Bild: 2D_Jungle – stock.adobe.com In the hot sun, there were still people walking on the road with umbrellas.
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Klimaanpassung Transformation

Klimaanpassung neu denken: Warum Umweltgerechtigkeit in der kommunalen Klimaanpassung zentral ist

Klimaveränderungen betreffen Menschen unterschiedlich stark. Welchen Mehrwert bringt es, eine Gerechtigkeitsperspektive einzunehmen?

Hitzewellen, Starkregen oder langanhaltende Trockenperioden treffen Städte und Gemeinden immer häufiger. Viele Kommunen reagieren hierauf mit technischen Maßnahmen: mehr Grünflächen, Trinkbrunnen, neue Warnsysteme. Doch erfolgreiche Klimaanpassung erfordert mehr als technische Lösungen – sie benötigt auch einen gesellschaftlichen Prozess, in dem zu klären ist, wer an politischen Entscheidungen beteiligt wird, wessen Bedürfnisse zählen und wer wie vor Klimaveränderungen geschützt wird.

Klimaanpassung als gesellschaftspolitische Herausforderung

Klimarisiken betreffen nicht alle Menschen gleichermaßen. Wer wenig Ressourcen hat, älter oder gesundheitlich eingeschränkt ist, ist besonders anfällig für Hitzebelastungen, kann sich bei Hochwasserereignissen schlechter schützen oder versteht Wetterwarnungen wegen einer Sprachbarriere nicht. Die stärkere Betroffenheit dieser Gruppen ergibt sich zudem aus der Überschneidung sozialer, gesundheitlicher und struktureller Faktoren – ein Phänomen, das als Intersektionalität bezeichnet wird.[i] Eine intersektionale Vulnerabilität besteht etwa, wenn migrantische Senior*innen nicht nur den Herausforderungen des Alterns und der damit verbundenen Hitzebelastung ausgesetzt sind, sondern zusätzlich mit Sprachbarrieren konfrontiert sind, die den Zugang zu Klimainformationen erschweren.[ii] Gleichzeitig werden diese Gruppen in kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen oft übersehen. Klimaanpassung steht daher immer auch für soziale und politische Aushandlungsprozesse, die bestehende Ungleichheiten entweder verstärken oder abbauen können.[iii][iv]

Im Juli 2024 trat das Klimaanpassungsgesetz (KAnG) in Kraft. Es verpflichtet Kommunen, Strategien und Maßnahmen zur Klimaanpassung zu entwickeln. Damit rückt die lokale kommunale Ebene ins Zentrum der Umsetzung von Klimaanpassung in Deutschland.[v] Kommunalpolitische Akteure sowie Verwaltungsmitarbeitende, etwa in Umwelt- und Planungsabteilungen, prägen also maßgeblich, wie Klimaanpassung vor Ort ausgestaltet wird. In Planungs- und Entscheidungsprozessen legen sie fest, welche Maßnahmen priorisiert, wie Ressourcen verteilt und welche Bevölkerungsgruppen mitgedacht werden. 

Konzept der Umweltgerechtigkeit als Kompass für die kommunale Planung

Bislang werden soziale Aspekte in der kommunalen Klimaanpassung kaum berücksichtigt.[vi][vii] Ausgehend von der Annahme, dass der Abbau sozialer Ungleichheiten einen zentralen Hebelpunkt für erfolgreiche transformative Anpassungsprozesse darstellt[viii], lässt sich argumentieren, dass Klimaanpassung konsequent unter einer Gerechtigkeitsperspektive betrachtet und soziale Ungleichheiten gezielt in die Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen einbezogen werden sollten. Hier kann die Perspektive der Umweltgerechtigkeit helfen: Sie kann aufzeigen, welche Aspekte bei der Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen berücksichtigt werden müssen, sodass sich bestehende soziale Ungleichheiten nicht verstärken und alle gesellschaftlichen Gruppen angemessen berücksichtigt werden. 

Um den Nutzen von Anpassungsmaßnahmen fair zu gestalten, können drei Dimensionen von Umweltgerechtigkeit – Verteilung, Prozess und Anerkennung – leitend sein. Diese Dimensionen zeigen auf, welche Personengruppen von Klimarisiken besonders betroffen sind, wer (bislang nicht) in Entscheidungsprozesse einbezogen wird und wessen Bedürfnisse dadurch (nicht) berücksichtigt werden.

Verteilungsgerechtigkeit: Wer profitiert, wer bleibt ungeschützt? 

Nicht alle Menschen erleben die Folgen des Klimawandels gleich stark. Alter, soziale Lage, Herkunft oder gesundheitliche Einschränkungen beeinflussen, welche Belastungen Menschen spüren und welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen, um diese abzufedern.[ix],[x] Besonders vulnerabel sind beispielsweise Senior*innen, Kinder, Schwangere, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, da sie gesundheitlich empfindlicher auf Hitze reagieren[xi] oder der Zugang zu kühlen Orten für sie erschwert ist. Aber auch geflüchtete Menschen können stärker betroffen sein, insbesondere, wenn sie aufgrund von rechtlichen Vorgaben beispielweise in industriell geprägten, hitzeanfälligen Gebieten und schlecht isolierten Container-Gemeinschaftsunterkünften leben.[xii] Verteilungsgerechtigkeit fragt daher, welche Gruppen von den Klimarisiken am meisten betroffen sind und ob der Nutzen der Anpassungsmaßnahmen gerecht verteilt ist oder nicht.

Prozessgerechtigkeit: Echte Beteiligung in der Praxis gewährleisten

Die Dimension der Prozessgerechtigkeit rückt die Abläufe und Prozesse innerhalb von Politik und Verwaltung in den Blick. Sie fragt danach, wie Entscheidungen zur Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen zustande kommen und wessen Perspektiven in diesen Prozessen berücksichtigt werden und wessen nicht.

Das Einbinden von Fachstellen, Wohlfahrtsverbänden oder anderen lokalen Akteur*innen als Multiplikator*innen ist ein pragmatischer, häufig praktizierter Beteiligungsansatz. So wird sichergestellt, dass Erfahrungen aus der Praxis einbezogen und Maßnahmen wie Hitzeaktionspläne effizient entwickelt werden. Allerdings zeigen Erhebungen des „Netzwerks für Demokratie und Beteiligung“, dass solche indirekten Beteiligungsformate nicht automatisch zu prozessgerechten Entscheidungen führen.[xiii] Weil Perspektiven von Betroffenen vor allem stellvertretend vermittelt werden, erfolgt die direkte Beteiligung vieler Betroffener häufig nur eingeschränkt.[xiv] Insbesondere marginalisierten Gruppen fehlt dann die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse unmittelbar in Planungsprozesse einzubringen. Die Beteiligung bleibt damit zwar organisatorisch praktikabel, erreicht jedoch nur begrenzt die Tiefe einer inklusiven Mitgestaltung. Genau darauf hat die Prozessgerechtigkeit ein Auge. 

Anerkennungsgerechtigkeit: Unterschiedliche Lebensrealitäten angemessen berücksichtigen

Doch selbst wenn formelle Beteiligungsformate vorgesehen sind, können subtile Formen des Ausschlusses (z. B. ungünstige Terminierungen, Sprachbarrieren, bestehende Machtverhältnisse) dazu beitragen, dass Perspektiven bestimmter Gruppen unsichtbar bleiben oder nicht gehört werden.[xv][xvi] Marginalisierte Gruppen wie Migrant*innen, Care-Arbeitende oder Senior*innen erleben, dass ihre Bedürfnisse von der Politik und in den kommunalen Planungsprozessen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Typische Barrieren sind dabei fehlende zeitliche Flexibilität von Terminen, sprachliche Hürden und Zugänglichkeit sowie informelle Machtstrukturen, die bestimmen, wessen Anliegen tatsächlich Gehör finden. Anerkennungsgerechtigkeit fragt daher, wie die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sicherstellen können, dass diese Gruppen aktiv einbezogen werden und so ihre Lebensrealitäten und Bedürfnisse bei der Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen berücksichtigt werden.

Leitsätze für eine praktische Umsetzung von Umweltgerechtigkeit

Folgende Leitsätze bieten Orientierung für eine erfolgreiche und umweltgerechtere Klimaanpassung in Kommunen:

  • Weil Klimaanpassung bestehende Machtverhältnisse und soziale Ungleichheiten berührt und marginalisierte Gruppen überdurchschnittlich von Klimarisiken betroffen sind, ist Klimaanpassung ein gesellschaftspolitischer Prozess und keine rein technische Aufgabe.
  • Klimaanpassung braucht eine intersektionale Perspektive, denn Klimarisiken wirken dort besonders stark, wo sich mehrere Faktoren sozialer Ungleichheit, wie Gesundheit, Alter, Migration, Geschlecht oder soziale Lage (z. B. Einkommen, Wohnverhältnisse, Zugang zu Ressourcen) überschneiden.
  • Umweltgerechte kommunale Klimaanpassung erfordert die Betrachtung von Verteilungs-, Prozess- und Anerkennungsgerechtigkeit, um sichtbar zu machen, wer belastet ist, wer beteiligt wird und wessen Bedürfnisse in die Planung von Maßnahmen einfließen.
  • Ob Klimaanpassung soziale Ungleichheiten abbaut oder verstärkt, ist eine bewusste Gestaltungsfrage, die insbesondere von kommunalpolitischen Entscheidungsträger*innen beantwortet werden muss. Denn ohne gezielten Fokus auf Gerechtigkeit drohen bestehende Ungleichheiten fortgeschrieben zu werden.

Doch nicht nur für Kommunen ist eine gerecht gestaltete Klimaanpassung eine zentrale Aufgabe, auch für die Wissenschaft ist das Thema relevant. So besteht etwa dringender Forschungsbedarf zu der Frage, wie gerechte Klimaanpassung in der Praxis gelingen kann. Noch wenig erforscht ist etwa, welche Beteiligungsformate in der kommunalen Klimaanpassung marginalisierte Gruppen wirklich erreichen? Forschungsbedarf besteht auch bei der Frage, wie Gerechtigkeitsperspektiven dauerhaft in kommunale Planungen integriert werden können. Antworten auf diese Fragen sind entscheidend für eine wirksame und sozial tragfähige kommunale Klimaanpassung.

Referenzen 

[x] Alba, R., S. Klepp, A. Bruns (2020): Environmental justice and the politics of climate change adaptation – the case of Venice. Geographica Helvetica 75 (4), 363–368

[ii] [iv] Amorim-Maia, A. T., I. Anguelovski, E. Chu, J. Connolly (2022): Intersectional climate justice: A conceptual pathway for bridging adaptation planning, transformative action, and social equity. Urban Climate 41, 1–18 

[xi] Bundesministerium für Gesundheit (2024): Gesundheitsrisiko Hitze. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/hitze.html (Stand: 05.12.24) 

[v] BMUV (2024): Das Klimaanpassungsgesetz (KAnG): Ein Rahmen für die Vorsorge gegen die Klimakrise [Online], Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Verfügbar unter https://www.bmuv.de/themen/klimaanpassung/das-klimaanpassungsgesetz-kang (Stand: 05.12.2024)

[xii] Chen, S., M. Knöll (2024): Environmental Justice in the Context of Access to Urban Green Spaces for Refugee Children. Land 13 (5), 716

[vi] [viii] Friedrich, T., A. Otto, I. Stieß (2024): Kommunale Klimaanpassung. Bestandsaufnahme, Einflussfaktoren und Hebelpunkte. Climate Change 48. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt

[iii] Pelling, M. (2011): Adaptation to Climate Change: From resilience to transformation. Abington: Routledge

[xvi] Sayer, R. A. (2005): The moral significance of class: 3 – Recognition and Distribution. Cambridge University Press. https://cir.nii.ac.jp/crid/1130282269795170304 

[xiii] [xiv] Sax dos Santos Gomes, L., C. Sadowski (2024): Hitzepläne für Alle: Warum unsere Beteiligungsprozesse im Bereich Klimaanpassung intersektional ausgerichtet sein müssen.

[xv] Schlosberg, D. (2004): Reconceiving Environmental Justice: Global Movements And Political Theories. Environmental Politics 13 (3), 517–540 

[i] [vii] Teebken, J., M. Schipperges (2024): Soziale Frage Klimawandel: Klimaanpassung als sozialpolitische Gestaltungsaufgabe. FES diskurs. Friedrich Ebert Stiftung 

[ix] Walker, G. (2009): Environmental Justice: Concepts, Evidence and Politics. Taylor & Francis Group

Autor*innen

  • Celina Böhmer

    Celina Böhmer ist wissenschaftliche Assistentin am ISOE.
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