial-ökologischen Wissenschaftsforschung gearbeitet. Bei der Festveranstaltung im Anschluss an das Symposium würdigte Angela Dorn, Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Thomas Jahn für sein ausgezeichnetes Gespür, das er seit der Gründung des ISOE für die Themen der Zukunft bewiesen habe. In ihrer Videobotschaft dankte die Ministerin Jahn für seine besonderen Leistungen für die Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland, den Wissenschaftsstandort Hessen und für seine kritische Stimme der sozial-ökologischen Forschung, die auch nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Geschäftsführer des ISOE gebraucht werde. 

Auch die beiden Laudatoren Uwe Schneidewind, langjähriger wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts und Stephan Lessenich, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des ISOE, dankten Thomas Jahn für seinen Einsatz für die sozial-ökologische Forschung und für seine außerordentliche Prägung der Methoden und Konzepte transdisziplinärer Forschung. Schließlich brachten Mitarbeiter*innen des ISOE, Alumni und weitere Weggefährt*innen ihren Dank an Thomas Jahn als wertvoller Vordenker, Mentor und Kollege mit einem besonderen Filmgeschenk zum Ausdruck. Dieser bedankte sich ebenfalls, allen voran bei den Mitgründer*innen Irmgard Schultz, Egon Becker, Thomas Kluge und Engelbert Schramm und bei der neuen wissenschaftlichen Geschäftsführerin Flurina Schneider für die gelungene „Staffelübergabe“ im April dieses Jahres. Thomas Jahn wird das ISOE auch nach seiner offiziellen Verabschiedung weiterhin beratend unterstützen. „Ich werde dem Institut verbunden bleiben, es nach Maßgabe meiner Möglichkeiten weiter unterstützen“, sagte Jahn zum Abschied, „es liegt mir sehr am Herzen.“

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news-493 Tue, 26 Oct 2021 16:46:00 +0200 Risikovorsorge - Deutsch-jordanisches Forschungsprojekt zu Katastrophenschutz bei Starkregen gestartet  https://www.isoe.de/news/deutsch-jordanisches-forschungsprojekt-zu-katastrophenschutz-bei-starkregen-gestartet/ Jordanien zählt zu den wasserärmsten Ländern der Welt und ist von Klimawandel und Extremwetterereignissen besonders betroffen. Starkregen und Sturzfluten führen immer wieder zu hohen Sachschäden und Todesfällen. Ein Forschungsverbund unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung verfolgt das Ziel, Maßnahmen für die Reduzierung von Katastrophenschäden in Jordanien zu identifizieren, die zugleich geeignet sind, Starkregen für eine bessere Wasserversorgung nutzbar zu machen. Das deutsch-jordanische Team von „CapTain Rain“ hat Anfang Oktober in Amman die Forschungsarbeit aufgenommen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Jordanien leidet unter Wassermangel. 80 Prozent des Landes sind Wüste, die wenigen Grundwasserreserven reichen nicht aus, um die Bevölkerung ausreichend mit Trinkwasser zu versorgen und um Landwirtschaft zu betreiben. Der Klimawandel verschärft die Situation noch, auch durch häufiger werdende Extremwetterereignisse. Auf langanhaltende Dürre und Trockenheit folgen immer öfter Starkregen mit zerstörerischen Sturzfluten. „Wenn es gelingt, die Starkregenereignisse künftig besser vorherzusagen, können nicht nur das Risikomanagement verbessert und Hochwasserschäden minimiert werden, sondern auch gezielt Lösungen für die nachhaltige Wassergewinnung aus Starkregenfällen entwickelt werden“, sagt Projektleiterin Katja Brinkmann vom ISOE. 

Um geeignete Frühwarnsysteme zu entwickeln und gezielte Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel in Jordanien zu identifizieren, arbeiten die Forscher*innen im transdisziplinären Projekt „Capture and retain heavy rainfalls in Jordan“, kurz CapTain Rain, eng mit jordanischen Forschungsinstitutionen, Behörden und Ministerien zusammen. Der erste Stakeholder-Workshop und die offizielle Auftaktveranstaltung fand am 3. Oktober 2021 mit mehr als 50 Teilnehmenden aus Jordanien und Deutschland in Amman statt. Das Projektteam berichtete auch über die jüngste Flutkatastrophe in Deutschland vom Juli 2021. Gemeinsam wurde diskutiert, welche Lehren daraus gezogen werden können und auf Jordanien übertragbar sind. Das CapTain Rain-Team konnte Wissenslücken und Handlungsbedarfe bei der Starkregenrisikovorsorge identifizieren.

Transdisziplinärer Ansatz für eine bessere Risikovorsorge

„Um Vorhersagen von Extremwetterereignissen zu verbessern, ist es entscheidend zu verstehen, welche die sozial-ökologischen Treiber von Sturzflutereignissen sind“, sagt Projektleiterin Brinkmann. „Wir wollen herausfinden, was die Sturzfluten in Jordanien begünstigt und welche komplexen Wechselwirkungen zwischen Klima und Landnutzung zugrunde liegen.“ Dazu arbeitet das Team mit einem transdisziplinären Forschungsansatz, der auch die Perspektive der Akteure vor Ort sowie die der lokalen Bevölkerung, deren Wissen und Risikowahrnehmungen erfasst. „Das ermöglicht uns eine ganzheitliche Analyse der Sturzflutgefährdung und Gefahrenprävention“, sagt Umweltwissenschaftlerin Brinkmann. 

Das Forschungsteam hat hierfür bereits Experteninterviews geführt. Mitarbeitende jordanischer Behörden und Universitäten sowie internationaler Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit wurden zu ihrem Praxiswissen im Zusammenhang mit Sturzflutrisiken und der Starkregenvorsorge und zu ihrer Einschätzung möglicher Handlungsoptionen befragt. Als vielversprechend gelten etwa Verfahren zur Rückhaltung, Speicherung und Nutzbarmachung von Regenwasser. Im weiteren Projektverlauf werden auch Interviews mit zivilgesellschaftlichen Akteuren geführt. 

Schlüssel für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels

Die Zusammenführung der wissenschaftlichen Ergebnisse mit anwendungsorientierten und lokalen Erkenntnissen dient dann als Grundlage für die Entwicklung und Umsetzung eines angepassten Risikomanagements für Jordanien. Die Ergebnisse aus CapTain Rain könnten aber auch für andere von Starkregenereignissen betroffene Länder wichtig sein. „Ziel des Forschungsprojekts ist es, die derzeitigen Methoden und Instrumente zur Sturzflutvorhersage und der Vermeidung von Katastrophenschäden zu verbessern“, sagt Brinkmann. „Das führt uns zu optimierten Klimadiensten und Frühwarnsystemen, die weltweit als ein Schlüssel für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels gelten.“

Über das Forschungsprojekt CapTain Rain

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Forschungsprojekt „CapTain Rain – Capture and retain heavy rainfalls in Jordan“ für die Dauer von drei Jahren mit 1,8 Millionen Euro als Teil der FONA-Strategie (Forschung für Nachhaltigkeit) im Rahmen der Fördermaßnahme „Internationale Partnerschaften für nachhaltige Innovationen (CLIENT II)“. Die Projektpartner im Forschungsverbund unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung sind: Hochschule Koblenz, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, Hamburger Stadtentwässerung AöR, Kisters AG, Institut für technisch-wissenschaftliche Hydrologie GmbH sowie Ministry of Environment of Jordan, Ministry of Water and Irrigation of Jordan, National Agricultural Research Center, Greater Amman Municipality und Petra Development and Tourism Region Authority. 

Website: https://captain-rain.de/  

Download:

Pressefoto CapTain Rain (jpg, 3,2 MB)

Bei Verwendung des Pressefotos bitte die Quelle kennzeichnen: © Katja Brinkmann/ISOE

Bildbeschreibung: Der antike nabatäische Entwässerungstunnel (Mudhlim-Tunnel und Reste des Staudamms) in Petra, Weltkulturerbe in Jordanien (September 2021)

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