Der Umbau unseres Verkehrssystems gilt in der öffentlichen Debatte oft als unzumutbar, teuer oder schlichtweg unrealistisch. Doch diese Fixierung auf Hürden verkennt die tatsächlichen Potenziale der Mobilitätswende. Die ISOE-Mobilitätsforscher*innen Jutta Deffner und Luca Nitschke zeigen aus der sozial-ökologischen Forschungspraxis: Wenn Menschen in „Mobilitätsexperimenten“ neue Optionen im Alltag erproben, wird Veränderung nicht als Verzicht, sondern als Gewinn an Lebensqualität erlebbar. Ein Plädoyer für einen mutigeren Umgang mit neuen Routinen.
Wer politische Debatten, Talkshows und andere Diskursräume verfolgt, erkennt schnell ein Muster: Die Mobilitätswende wird zwar grundsätzlich für notwendig gehalten, im gleichen Atemzug jedoch oft als unrealistisch deklariert. Die vorgebachten Argumente sind dabei selten bloße Schutzbehauptungen. Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen benennen handfeste Alltagshindernisse: fehlende oder abrupt endende Radwege, ein ausgedünntes ÖPNV-Angebot auf dem Land oder große Distanzen zwischen Wohnort, Arbeitsplatz, Kita und Supermarkt. Kurz gesagt: Die Infrastruktur und der Alltag sind für viele schlicht nicht für klimafreundliche Mobilität geeignet.
Erschwerend kommt hinzu, dass staatliche Regelungen wie das Dienstwagenprivileg oder die Pendlerpauschale weiterhin die Autonutzung fördern. Nachhaltige Alternativen bleiben, gerade für Familien, oft teurer oder umständlicher. Die tatsächlichen Kosten der Automobilität werden dabei chronisch unterschätzt. Für Privathaushalte verblassen sie als „Eh-da“-Kosten, für die öffentliche Hand verbergen sie sich in unsichtbaren strukturellen Folgekosten.
In der Konsequenz verdichtet sich die Mobilitätswende zu einem gesellschaftlichen Gefühl der Zumutung. Veränderungen werden oft abgelehnt, weil sie dem Einzelnen Verhaltensweisen abverlangen, die von den bestehenden Strukturen kaum unterstützt werden und sich daher wie ein Verzicht auf Komfort und Flexibilität anfühlen. Hinzu kommt ein weiteres, oft gehörtes Argument: Was bringt es, wenn ich im Kleinen etwas verändere, wenn Industrie, Politik und andere Länder weitermachen wie bisher?
Technikglaube und Festhalten am Vertrauten in der Krise
Wenn parallel dazu multiple Krisen den Alltag prägen – von sozialen Unsicherheiten über geopolitische Spannungen bis hin zu steigenden Lebenshaltungskosten – wird der Klimaschutz für viele weniger wichtig und drängend. Es fehlen unterm Strich schlicht Zeit, Kraft und Geld – auch in der Politik. Stattdessen ruht die Hoffnung auf rein technologischen Heilsversprechen: E-Fuels, Brennstoffzellen, autonomes Fahren oder Lieferdrohnen sollen den Wandel vollziehen, ohne dass bestehende Gewohnheiten angepasst werden müssen. Das Narrativ „Deutschland ist ein Autoland“ bündelt dabei tief verankerte Erwartungen an wirtschaftliches Wachstum, die den Spielraum für echte Veränderungen einengen.
Eigentlich wäre zu erwarten, dass tiefgreifende geopolitische Verwerfungen wie der Krieg in Iran und der Ukraine und die damit verbundene sprunghafte Verknappung fossiler Ressourcen als Weckruf dienen. Sie führen unsere fatale Abhängigkeit vom Öl deutlich vor Augen. Doch Krisen erzeugen primär Verunsicherung, was in ein Festhalten am Vertrauten mündet. Ein symptomatisches Beispiel dafür ist der politische Reflex des Tankrabatts: Statt die Krise für beschleunigte Investitionen in alternative Mobilitätsangebote zu nutzen, subventioniert der Staat exakt jenes System mit Milliardenbeträgen, das die Abhängigkeit überhaupt erst erzeugt hat. Zum Vergleich: Mit den veranschlagten 1,6 Milliarden für den Tankrabatt im Frühjahr 2026 ließen sich rund 400.000 E-Bikes (zum Preis von je 4.000 Euro) oder aber 25 Mio. Deutschlandtickets finanzieren.
Die Macht des Ausprobierens: Raum für neue Routinen schaffen
Wie lässt sich dieser Stillstand überwinden? In der sozial-ökologischen Mobilitätsforschung untersuchen wir am ISOE seit vielen Jahren, wie Veränderungen im Alltag dennoch gelingen. Die Ergebnisse unserer Mobilitätsexperimente und Studien mit immersiven Methoden zeigen eindrucksvoll: Veränderung kann freiwillig, ohne Druck und oftmals mit großer Freude stattfinden.
Meist bedarf es biografischer Einschnitte, um alte Gewohnheiten aufzubrechen. Allerdings bieten auch Mobilitätsexperimente einen exzellenten Anlass für Veränderung. Sie erreichen gezielt jene Menschen, die mit ihrem Mobilitätsalltag zwar latent unzufrieden sind, deren objektive „Schmerzgrenze“ für Veränderung aber noch nicht erreicht ist. Oft bremst hier nicht die fehlende Einzeltechnologie, sondern die bloße Macht der Gewohnheit sowie die fehlende persönliche Erfahrung mit Alternativen.
Wenn Bürger*innen in geschützten „Spiel-Räumen“ E-Bikes, E-Lastenräder oder den ÖPNV für ihren Arbeitsweg testen, weicht die Skepsis oft der Erkenntnis, dass etwa E-Bike-Fahren schlichtweg Spaß macht. Der Pendelweg wandelt sich von einer lästigen Pflicht zu einer geschätzten Erholungszeit. Erst durch das unverbindliche Erleben über einen längeren Zeitraum hinweg zeigt sich im Selbstversuch, welche Voraussetzungen benötigt werden und wie sich die Alternativen unkompliziert in den (Familien-)Alltag integrieren lassen.
Neue Perspektiven: Pragmatismus schlägt Perfektion
Durch das Ausprobieren werden Vor- und Nachteile der Alltagsmobilität neu gegeneinander abgewogen. Neben gesundheitlichen Aspekten und aufgewerteter Pendelzeit strahlen neue Routinen oft auf andere Lebensbereiche aus: Das E-Bike wird plötzlich auch am Wochenende und zum Einkaufen genutzt, eine neue Routine auf dem Weg zur Arbeit erfordert vielleicht eine fairere Aufteilung der Sorgearbeit in der Familie. Solche Aushandlungsprozesse gehören zu Veränderungen dazu und Mobilitätsexperimente bieten hierfür einen sicheren Spielraum.
Selbstverständlich bringen neue Routinen auch Nachteile mit sich – genau wie die bisherigen Routinen auch. Aber die Abwägung entscheidet: Rechtfertigt die gewonnene Bewegung an der frischen Luft 15 Minuten mehr Fahrtzeit? Was wir aus den Ergebnissen der Mobilitätsexperimente klar ablesen können: Veränderungsbereitschaft setzt keine perfekten Lösungen voraus, sondern Vorteile, die so groß sind, um anfängliche Hürden auszugleichen. Manchmal zeigen sich an dieser Stelle auch sehr klar die strukturellen Grenzen der Veränderbarkeit, etwa wenn die Taktung des ÖPNV zu gering ist, kein Radweg existiert, die zeitlichen Anforderungen des Alltags zu rigide sind oder Fahrradfahren im Dunkeln als unsicher empfunden wird. Das Experiment dekliniert dabei wertfrei durch, wo Investitionen in Infrastruktur und Technologien dringend geboten sind, um Veränderungen aufseiten der Verkehrsteilnehmenden unterstützen und verstetigen zu können.
Appell an Planer*innen und Politik
In unserer transdisziplinären Forschungspraxis erleben wir die Notwendigkeit zur Veränderung selten negativ. Im Gegenteil: Sie wird als direkte Möglichkeit ergriffen, um das eigene Leben zu verbessern. Diese positive Haltung bleibt im aktuellen Diskurs um neue Prioritäten, Verbote und Verzicht jedoch vollkommen unterbelichtet. Der Abschied von eingefahrenen Mobilitätsroutinen mag sich zunächst fremd anfühlen und Zeit beanspruchen – das ist völlig normal. Doch danach entsteht Platz für Neues.
Damit die Mobilitätswende in der Breite gelingt, lautet unser Appell an Entscheider*innen in Politik, Unternehmen und Verwaltungen: Veränderungsprozesse brauchen flankierende Begleitung, Testangebote, Beratung und Austausch. Wenn Bürger*innen sowie institutionell Verantwortliche – etwa Kommunen oder Verkehrsbetriebe – Erfahrungen miteinander teilen, entfaltet das Experiment eine direkte Wirksamkeit. So entsteht eine nachhaltige Mobilitätspolitik, die auf positiven Erlebnissen und konkreten Alltagsbedürfnissen aufbaut. Wir müssen lediglich den Mut aufbringen, die nötigen „Spiel-Räume“ dafür einzurichten.
Autor*innen
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Jutta Deffner
Jutta Deffner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE und leitet das Forschungsfeld Nachhaltige Gesellschaft. -
Luca Nitschke
Luca Nitschke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISOE.