Bundesforschungsministerin Dorothee Bär hat gestern die neue Strategie „Forschung für Nachhaltigkeit“ (FONA) vorgestellt: „Nachhaltigkeit ist aktive Zukunftsvorsorge“. Das Forschungsnetzwerk Ecornet begrüßt, dass das Ministerium inter- und transdisziplinäre Forschung zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen verstärkt fördern will. Die Ecornet-Institute schlagen für die Umsetzung der Strategie jedoch ein erweitertes Verständnis von Innovation, Wirkung und Transfer vor und vermissen soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit.
Gestern hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär in Berlin die neue Förderstrategie „Forschung für Nachhaltigkeit“ (FONA) vorgestellt. Das Ecological Research Network (Ecornet), das Netzwerk von acht führenden Instituten der Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland, begrüßt die hohe Bedeutung, die die Ministerin persönlich und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) der Forschung zur Nachhaltigkeits- und Wirtschaftstransformation einräumt, und dass das Ministerium inter- und transdisziplinäre Forschung zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen verstärkt fördern will. Für die Umsetzung der Strategie schlagen die Institute ein erweitertes Verständnis von Innovation, Wirkung und Transfer vor und empfehlen, die soziale Dimension der Nachhaltigkeit noch stärker zu beachten.
Ministerium will inter- und transdisziplinäre Forschung zu gesellschaftlichen Herausforderungen verstärkt fördern
„Wir müssen alles daransetzen, dass das Thema Nachhaltigkeit nicht hinten runterrutscht“, sagte die Ministerin angesichts zunehmender Wissenschaftsfeindlichkeit und Klimawandelleugnung. Die neu aufgelegte FONA-Strategie wollte sie in ihrer Rede auch als „klares Signal“ verstanden wissen, dass das nicht passieren solle. Nachhaltigkeit, so die Ministerin weiter, sei aktive Zukunftsvorsorge und auch ein entscheidender Wirtschaftsfaktor.
„Die neue FONA-Strategie betont die Inter- und Transdisziplinarität als erfolgreichen Modus für die Erforschung der großen Herausforderungen unserer Zeit wie Klimakrise, Verlust der biologischen Vielfalt, Ressourcenknappheit und gesellschaftlicher Wandel“, sagt Flurina Schneider, Ko-Sprecherin von Ecornet und Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE). Die aktuelle Strategie hebe dabei stärker als zuvor auch Fragen der Umsetzung und Skalierung hervor. „Der transdisziplinäre Forschungsansatz eröffnet neue Perspektiven auf gesellschaftliche Probleme. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stärkt zudem nachhaltige Lösungsansätze und verbessert die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis. Ko-Kreation und Reallabore sind für uns kein methodisches Add-on, sondern Kern unseres wissenschaftlichen Selbstverständnisses“, sagt Schneider.
Ecornet: Wirksame Forschung braucht breites Innovationsverständnis mit sozialer Dimension
Das Ecornet-Netzwerk bewertet den starken Fokus der FONA-Strategie auf gesellschaftliche Wirkungen und die Umsetzung von Ergebnissen in der gesellschaftlichen und unternehmerischen Praxis positiv. Gegenüber den Vorläuferprogrammen fallen die stärkere Technologieorientierung und ein neuer Fokus auf die Umsetzung technologischer Innovationen durch Unternehmen auf. „Damit der Gesellschaft möglichst gute und vielversprechende Lösungsansätze mit hohem Umsetzungspotenzial zur Verfügung gestellt werden können, ist allerdings ein breites Verständnis von Innovation und Wirkung notwendig“, sagt Thomas Korbun, Ko-Sprecher von Ecornet und Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW).
Hier sehen die Nachhaltigkeitsforschungsinstitute Entwicklungsbedarf. So fokussiert die FONA-Strategie sehr stark auf technologische Innovationen und Wertschöpfung. Nachhaltigkeitsprobleme sind jedoch selten allein technischer Natur, sondern meist eng mit sozialen Praktiken, institutionellen Rahmenbedingungen und Gerechtigkeitsfragen verbunden. Die Verwobenheit technologischer Innovationen mit sozialen Innovationen und Verhaltensänderungen sollte das Ministerium stärker ins Zentrum rücken. Dies gilt bereits für frühe Phasen der Technologieentwicklung und sollte daher bei der Ausformulierung konkreter Förderinitiativen der Strategie von Anfang an mitgedacht werden. Nur so lassen sich nachhaltige Ergebnisse erzielen, die wirksam umgesetzt werden können.
In der FONA-Strategie bisher zu wenig berücksichtigt sind Fragen der sozialen Nachhaltigkeit, so die Ecornet-Institute. Die Themen Arbeit, Gesundheit, demografischer Wandel oder Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen sind mit den ökologischen und technologischen Fragen eng verbunden. Nachhaltiger wirtschaftlicher Wohlstand und gesellschaftliche Lebensqualität können nur erreicht werden, wenn Technologieentwicklung mit den ökologischen und den sozialen Nachhaltigkeitsdimensionen verknüpft werden. „Wenn die FONA-Strategie ihre Wirkungspotenziale voll entfalten will, sollte sie daher soziale Nachhaltigkeit und Verteilungsfragen noch stärker als integralen Bestandteil von Innovationsprozessen verankern – insbesondere in frühen Phasen der Entwicklung von Innovationen“, sagt Korbun.
FONA konsequent an den Erfordernissen einer sozial-ökologischen Transformation ausrichten
Das Ecornet plädiert zudem dafür, FONA in zukunftsorientierte und verlässliche Fördermodelle zu überführen. Die Forschungsförderung muss konsequent an den Erfordernissen einer sozial-ökologischen Transformation ausgerichtet werden. Finanziell gut ausgestattete, langfristige Förderprogramme und agile und bürokratiearme Förderstrukturen sind unerlässlich. Um eine hohe Qualität der Forschungsergebnisse und einen hohen Umsetzungsgrad in die Praxis zu sichern, muss die Qualität der eingereichten Projektvorschläge das wichtigste Auswahlkriterium bleiben.
Aus Sicht von Ecornet ist die Verzahnung der FONA-Strategie mit der Hightech Agenda Deutschland gelungen. Die Hightech Agenda sollte von den benannten Stärken der FONA-Strategie lernen und nachhaltig weiterentwickelt werden, empfehlen die Ecornet-Institute. Ecornet begrüßt, dass FONA vom Forschungsministerium als „lernende Strategie“ konzipiert ist. Dieser Anspruch muss aus Sicht des Netzwerks konsequent mit Leben gefüllt werden. Die Weiterentwicklung der Strategie sollte – anders als ihre Erstellung, die ohne Beteiligung auskam – partizipativ und unter breiter Einbeziehung der Akteursgruppen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erfolgen. Die Ecornet-Institute werden ihre Expertise in die Weiterentwicklung der FONA-Strategie und der Hightech Agenda einbringen.
Über das Ecornet
Im Ecornet arbeiten mehr als 1.000 Mitarbeiter*innen in acht Instituten an konkreten Vorschlägen für Wege in ökologisch tragfähige und sozial gerechte Zukünfte. Unsere Arbeit zu sozial-ökologischen Transformationen ist stets mit Vorstellungen von einer demokratischen, lebendigen Gesellschaft verbunden. Mit unserer Forschung und unserem transdisziplinären Forschungsansatz tragen wir aktiv zur demokratischen Gestaltung der notwendigen Transformationen bei. Mitglieder im Ecornet sind: Ecologic Institut, ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Öko-Institut, Unabhängiges Institut für Umweltfragen (UfU) und Wuppertal Institut. https://www.ecornet.eu
Kontakt
Prof. Dr. Flurina Schneider
Ko-Sprecherin von Ecornet
Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE)
Tel.: +49 69 7076919-0
E-Mail: flurina.schneider@isoe.de
Thomas Korbun
Ko-Sprecher von Ecornet
Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
Tel.: +49 30 884594-0
E-Mail: thomas.korbun@ioew.de
Roy Schwichtenberg
Leiter der Ecornet-Geschäftsstelle
Tel.: +49 30 884594-0
E-Mail: roy.schwichtenberg@ecornet.eu
Pressekontakt ISOE
Dr. Nicola Schuldt-Baumgart
Tel. +49 69 707 6919-30
E-Mail: nicola.schuldt-baumgart@isoe.de
www.isoe.de
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