Konflikte um die Nutzung von Natur nehmen zu – und drehen sich meist um konkurrierende Interessen. Soll ein Fluss ausschließlich der industriellen Wasserversorgung dienen oder als Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere erhalten bleiben? Solche Fragen führen immer häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen Einzelnen, Gruppen oder ganzen Regionen. Konflikte mit Bezug zur Natur werden als Umweltkonflikte bezeichnet. Die bisherige Forschung betrachtet sie überwiegend aus einer anthropozentrischen Perspektive – also als rein menschliche Auseinandersetzungen über Natur. Wir schlagen eine Erweiterung vor: das Konzept sozial-ökologischer Konflikte mit Natur. Es macht sichtbar, dass Natur – etwa ein Fluss – aktiv auf Entstehung, Verlauf und Lösung von Konflikten einwirkt. Aus dieser Perspektive wird der Fluss selbst zur Konfliktpartei.
Umweltkonflikte sind Gegenstand verschiedener Disziplinen und Forschungsfelder – von der Politischen Ökologie über die politikwissenschaftliche Friedens- und Konfliktforschung bis hin zur Ökologischen Ökonomie. Diese verschiedenen Zugänge eint, dass sie Umwelt oder Natur meistens als Objekt und damit als eher passiven Gegenstand von Konflikten zwischen menschlichen Akteuren rahmen und untersuchen. Inspiriert durch posthumanistische Debatten gibt es inzwischen auch in Bezug auf Umweltkonflikte erste Ansätze in der Wissenschaft, die Perspektive auf Menschen als einzig handelnde Konfliktparteien zu erweitern.
Solche posthumanistischen Forschungsperspektiven hinterfragen grundlegend die klassischen Dualismen, die unser westliches Denken auch heute noch prägen – etwa die Trennung von Natur und Kultur, Mensch und Tier oder organisch und technologisch. Sie untersuchen die tiefen „Verstrickungen“ von Menschen mit anderen Lebewesen, seien es Tiere, Pflanzen oder Mikroben, und brechen so mit der Idee des „rein Menschlichen“. Damit soll deutlich gemacht werden, dass „anders-als-menschliche“ Entitäten maßgeblich an der Bildung dessen beteiligt sind, was wir als Menschlichkeit verstehen.
In Bezug auf Umweltkonflikte fehlt es jedoch noch an einem umfassenden Konzept, in welchem neben Menschen auch Tiere, Pflanzen, Flüsse oder chemische Prozesse als Konfliktparteien verstanden und untersucht werden können.
Sozial-ökologische Konflikte
Vor diesem Hintergrund schlagen wir ein neues Konzept für die Analyse von Umweltkonflikten vor, das wir als „sozial-ökologische Konflikte“ bezeichnen. Diese definieren wir als „raumzeitliche Konfrontation zwischen zwei oder mehr Koalitionen, die aus Menschen und „anders-als-menschlichen“ Entitäten bestehen und zu inkompatiblen gesellschaftlichen Naturverhältnissen beitragen“ (Rauchecker, Kuhn et al. 2025: 8). Unser Konzept ermöglicht Umweltkonfliktforscher*innen, die aktive Rolle der Natur in Konflikten explizit zu berücksichtigen. Dafür haben wir zentrale Begriffe aus der Umweltkonfliktforschung so weiterentwickelt, dass sie empirisch auf Menschen und anders-als-menschliche Akteure anwendbar sind: Bestehende Begriffe und deren Untersuchung, wie Akteure, Allianzen, Handlungen und Motivationen, sind in Bezug auf Menschen sinnvoll. Bei Tieren, Pflanzen und insbesondere abiotischen natürlichen Entitäten, wie beispielsweise Wasser oder Gestein, ist es methodologisch und philosophisch sehr herausfordernd, die Frage nach dem Bewusstsein und der Intention hinter der Handlung zu beantworten. Die Begriffe, die wir vorschlagen, verschieben den Fokus auf die Wirkung, die Natur im Konflikt hat – ungeachtet der Frage, ob ein Fluss auch ein Bewusstsein besitzt oder nicht.
Vor diesem Hintergrund plädieren wir dafür, anstelle von Akteuren die Begriffe „menschliche“ und „anders-als-menschliche Konfliktparteien“ zu verwenden. So steht im Fokus, wer einen Einfluss auf den Konflikt hat und nicht, wer philosophisch als (bewusst handelnder) Akteur verstanden werden kann. Anstelle von Handlungen der Konfliktparteien schlagen wir Wirkungen vor. So steht die Wirkung auf den Konflikt im Fokus und nicht, ob eine bewusste, intentionale Handlung vorliegt. Anstelle von Motivationen der Konfliktparteien schlagen wir Impulse vor. So können beispielsweise auch chemische oder biologische Prozesse, die zur Wirkung von einem Fluss oder einem Metall führen, in den Blick genommen werden – und nicht nur bewusste Entscheidungen von Menschen oder Triebe von Tieren und Pflanzen. Anstelle von Allianzen schlagen wir sozial-ökologische Koalitionen vor, die aus Menschen und anders-als-menschlichen Akteuren bestehen. So steht im Fokus, welche Einflüsse im Konflikt sich verstärken und nicht, ob bewusste Allianzen geschmiedet werden.
Am Beispiel eines wasserbezogenen Konflikts im Einzugsgebiets des Flusses Júcar (Spanien) erklären wir nun die genannten konzeptionellen Verschiebungen und diskutieren das neue analytische Potenzial, dass dadurch für Konfliktforscher*innen entsteht.
Sozial-ökologische Koalitionen und der Wassernutzungskonflikt im Flusseinzugsgebiet Júcar (Spanien)
Das Einzugsgebiet des Flusses Júcar liegt im Südosten Spaniens. Es umfasst große Teile der autonomen Gemeinschaften Valencia und Kastilien-La Mancha. Während die Landwirt*innen in Valencia das Wasser des Júcar bereits seit Jahrhunderten nutzen, entwickelte sich die großflächige Bewässerungslandwirtschaft in La Mancha erst in den 1970er Jahren. Dafür nutzen Landwirt*innen den riesigen Grundwasserleiter Mancha Oriental. Dieser Grundwasserleiter speist jedoch auch den Fluss Júcar, der in Richtung Valencia fließt. Die anthropozentrische Umweltkonfliktforschung analysierte diesen Konflikt bislang als Konkurrenz um Wasserressourcen zwischen Landwirt*innen aus La Mancha (Oberlieger) und denen aus Valencia (Unterlieger). Eine sozial-ökologische Konfliktperspektive hebt hingegen die entscheidenden und vielfältigen Rollen hervor, die nicht-menschliche Akteure in diesem Konflikt spielen. Die folgende Abbildung zeigt die menschlichen und anders-als-menschlichen Konfliktparteien, ihre Wirkungen aufeinander und die daraus entstehenden sozial-ökologischen Koalitionen im Wasserkonflikt im Einzugsgebiet des Júcar in Spanien.

Die verschiedenen Farben symbolisieren die unterschiedlichen Koalitionen, die sich aus menschlichen und „anders-als-menschlichen“ Konfliktparteien (gerahmt) zusammensetzen. Diese Koalitionen entfalten sich gegenseitig verstärkende Wirkungen (Pfeile). Damit werden je Koalition bestimmte gesellschaftliche Naturverhältnisse geprägt (Rechteck in der Mitte mit gepunkteten Rahmenlinien). Der Blitz symbolisiert die Unvereinbarkeit der verschiedenen Prägungen gesellschaftlicher Naturverhältnisse durch die unterschiedlichen Koalitionen. Zwischen der blauen und der hellbraunen Koalition entsteht eine Konfrontation, da beide zur selben Zeit und am selben Ort die Nutzung von Wasser für ihre jeweilige sozio-ökonomische Entwicklung anstreben. Die türkisfarbene Koalition steht sowohl mit der blauen als auch mit der hellbraunen Koalition in Konflikt, da sie eine grundlegend andere Art des Umgangs mit Fluss- und Grundwasser anstrebt. Dabei zielt sie nicht darauf ab, diese als Ressourcen für die menschliche Entwicklung zu nutzen, sondern respektiert ihre ökologische Integrität.
Hydrologische Eigenschaften als Impuls
Die hydrologischen Eigenschaften (Impuls) des Flusses Júcar, insbesondere seine sinkenden Durchflussmengen, machten die intensive Grundwassernutzung in La Mancha sichtbar und lösten in den 1990er Jahren einen Konflikt aus. Dadurch erzeugte der Fluss zunächst Proteste der valencianischen Landwirt*innen (Wirkung), die den Verlust ihres sozio-ökonomischen und kulturellen Erbes befürchteten (Impuls), und verstärkte diese im weiteren Verlauf noch. So entstand eine sozial-ökologische Koalition zwischen menschlichen Landwirt*innen in Valencia und dem anders-als-menschlichen Fluss.
Der Stausee Alarcón und der Tajo-Segura-Fernwassertransfer ermöglichen es den Landwirt*innen aus La Mancha durch ihre Kapazitäten zur Speicherung und Verteilung von Wasser (Impulse) wiederum, ihre intensive Wassernutzung fortzusetzen. Seit Anfang der 2000er Jahre wird Grundwasser aus dem Mancha Oriental Grundwasserleiter teilweise durch Oberflächenwasser ersetzt (Wirkung). Damit bilden diese Infrastrukturen mit den Landwirt*innen aus La Mancha eine weitere Koalition, die die Fortsetzung des modernistischen sozio-ökonomischen Entwicklungsmodells in einer peripheren Region ermöglicht.
Mit einer sozial-ökologischen Konfliktperspektive wird auch eine dritte weitere sozial-ökologische Koalition analytisch sichtbar: Der Grundwasserleiter Mancha Oriental und Umweltgruppen aus beiden Regionen stellen die intensiven Bewässerungspraktiken sowohl der valencianischen als auch der manchegischen Landwirt*innen infrage. So schränken beispielsweise die unterschiedlichen Pegel des Grundwasserspeichers (Wirkung) in Verbindung mit den hohen Energiepreisen der letzten Jahre (Wirkung) die Grundwasserentnahme durch die Landwirt*innen ein. Die hydrogeologische Komplexität des Aquifers (Impuls) verhindert damit eine absolute Kontrolle über das Grundwasser, da sie eine ressourcenintensive Erkundung, Bohrung und Förderung erfordert. Auch das Auswaschen von Düngemitteln (Wirkung) aufgrund der hohen Auflösungskapazitäten (Impuls) des Grundwasserleiters wirkt sich negativ auf die Trinkwasserqualität in der Region aus. Damit wird die Kritik von Umweltgruppen am Wassernutzungsmodell in La Mancha verstärkt und eine Koalition entsteht.
Strategische Gegner und die Fortsetzung der intensiven Wassernutzung
Bei Berücksichtigung dieser dritten sozial-ökologischen Koalition wird deutlich, dass die Landwirt*innen aus Valencia und La Mancha zu strategischen Gegnern in diesem Konflikt wurden. Anstatt ihre Lebensweise und ihren Umgang mit Wasser grundlegend zu ändern, setzen beide bis heute auf eine intensive Nutzung von Wasser für landwirtschaftliche Zwecke. Der anthropozentrische Konflikt drehte sich also nicht um fundamentale gesellschaftliche Naturverhältnisse, sondern um die Wasserverteilung innerhalb des bestehenden Wassernutzungsmodells. Durch die vermeintliche Lösung, wie Wasserspeicher- und Wassertransferinfrastrukturen, Fernerkundungstechnologien zur Kontrolle des Wasserverbrauchs oder hydrologische Modelle, die die Mindestabflussmenge des Grundwasserleiters in den Fluss festlegen, wurde jene sozial-ökologische Koalition, die die Nachhaltigkeit der Bewässerung sowohl in Valencia als auch in La Mancha grundlegend infrage stellt, an den Rand gedrängt. Die sozial-ökologische Konfliktperspektive zeigt hier, wie die Entstehung und Lösung eines Verteilungskonflikts zwischen den sozial-ökologischen Koalitionen in Valencia und La Mancha ein hegemoniales, extraktivistisches Wassernutzungsmodell in beiden Regionen aufrechterhielt. Gleichzeitig wird aber auch eine Koalition sichtbar, die diese gesellschaftlichen Naturverhältnisse grundlegend infrage stellt.
Ausblick
Die beispielhafte Anwendung der sozial-ökologischen Konfliktperspektive auf die Auseinandersetzungen im Flusseinzugsgebiets des Júcar in Spanien gibt erste Hinweise auf die analytischen und praktischen Potenziale des Konzepts. Das Konzept verschiebt den Blick von reinen Verteilungskonflikten von Ressourcen hin zur konflikthaften Aushandlung von unterschiedlichen Lebensweisen mit der Natur. In diesen Aushandlungsprozessen nehmen natürliche Elemente und Prozesse eine eigenständige Rolle ein, welche mit den Vorstellungen bestimmter menschlicher Akteure übereinstimmen und mit denen anderer im Widerspruch stehen können. Das Konzept macht diese Eigenständigkeit sichtbar und untersuchbar. Dies ermöglicht eine komplexere Analyse des Ineinandergreifens von gesellschaftlichen Machstrukturen und Umweltdynamiken in Konflikten. So kann besser nachvollzogen werden, warum in vielen Umweltkonflikten die Koalitionen marginalisiert werden, die eine nachhaltigere Lebensweise mit der Natur einfordern. Andererseits treten auch von der Natur ausgehende emanzipatorische Potenziale zutage, die aus einer anthropozentrischen Perspektive übersehen werden. Hier kann eine transdisziplinäre Konfliktbearbeitung ansetzen: weg von der reinen akademischen Analyse von Umweltkonflikten hin zu einer Gestaltung dieser Konflikte in Richtung nachhaltigerer Lebensweisen mit der Natur.
Dieser Beitrag wurde zuerst auf dem Blog des Political Ecology Networks in einer kürzeren Fassung veröffentlicht. Beide Blogartikel basieren auf dem wissenschaftlichen Artikel „Social-ecological conflicts: An emancipatory conceptual approach by bringing other-than-humans into environmental conflict analysis“, der im Oktober 2025 in dem Journal „Environment and Planning E: Nature and Space“ veröffentlicht wurde und hier abgerufen werden kann.
Autor*innen
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David Kuhn
David Kuhn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISOE und forscht insbesondere zu Konflikten, Infrastrukturen und Sicherheit in der Wasserversorgung. -
Markus Rauchecker
Markus Rauchecker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISOE.