Was als Wissen gilt, ist keineswegs selbstverständlich. Wissenschaftliche Erkenntnisse prägen politische Entscheidungen, gesellschaftliche Debatten und unser Verhältnis zur Umwelt. Doch auch Wissenschaft ist eingebettet in historische Machtverhältnisse: Manche Wissensformen erhalten mehr Anerkennung als andere. Der Beitrag fragt, wie Wissenschaft jenseits von Dominanz und Verwertungslogiken gestaltet werden kann.
Dominante Wissensordnungen – Episteme – privilegieren bestimmte Wissensformen und blenden andere systematisch aus. Diese auf Verwertbarkeit ausgerichteten Episteme haben tiefe historische Wurzeln, wobei insbesondere kolonial-imperiale und jüngere neoliberale Formen zentral sind. Transformatives Wissen-Schaffen muss sich, so unsere Überzeugung, davon abgrenzen und auf andere epistemische Machtverhältnisse hinarbeiten. Das erfordert Widerstand und einen gemeinsamen positiven Horizont: «konviviale Wissenschaften».
Zugleich ist uns wichtig: Wir bestreiten ausdrücklich nicht die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch die verbreitete, unkritische Akzeptanz einer Wissenschaftsauffassung, die Dominanz, Kontrolle und die Trennung von Wissen und Verantwortung nahelegt (vgl. Kimmerer 2013).
Wie ein bestimmtes Wissenschaftsverständnis entstanden ist
Um die gegenwärtige Dominanz der auf Manipulation, Kontrolle und Verbesserung der Natur und des Menschen ausgerichteten Wissenschaft zu verstehen, ist die «triumphalistische Geschichtsschreibung» (Harding 2008) der kolonialen Moderne infrage zu stellen. Was, wenn die Moderne nicht, wie gemeinhin angenommen, primär ein Triumph der Vernunft über Aberglauben und ein Triumph des logischen Denkens über das magische Denken war? Ein Blick auf die zentralen historischen Wendepunkte deckt Triebfedern auf, die in der gängigen Geschichtsschreibung vernachlässigt werden (vgl. Battaglia 2021).
Eine erste Zäsur waren die Pestepidemien im mittelalterlichen Europa, die eine ungeheure existenzielle Angst erzeugten – der willkürliche Tod war 150 Jahre lang das prägende Thema. Das Ausmass des menschlichen Leidens und Sterbens durch die Pest beförderte die Vorstellung, die Natur sei ein fehlerhaftes Konstrukt, das der Mensch durch die Schaffung einer zweiten, perfekten Natur nach dem Vorbild von Maschinen und Geräten korrigieren könne. Die von Descartes (der selbst zweimal vor der Pest flüchtete) und Bacon vor diesem Hintergrund postulierten Grundzwecke der (Techno-)Wissenschaften – die Natur und den Menschen zu verbessern – können gemäss der Soziologin Marianne Gronemeyer (2013) als Reaktion auf diesen Tod und als Kriegserklärung gegen ihn verstanden werden. Dies führte zu einer grundlegenden Verschiebung der «höchsten Güter», zu einer «teleologischen Inversion», wie der Philosoph Robert Spaemann (1981) es nannte, in der die reine Selbsterhaltung zum Telos, zum eigentlichen Zweck, aller Lebensformen inklusive des Menschen erhoben wurde (statt zuvor Glück, ein gutes Leben, Tugendhaftigkeit oder – im christlichen Weltbild – die gute Beziehung zu Gott).
In einer zweiten Zäsur wandelte sich das Vertrauen in die sinnliche Erfahrung: Mit Instrumenten wie Galileos Teleskop setzte sich die Sicht durch, dass die Sinne täuschen können und «wahre» Zusammenhänge über die Welt und die menschliche Natur sich nur durch technische Vermittlung erschliesst. Die empirischen Wissenschaften und die Technologie wurden zusehends zum Fetisch erhoben (Harvey 2003) und verleihen Wahrnehmung und Erkenntnis seither ihre wissenschaftliche Autorität (Battaglia 2021). Diese Wendepunkte schufen (gemeinsam mit weiteren, zu deren Erörterung hier der Platz fehlt) das kulturelle Substrat der kolonialen Moderne, in dem die «Verbesserung» der «fehlerhaften» Natur durch techno-wissenschaftliche Rationalität und Ingenieurskunst sowie die Wette auf technische «Lösungen» für alle Probleme zu zentralen Motoren für den Aufstieg der kapitalistischen Wirtschaftsform und die Herausbildung moderner Macht-, Wissens- und Herrschaftsformen wurden.
Wenn Wissen mit Macht verbunden ist: Koloniale Wissensordnungen und epistemischer Extraktivismus
Die moderne westliche Wissenschaft ist historisch eng mit Kolonialismus und Imperialismus verflochten. Sie kann deshalb als «imperiales Episteme» (Goss 2021, 16) verstanden werden, also als ein Wissensregime, das bestimmte Formen von Wissen als wissenschaftlich legitimiert und andere, etwa indigenes, lokales, erfahrungsbasiertes oder verkörpertes Wissen, marginalisiert. Damit ist nicht nur der Ausschluss einzelner Inhalte gemeint, sondern eine Monopolisierung dessen, was überhaupt als Wissen gelten darf.
Epistemischer Extraktivismus bezeichnet die Aneignung von Wissen durch mächtige Akteure, die dieses Wissen anschliessend in ihrem eigenen Interesse verwerten. In der Kolonialgeschichte geschah dies durch die Aneignung von verwertbaren Teilen indigenen und lokalen Wissens (Grosfoguel 2019); in der Gegenwart zeigt es sich etwa, wenn Unternehmen traditionelles Wissen über Pflanzen patentieren lassen oder wirtschaftlich verwerten. Ein bekanntes Beispiel ist die Kommerzialisierung von Stevia der Guaraní in Paraguay als Süssmittel (Meienberg et al. 2015).
Ein ähnliches Muster findet sich in der Forschung selbst, wenn Wissenschaftler*innen traditionelles (ökologisches) Wissen erheben, um es in Publikationen und Karrieren zu übersetzen, ohne die Wissensgemeinschaften angemessen zu beteiligen (Hall and Tandon 2017; Liboiron 2021). In diesem Sinn ist epistemischer Extraktivismus kein Randphänomen, sondern eine fortdauernde Praxis kolonialer Wissensordnung.
Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen Erkenntnis, Wettbewerb und Verwertung
Seit der neoliberalen Umgestaltung von Hochschulen und Wissenschaftspolitik prägt in Europa zunehmend ein Modus der Effizienz, Konkurrenz und Verwertbarkeit die Wissenschaft. Dieser Modus kann als «neoliberales Episteme» verstanden werden, weil er bestimmte Formen von Forschung privilegiert und andere zurückdrängt. Wissenschaft erscheint dabei als neutral und unpolitisch, ist aber faktisch eng mit ökonomischen Interessen verbunden (Ziman 2000; Mirowski 2011).
Das neoliberale Episteme fördert zugleich einen techno-solutionistischen Zugriff auf Krisen: Komplexe sozial-ökologische Probleme, die durch die Logiken der industriellen Moderne mitverursacht wurden, sollen durch technologische «Lösungen» behoben werden (Morozov 2013; Huesemann und Huesemann 2011). Dies widerspiegeln sowohl die Forschungsprioritäten der nächsten Horizon Europe Finanzierungsrunde (2028–2034) mit ihren «Moonshots», die technologischen Fortschritt und Konkurrenzfähigkeit beispielsweise in der Raumfahrt-Wirtschaft und KI versprechen als auch die das schon im Titel tragende «Hightech Agenda Deutschland». Forschungsgelder erhalten demnach vor allem diejenigen Ansätze, die Verwertbarkeit und technische Machbarkeit versprechen. Kritische Geistes- und Sozialwissenschaften sowie nicht-instrumentelle Naturwissenschaften geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Auf dem Weg zu einer konvivialen Wissenschaft: Wissen neu denken
Diese Entwicklung erfordert breiten Widerstand, insbesondere aus transformationsoffenen Wissenschaftskontexten. Notwendig ist eine klare Analyse der herrschenden Machtmechanismen und der Technologien, über die Wissen zirkuliert und legitimiert wird. Im Sinne epistemischer Gerechtigkeit gilt es, Kämpfe gegen Ausgrenzung und Instrumentalisierung miteinander zu verbinden. Eine transformative Wende erfordert einen Bruch mit den Prämissen der kolonialen Moderne – der Hybris des Menschen als Schöpfergott und der säkularen Religion von Technologie und eng verstandene «Innovation» für Profit und BIP-Wachstum als Allheilmittel.
Gleichzeitig braucht es einen positiven Gegenentwurf: «konviviale Wissenschaften», die sich am guten Zusammenleben orientieren. Konvivalität meint dabei ökologische Verbundenheit und gesellschaftliches Zusammenleben jenseits von Dominanz und Verwertung (Pörtner and Lebrecht 2025). Ein solcher Horizont kann nur entstehen, wenn jene stärker einbezogen werden, deren Wissen bislang marginalisiert wurde. In diesem Prozess wird Zuhören wichtiger sein als Sprechen.
Was heisst das? Wir sollten denjenigen Stimmen Gehör schenken, die sich auf komplexes orts- und praxisbezogenes Wissen stützen.[1] Demut und Zugewandtheit könnten zentrale, in Schulen gelehrte und praktizierte Tugenden sein – ja, Tugend-Ethik, entgegen der teleologischen Inversion, in der das Leben an und für sich keine Qualität mehr hat. Demut erfordert einen Bruch mit der triumphalistischen Geschichtsschreibung und geht einher mit dem Anerkennen, wieviel der «Errungenschaften» der Menschheit eben gerade keine der westlichen Technowissenschaften waren (Graeber und Wengrow 2021).[2]
Lokale Praxis und Kunst der Lebensführung, die Menschen «als Teil der Natur» sieht, erfordert das Wiederentdecken und Adaptieren von Kulturtechniken, z.B. wie indigene Nahrungsmittelproduktion im Einklang mit den ökologischen Zusammenhängen über Generationen verfeinert wurde und Menschen zu «Architekten des Überflusses» (Johnston 2022) machte. Es erfordert auch das richtige Mass an Technologieverwendung zu erkennen, um in Beziehung zur Welt zu treten – Effizienz ist kein Wert für sich, wie Robin Wall Kimmerer am Beispiel des Sammelns von wildem Lauch anschaulich erklärt:
«Eine scharfe Schaufel würde das Graben effizienter machen, aber in Wirklichkeit würde sie die Arbeit zu schnell vorantreiben. Wenn ich alle Lauchpflanzen in fünf Minuten ernten könnte, würde ich diese Zeit auf den Knien verbringen, das Wachsen des Ingwers beobachten und dem Waldlaubsänger lauschen, der gerade aus seinem Winterquartier zurückgekehrt ist. (…). Ausserdem würde diese einfache technologische Veränderung es auch zu leicht machen, (…) zu viel zu ernten. Die Schwierigkeit des Grabens ist eine wichtige Beschränkung. Nicht alles sollte einfach sein.» (Robin Wall Kimmerer, 2013, S. 178-9)
Konviviales Wissen-Schaffen ist pluralistisch, aber nie relativistisch; es ist orts- und lebensbezogen, aber akzeptiert das Sterben und Vergehen als Teil des Kreislaufes des Lebens; es sucht keine Dominanz oder Hegemonie, sondern Emanzipation und radikale Verbundenheit; es ist nicht antiwestlich oder technologiefeindlich, aber dezidiert antikolonial und anti-extraktivistisch;[3] es ist reflexiv und lernend; systemisch, aber nie dogmatisch; verantwortungsvoll gegenüber zukünftigen Generationen und mehr-als-menschlichem Leben; und vertraut auf Klugheit, die auf Lebenserfahrung und Einsicht in die Zusammenhänge beruht und damit situative Autorität, nicht auf (akademische) Titel oder strukturelle Hierarchie. Kurz: ein Möglichkeitsraum und Banner für bestehende und neue Praktiken der kritischen inter- und transdisziplinären – ja, vielleicht auch manchmal dezidiert undisziplinären (undisziplinierten?) – Wissenschaft.
Literatur
Battaglia, Denise. 2021. Galileis Fernrohr und das Menschen-Bild: Technologie, Utopie und Angewandte Ethik in der Medizin. Ethik im Gesundheitswesen. Nomos Verlag. https://doi.org/10.5771/9783748926252
CLEAR. 2021. CLEAR Lab Book: A Living Manual of Our Values, Guidelines, and Protocols (V.03). Civic Laboratory for Environmental Action Research, Memorial University of Newfoundland and Labrador.
Goss, Andrew. 2021. The Routledge Handbook of Science and Empire. Routledge.
Hall, Budd L., and Rajesh Tandon. 2017. ‘Decolonization of Knowledge, Epistemicide, Participatory Research and Higher Education’. Research for All 1 (1): 6–19. https://doi.org/10.18546/RFA.01.1.02
Graeber, D., & Wengrow, D. (2021). The dawn of everything: A new history of humanity. Penguin UK.
Gronemeyer, Marianne. 2014. Das Leben als letzte Gelegenheit. WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Grosfoguel, Ramón. 2019. ‘Epistemic Extractivism: A Dialogue with Alberto Acosta, Leanne Betasamosake Simpson, and Silvia Rivera Cusicanqui’. In Knowledges Born in the Struggle: Constructing the Epistemologies of the Global South, edited by Boaventura de Sousa Santos and Maria Meneses. Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429344596
Harding, S. (2008). Sciences from below: Feminisms, postcolonialities, and modernities. Duke University Press.
Harvey, D. (2003). The Fetish of Technology: Causes and Consequences. Macalester International, 13(1). https://digitalcommons.macalester.edu/macintl/vol13/iss1/7
Huesemann, Michael, and Joyce Huesemann. 2011. Techno-Fix: Why Technology Won’t Save Us or the Environment. New Society Publishers.
Johnston, Lyla June. 2022. ‘Architects of Abundance: Indigenous Regenerative Food and Land Management Systems and the Excavation of Hidden History’. PhD Thesis, University of Alaska Fairbanks.
Kerkeling, Luz, and Peter Clausing, eds. 2016. Das kritische Denken angesichts der kapitalistischen Hydra: Beiträge der sechsten Kommission der EZLN. UNRAST.
Kimmerer, Robin Wall. 2013. Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants. Milkweed editions.
Krenak, Ailton. 2021. Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen. Translated by Michael Kegler. Btb Verlag.
Liboiron, Max. 2021. Pollution Is Colonialism. Duke University Press. https://doi.org/10.1515/9781478021445
Meienberg, François, Laura Sommer, Tamara Lebrecht, et al. 2015. The Bitter Sweet Taste of Stevia. Berne Declaration, CEIRAD, Misereor, Pro Stevia Switzerland, SUNU, University of Hohenheim. https://www.publiceye.ch/fileadmin/doc/Biopiraterie/2015_PublicEye_Stevia_E_Report.pdf
Mirowski, Philip. 2011. Science-Mart: Privatizing American Science. Harvard University Press.
Mirowski, Philip. 2018. ‘The Future (s) of Open Science’. Social Studies of Science 48 (2): 171–203.
Morozov, Evgeny. 2013. To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. Public Affairs.
Pörtner, Ephraim, and Tamara Lebrecht. 2025. From Dominant Science to Convivial Sciences: A Call for an Alliance of Strands of Critical Inquiry. Edited by Critical Scientists Switzerland. Oekom.
Simpson, Leanne Betasamosake. 2017. As We Have Always Done: Indigenous Freedom through Radical Resistance. Indigenous Americas. University of Minnesota Press.
Spaemann, Robert, and Reinhard Löw. 1981. Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Piper.
Yunkaporta, Tyson. 2019. Sand Talk: How Indigenous Thinking Can Save the World. Text Publishing.
Zibechi, Raúl. 2024. Constructing Worlds Otherwise: Societies in Movement and Anticolonial Paths in Latin America. Translated by George Ygarza Quispe. AK Press. https://www.akpress.org/constructing-worlds-otherwise.html
Ziman, John. 2000. Real Science: What It Is, and What It Means. Cambridge University Press.
[1] Ailton Krenaks (2021) „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“, Robin Wall Kimmerers (2013) „Süssgras Flechten“, Lyla June Johnstons (2022) „Architects of Abundance“, Tyson Yunkaportas (2019) „Sand Talk“, Raúl Zibechis (2024) „Constructing Worlds Otherwise“, Leanne Betasamosake Simpsons (2017) „As We Have Always Done“, die Zapatistischen Sammlungen zum „kritischen Denken angesichts der kapitalistischen Hydra“ (Kerleling & Clausing 2016) und viele mehr (s. auch Global Tapestry of Alternatives, https://globaltapestryofalternatives.org/).
[2]Sie nennen als Beispiele die Entwicklung der Landwirtschaft, der Töpferei, des Webens, der Metallurgie, der Systeme der Seefahrt, der monumentalen Architektur, der Klassifizierung und die Domestizierung von Pflanzen und Tieren, die allesamt Ergebnisse einer paläolithischen «Wissenschaft des Konkreten» (Lévi Strauss) waren.
[3] Das CLEAR Lab von Max Liboiron ist vorbildlich diesbezüglich (s. CLEAR 2021).
Autor*innen
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Ephraim Pörtner
Dr. sc.