Schon heute formt künstliche Kühlung fundamental die Welt, in der wir leben. Ein für uns kaum sichtbares globales Netzwerk bildet das Rückgrat für unsere Versorgung mit Nahrung und Medizin, klimatisiert unsere Räume und ermöglicht unsere digitale Kommunikation: die sogenannte künstliche Kryosphäre. Das Projektteam von „CultCryo“ untersucht diese Infrastruktur, die nicht nur unseren Alltag prägt, sondern auch massive Folgen für den Energiebedarf der Zukunft hat. Mit interdisziplinären, internationalen Fallstudien zu Lebensmitteln, Biobanken, Rechenzentren und Klimatisierung analysiert das Forschungsteam die kulturellen Ursachen des wachsenden Kühlbedarfs – mit dem Ziel, Wege aus der drohenden Energiekrise und damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeit aufzuzeigen und unseren Umgang mit Kälte neu zu denken.
Fast überall auf der Welt sind Kühltechnologien aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken. Sie sichern die Nahrungsmittelversorgung, sind unverzichtbar für die Medizin, klimatisieren unsere Gebäude und ermöglichen erst unsere digitale Kommunikation. Damit bilden sie eine weitgehend unsichtbare, aber extrem energieintensive globale Infrastruktur aus Kühlhäusern, Kühlketten, Biobanken, Rechenzentren und klimatisierten Gebäuden – eine künstliche Kryosphäre. Da sie unseren Alltag fundamental strukturiert, hat dieses künstliche Kältenetz weit mehr als eine rein technologische oder physikalische Bedeutung für uns. Vielmehr prägt sie weltweit Lebensstile, doch diese kulturelle Dimension ist bislang kaum erforscht.
Globale künstliche Kryosphäre: Was hat Kühlung mit Gerechtigkeit zu tun?
Im Forschungsprojekt „CultCryo“ untersucht ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des ISOE erstmals die künstliche Kryosphäre. Dabei begreifen die Forschenden dieses weltumspannende Netz nicht bloß als technische Innovation, sondern als kulturelle Praxis, die unsere sozialen und ökologischen Systeme transformiert. Das heißt: Kühlung verändert nicht nur unsere Konsumgewohnheiten oder wie wir Gesundheit verstehen, sondern auch unsere Auffassung von Zeit und Raum. Indem Kälte Produkte und Objekte haltbar macht – von Lebensmitteln bis hin zu Eizellen –, verändert sie auch unser Verständnis von Vergänglichkeit. Auch die räumliche Wahrnehmung wandelt sich, wenn Dinge an jedem Ort verfügbar sind, etwa Südfrüchte im Winter, argentinisches Rind oder Nordatlantik-Fisch. Doch der Zugang zu dieser Technik ist weltweit extrem ungleich verteilt. Das Team fragt daher: Wie beeinflusst Kühlung unsere Vorstellungen von Komfort, Modernität und sozialer Gerechtigkeit?
Kühlung und Klimawandel – ein Teufelskreis
Vor allem der Blick in die Zukunft ist für das Forschungsteam zentral. Schon jetzt wirken Kühltechnologien paradox: Sie sind zugleich Mittel der Klimaanpassung und Treiber der Klimaerwärmung. Kurzfristig schützen sie Menschen vor steigenden Temperaturen. Langfristig tragen sie jedoch durch ihren immensen Energieverbrauch, den Einsatz klimaschädlicher Kältemittel und durch Abwärme zur globalen und lokalen Erwärmung bei. Ein Teufelskreis, den die Internationale Energieagentur (IEA) als „Cold Crunch“ bezeichnet. Prognosen zufolge wird sich der globale Kühlbedarf bis 2050 verfünffachen. Dieser „Kältehunger“ hätte nicht nur verheerende ökologische Auswirkungen – er verschärft auch massiv die Frage nach globaler und sozialer Gerechtigkeit.
Kältenutzung in einer sich wandelnden Welt: Internationale Fallstudien
Das Projekt CultCryo verfolgt einen innovativen Mixed-Methods-Ansatz, der historische, geografische, ethnografische und technik-philosophische Perspektiven miteinander verbindet. Im Zentrum stehen vier interdisziplinäre Fallstudien aus den Bereichen Lebensmittelversorgung, Klimatisierung, Biomedizin und Informatik. Dafür erhebt das Forschungsteam ethnografisches Material in Australien, Indien, Europa und den USA. Ziel ist es, im interkulturellen Vergleich zu untersuchen, wie verschiedene Gesellschaften Kühltechnologien nutzen – oder aufgrund von Traditionen und fehlendem Zugang darauf verzichten – und welche sozialen, politischen und kulturellen Folgen sich daraus ergeben. Zudem geht es darum, nachhaltigere Kühlalternativen zu identifizieren. Das ISOE führt unter anderem ethnografische Pilotstudien in den Bereichen Lebensmittel und Raumklimatisierung durch.
Mehr zum Projekt
Das Projekt „Cultures of the Cryosphere – Infrastructures, Politics and Futures of Artificial Cooling“ wird im Rahmen des ERC Synergy Grant Nr. 101118625 (2024–2030) durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördert. Die Projektleitung liegt bei der Technischen Universität Darmstadt. Projektpartner sind die Universität Paderborn, das Kulturwissenschaftliche Institut der Universität Duisburg-Essen, die Australian National University Canberra, die Universität Hamburg, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE).
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