Eine Studie zu Biodiversitätsbewusstsein zeigt: Land- und Forstwirt*innen in Deutschland haben ein hohes Bewusstsein für die Bedeutung der biologischen Vielfalt und eine starke Motivation, etwas für ihren Schutz zu tun. Für ein biodiversitätsfreundliches Handeln fehlen ihnen jedoch geeignete Rahmenbedingungen und praxistaugliche Maßnahmen. Ergebnisse der Studie unter der Leitung des ISOE im Auftrag der BMFTR-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) sind jetzt im International Journal of Agricultural Sustainability erschienen.
Land- und Forstwirt*innen bewirtschaften rund 80 Prozent der Fläche Deutschlands. Sie sind damit wichtige Akteure des Wandels beim Schutz der biologischen Vielfalt – und oft dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht ausreichend für den Biodiversitätsschutz einzusetzen. Ein Forschungsteam um Marion Mehring, die am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) das Forschungsfeld Biodiversität und Gesellschaft leitet, wollte wissen, wie es wirklich um Bewusstsein und Motivation für den Schutz der Artenvielfalt bei diesen Akteursgruppen steht.
Ihre Studie aus dem Jahr 2023 mit mehr als 1.000 Befragten hatte gezeigt: Die beiden Gruppen benötigen keinesfalls mehr Appelle für Artenschutz, im Gegenteil. Das Bewusstsein in der Land- und Forstwirtschaft für die Biodiversitätskrise und die Motivation zum Handeln sind hoch. Um zu ermitteln, inwiefern Akteur*innen der Land- und Forstwirtschaft bereit sind, sich Biodiversitätsziele aktiv anzueignen und diese umzusetzen, hatte das Forschungsteam eigens ein Konzept für Biodiversitätsbewusstsein entwickelt.
Konzept Biodiversitätsbewusstsein: mehr als eine Frage der Einstellung
Das Konzept Biodiversitätsbewusstsein wird jetzt erstmals auch für die internationale Biodiversitätsforschung zugänglich – in einer Publikation im International Journal of Agricultural Sustainability. In Anlehnung an das Konzept des Umweltbewusstseins bietet es nicht nur eine theoretische Definition von Biodiversitätsbewusstsein. Es zeigt auch, wie es sich systematisch erfassen lässt. Erstautorin Marion Mehring beschreibt das Konzept so: „Biodiversitätsbewusstsein wird von drei Komponenten getragen. Bei der kognitiven Komponente fragen wir, inwieweit Personen zustimmen, dass der menschengemachte Biodiversitätsverlust ein Fakt ist. Das ist keine Frage des Wissens, sondern eine Einstellung. Daneben spielen aber auch Affekte eine Rolle.“
Auf der Ebene der Affekte geht es um Fragen wie: Welche Gefühle und Werte verbinden Menschen mit dem Verlust der Artenvielfalt? Rührt sie das Thema Biodiversitätsverlust an oder finden sie, dass eher stark übertrieben wird? „Als Drittes kommt noch eine konative Komponente hinzu. Sie beschreibt die Handlungsbereitschaft: Sind Menschen bereit, ihr eigenes Handeln zu ändern? Unterstützen sie entsprechende Maßnahmen oder setzen sie diese selbst um?“
Was hemmt biodiversitätsfreundliches Handeln?
Für Biodiversitätsforscherin Mehring ist das Konzept deshalb so relevant, weil es zeigt: „Jemand kann sehr gut über Artenvielfalt informiert sein, ohne daraus Konsequenzen für sein eigenes Handeln zu ziehen.“ Insbesondere für die Kommunikation über die Biodiversitätskrise sei dies eine wichtige Erkenntnis. „Wer Biodiversität fördern will, sollte nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Werte ansprechen, emotionale Bezüge schaffen und konkrete Möglichkeiten zum Handeln aufzeigen.“ Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass Wissen tatsächlich in biodiversitätsförderndes Verhalten umgesetzt werde.
„Aus der Umweltbewusstseinsforschung wissen wir, dass ein umfassendes Bewusstsein für die Umwelt verbunden mit einer hohen Handlungsbereitschaft nicht zwangsläufig zu entsprechendem Handeln führt. In der Biodiversitätsforschung müssen wir noch verstehen, warum das dort auch so ist.“ Die Ergebnisse aus der Befragung von 2023 gaben darüber Aufschluss: Land- und Forstwirte gaben an, mehr für die Biodiversität tun zu wollen. Die Studienautor*innen bezeichnen sie deshalb auch als „Agenten des Wandels“. Um ihre Motivation in konkretes Handeln zu übersetzen, müssten jedoch Anreize gestärkt und Hürden abgebaut werden. Denn ein großer Teil der befragten Personen gab an, sich trotz hoher Motivation für den Schutz der Biodiversität im Handeln gebremst zu fühlen.
Beispiel Forst- und Landwirtschaft: Die größten Hindernisse liegen in der Umsetzung
Der Grund: Die Befragten sahen sich mit erheblichen Hindernissen konfrontiert, die ihnen die Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen erschweren. Unter den Landwirten, die bereits Naturschutzmaßnahmen umsetzen, nannten 84 Prozent die hohen Kosten für Flächen und Pachten als Problem. 83 Prozent kritisierten die fehlende Flexibilität der Vorgaben für Maßnahmen, 82 Prozent den hohen Aufwand für Messung und Dokumentation.
Bei den Forstleuten stand mit 84 Prozent der hohe Aufwand für die Beantragung von Fördermitteln an erster Stelle. 77 Prozent nannten die mangelnde Flexibilität der Maßnahmen und 76 Prozent den hohen Zeitaufwand als Hindernisse. 72 Prozent gaben an, häufig nicht über ausreichend Ressourcen zu verfügen, um wirksame Maßnahmen gegen den Biodiversitätsverlust umzusetzen. Am Beispiel der Land- und Forstwirtschaft zeigt sich für Marion Mehring: „Mehr Schutz der Biodiversität scheitert oft nicht an fehlendem Willen, sondern an fehlenden Möglichkeiten.“
Über die Studie
Für die Studie „Farmers and foresters as agents of change for nature conservation in Germany – The role of biodiversity awareness“, die von der BMFTR-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) in Auftrag gegeben wurde, haben Wissenschaftler*innen des ISOE und von FEdA im Zeitraum von Mai bis September 2022 insgesamt 502 Landwirte sowie 503 private Waldbesitzer und Forstleute in Deutschland standardisiert befragt. Die Stichproben wurden nach verschiedenen Merkmalen geschichtet, um unterschiedliche Betriebs- und Bewirtschaftungsformen abzubilden. Die Untersuchung analysierte unter anderem Biodiversitätsbewusstsein, persönliche Werte, wahrgenommene Vorteile und Risiken sowie Motive und Barrieren bei der Umsetzung biodiversitätsfreundlicher Maßnahmen.
Link zur Studie
Marion Mehring, Melina Stein, Naomi Bi, Anna S. Brietzke, Julius Frankenbach, Konrad Götz, Vladimir Gross, Volker Mosbrugger, Philipp P. Sprenger, Immanuel Stieß, Georg Sunderer, Julian Taffner (2026). Farmers and foresters as agents of change for nature conservation in Germany – the role of biodiversity awareness. International Journal of Agricultural Sustainability, 24(1). https://doi.org/10.1080/14735903.2026.2709953
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